Keine Meinung abseits des Mainstreams

Leserbrief zu „Orwells Triumph: die Kulturen der Lüge“, nmz 2/06, S. 14


(nmz) -

Düster ist es geworden, „alles brüchig“, „der Boden vergiftet“, Orwells Roman „1984“ Wirklichkeit geworden: „die ,freie’ Presse im siegreichen Westen wirkt oft merkwürdig gleichgeschaltet“, passend dazu ein „neuer ,big brother’-Totalitarismus“, schlimmer noch, „Kulturen der Lüge“ haben sich etabliert!


Nur gut, dass es die Neue Musikzeitung und Ihren Autor Helmut Hein gibt, die sich des heiklen Themas endlich annehmen und dem Lügentrend trotzen, indem wenigstens Sie ehrlich und aufrecht genug sind, uns die Wahrheit zu offenbaren.

Wobei es dem einfachen Leser zunächst schwer fällt zu kapieren, worum es eigentlich geht. Denn Hein lässt die Katze erst in der zweiten Spalte richtig aus dem Sack. Zu Anbeginn geht es nämlich teilweise noch um Kunst und Musik („die ,reinste‘ aller Künste“), für die Neue Musikzeitung kein ungewöhnliches Thema. Kunst und Musik, so Hein weiter, „existieren nicht in einem (…) Elfenbeinturm, (…) sondern mitten in der Gesellschaft“. Davon kann wahrlich jeder Musikschullehrer ein Lied singen!

Im weiteren Verlauf lernt der neugierige Leser, dass Kunst (also auch Musik) neben anderen Ausformungen der Gesellschaft auf einem „Humus“ gedeiht, nämlich auf der Kultur beziehungsweise den Kulturen. Und das war’s dann mit Musik und dergleichen, denn jetzt öffnet der Autor sein Kuriositätenkabinett: Zum Normalfall ist offenbar die „Kultur der Lüge“ geworden, „wer einfach nur sagt, was er denkt“, verfällt dem „Verdikt“.

Bei so was wird’s mir immer sofort kribbelig, denn die Ansicht, man könne in Deutschland nicht sagen, was man wolle, wird besonders gern von Gruppen am äußersten rechten Rand des politischen Spektrums vorgetragen. Aber egal, hier geht es nicht um die Nazis, sondern um den Komponisten Stockhausen. Der sagte nämlich zum 11. September:

„Was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen – das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat.“ Und: „…dann werden 5.000 Leute in die Auferstehung gejagt.“

Offenbar war es mein Fehler, 2001 nicht mein Gehirn umzustellen, denn wenn ich einfach nur sage, was ich denke, so dies: Wie kann ein vernünftiger Mensch bloß so einen Schwachsinn reden? Hein sieht das anders: Mitgefühl für die Opfer ist bei ihm „rituell“, also unaufrichtig, wohingegen Stockhausen überlegenerweise „rein ästhetisch und analytisch reagierte“. Zur Beruhigung des Autors sei angemerkt, dass der dem Verdikt verfallene „misfit“ Stockhausens wieder häufiger aufgeführt wird, ein Blick auf seine Homepage genügt.

Ein weiteres Opfer der Lügenkultur findet Hein in der indischen Autorin Arundhati Roy: Sie sagte, was sie dachte, nämlich dass Bush und Bin Laden „,dunkle‘ Brüder“ seien. Ihre Argumente, die uns Hein leider vorenthält, seien nicht geprüft worden. Schade! Aber dass Frau Roy totgeschwiegen würde („man kann auch lügen, indem man verschweigt“), ist glatt gelogen: Sie schreibt zwar noch nicht für die nmz, aber immerhin schon mal für den SPIEGEL. Daneben heimste die Frau diverse Preise ein und reist von einem viel beachteten Vortrag zum nächsten.

Auch der iranische Staatspräsident Ahmadineschad wird böswilligerweise falsch interpretiert: Er will keine Juden ermorden, sondern den „,zionistischen‘ Staat Israel nur durch ein multi-ethnisches, ,demokratisches‘ Palästina“ ersetzen. Prima, dass sich Ahmadineschad für Demokratie stark macht, wer möchte da nicht laut Beifall klatschen? Doch die gleichgeschalteten Medien unterstellen dem armen Mann, so Hein, „schiere Mordlust“. Dazu ein paar Fakten: Ahmadineschad möchte das heute schon multi-ethnische und demokratische Israel von der Landkarte tilgen, oder beispielsweise nach Schleswig-Holstein verlegen. Dummerweise wollen die Israelis nicht schon wieder auf Wanderschaft gehen. Die vom Iran unterstützte Hamas möchte trotz internationaler Appelle und in Aussicht gestellter finanzieller Hilfe nicht von ihrem Grundsatz abrücken, Israel zu zerstören. Daneben hat Ahmadineschad die Creme-de-la-Creme der Revisionisten-Szene zu einer Holocaust-Konferenz geladen, deren Ergebnisse man sich unschwer ausmalen kann. Und bis Ende des Jahres hat er dann noch Atomwaffen… Für Helmut Hein offenbar alles halb so wild, denn „man kann auch lügen, indem man (…) die Geschichte so erzählt, dass sie der Zuhörer falsch versteht“. In der Tat!

Und so geht es weiter im Rundumschlag: Da wird der Steuerexperte Kirchhof mal eben zum „Steuerexperten“ Kirchhof. Klar doch, Pollini ist auch nur „Pianist“. Und am Schluss wird’s ganz böse: Da wird Langzeitarbeitslosen angeblich „gedroht“, wenn sie nicht zu Hause sind. Dazu sei gesagt, dass es selbstverständlich Aufgabe der Ämter ist, Missbrauch bei Hartz 4 zu bekämpfen. Und es ist einfach nur praktisch, bei einer sich auftuenden Arbeitsgelegenheit den Suchenden gleich an der Strippe zu haben.

Zum Abschluss noch eine kleine Bemerkung: Wer wie Hein schreibt: „Zu manchem scheint eine abweichende Meinung nicht möglich, weil man dadurch seine Existenz, seine Stellung riskierte (sic!)“, meint offenbar, seine Meinung sei vom üblichen Mainstream abweichend. Weit gefehlt, lieber Helmut Hein! Hier unterliegen Sie dem populären Irrtum, Sie gehörten, mit dem, was Sie schreiben, zu einer exotischen Minderheit.

Ich empfehle daher, bei der nächsten Party einfach mal Folgendes vom Stapel zu lassen:

„Also ich finde Bush gar nicht so schlecht. Erst den Irak befreien, dann mit zehn Billionen US-Dollar neue Umweltschutztechnologie fördern.“

Und dann schauen Sie sich mal um!

Michael Weiss, Ratingen

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