Klangkultur in Pianissimo-Nuancen

Das Minguet Quartett beim Studio Neue Musik Berlin


(nmz) -
Im Bereich der zeitgenössischen Musik hat sich das 1988 gegründete und inzwischen international renommierte Minguet Quartett spätestens mit der Gesamtaufnahme der Streichquartette der Komponisten Wolfgang Rihm, Peter Ruzicka und Jörg Widmann profiliert.
Ein Artikel von Adelheid Krause-Pichler

Mit klarer Aussage und atemberaubender dynamischer Spannbreite sind die vier Musiker Ulrich Isfort (Violine), Annette Reisinger (Violine), Arna Sorin (Viola) und Matthias Diener (Violoncello) in allen großen Konzertsälen zu Gast. Dem Leiter des Studio Neue Musik des DTKV Berlin, Dr. Gabriel Iranyi, konnte es gelingen, mit einem Programm ausschließlich von Berliner Komponisten nicht nur das Quartett zu gewinnen, sondern auch einen nicht unbeträchtlichen Zuschuss der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, dem die Durchführung des Konzertes im Berliner Konzerthaus zu verdanken ist. Der Komponist Peter Ruzicka ist zwar in erster Linie als Leiter der Salzburger Festspiele bekannt, wirkte jedoch nahezu zehn Jahre als Intendant des Radio-Symphonie-Orches ter in Berlin und auch seine Oper „Hölderlin“ wurde in der Staatsoper unter den Linden in Berlin 2008 uraufgeführt. Im gleichen Jahr entstand das Streichquartett No. 6 „Erinnerung und Vergessen“, zu dessen Realisierung im Werner-Otto- Saal die Sängerin Laura Aikin engagiert wurde. Für die Gesangspartien im vierten und sechsten Satz seines Werkes verwendet Ruzicka Texte aus Hölderlins „Mnemosyne“. Mit beeindruckender Kraft der Aussage und gleichzeitiger Leichtigkeit der Stimme gestaltet die Sopranistin die Worte ins Klanggeflecht des Quartetts: „Wie Rosse, gehn die gefangenen Element und alten Gesetze der Erd. Und immer ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht …“ Nicht nur der bekannten „Lulu“- Interpretin Laura Aikin, sondern auch dem Minguet Quartett, dem das Werk gewidmet ist, ist diese Komposition auf den Leib geschrieben. Mit großer dramaturgischer Geste – um Vergänglichkeit, Stille und Tod zu verdeutlichen – sowie aus dem Nichts entstehenden großen Crescendi werden die Zuhörer ins Geschehen involviert.

Die Uraufführung des Werkes „ensanguentou- se a fonto dos sonhos“ für Streichquartett (2016) von Samuel Tramin lässt die Musiker Klangbilder zeichnen, Prozesse zwischen Auflösung und Verdichtung, mehrfach von scheinbar bekannten klassischen Phrasen unterlegt. Der Komponist beschreribt den Kompositionsprozess im Programmheft mit den Worten : „Angeregt durch die Beschäftigung mit Zeichnungen, Radierungen, verschiedenen Drucktechniken der bildenden Kunst und der Schwarz-Weiß-Fotografie wird mit rudimentären, sehr klaren, einfachen und flächigen musikalischen Mitteln gearbeitet. Musikalische Formen bilden sich durch die Dynamik zwischen komplementären Elementen, das Verschieben von Vorder- und Hintergründen bei gleichzeitiger Anwesenheit und wechselnder Dichte mehrerer Elemente.“ Auch hier trug die Interpretation des Minguet Quartetts zum Verständnis der vom Komponisten angestrebten Aussage bei.

Die nicht im Programm notierte, jedoch höchst willkommene Anmoderation der Werke durch die ausnahmslos anwesenden Komponisten machte für das zahlreich erschienene interessierte Publikum einen besonderen Reiz aus und trug natürlich erheblich zum Verständnis der Werkstrukturen bei.

Gabriel Iranyi‘s Streichquartett No.5 „Stufungen, Annäherungen“, 2013 entstanden, erfuhr an diesem Abend seine deutsche Erstaufführung. Auch dieses Werk ist dem Minguet Quartett gewidmet, mit dem der Komponist bereits seit mehr als 20 Jahren verbunden ist. Die fünfsätzige Komposition ist zyklisch konzipiert und thematisiert die emotionale Beziehung zwischen räumlicher und zeitlicher Entfernung und Nähe. Den fünf Sätzen sind deutlich unterschiedene Charaktere zugeordnet, mikrotonale Triller und changierende Klangblöcke treten hervor, scheinbar gewichtslose Spiralbewegungen stehen gegen statische Strukturen. Die sphärenharmonische Wirkung des Quartetts war im Saal spürbar und erreichte die Hörer wiederum durch die hochkonzentrierte Darbietung der Musiker. Der Komponist Stefan Lienenkämper bedient sich in seinem Streichquartett Nr. 3 , 2012 als Auftragswerk der Pyramidale für das Sonar-Quartett entstanden, der Klangentwicklung des gesamten Quartettkörpers, der als eigenständiges Instrument erscheint. Hierzu erklärt er selbst: „Das einsätzige Werk ist fast durchgängig von einer Funktionaleinheit der Instrumente geprägt. Es herrscht zum Beispiel oft ein rhythmisches Unisono der Instrumente, vor und oft bilden sich Flächen, die von nur einer oder wenigen unterschiedlichen Tonhöhen bestimmt sind. Der Ton wird hier verortet und umgrenzt von geräuschhaften Klängen der Streichinstrumente …“

Das Konzert mit vier außergewöhnlichen Streichquartett-Werken darf ohne Übertreibung als ein Highlight in der Reihe Studio Neue Musik des DTKV-Berlin genannt werden. Das Minguet Quartett, dessen Namenspatron Pablo Minguet sich im 18. Jahrhundert mit seinen philosophischen Schriften für den Zugang zu den Schönen Künsten für das breite Volk einsetzte, wurde diesem Anspruch vollends gerecht. Wie viele andere Dinge aus dieser aufklärerischen Zeit gilt auch hier: Nur die Bildung umfassenden Wissens und die Neugier auf intellektuelle Werte führen zu einer kulturbewussten Gesellschaft. Das Minguet Quartett vertritt diesen Aspekt mit hohem Können, erkennbarer Dramaturgie und klaren Strukturen für den Hörer.

Ähnliche Artikel