Klassische Alben, zu preisgünstigen Paketen geschnürt

Jazzneuheiten, vorgestellt von Marcus Woelfle


(nmz) -
Gespräche mit jüngeren Jazz-Freunden haben in den letzten Jahren gezeigt, dass es an jazzgeschichtlichen Grundlagen mangelt. Man kennt zwar einige Giganten der Vergangenheit, aber von ihnen oft Alben, die im Gesamtwerk eine untergeordnete Rolle spielen. Etwa erst kürzlich veröffentlichte Mitschnitte von Coltrane, Evans oder Monk, und zwar nur deshalb, weil sie von Plattenfirmen beworben und von unsereins besprochen wurden, die Bekanntheit der „klassischen Alben“ fälschlich als gegeben voraussetzend. Während klassisches Repertoire der so genannten E-Musik durch Neuinterpretationen ständig im Gespräch ist, werden klassischen Alben des Jazz, denen ja der journalistische Neuheitswert fehlt, fast dem Vergessen anheimgegeben.
Ein Artikel von Marcus A. Woelfle

Nicht alle Sammler werden in den meist teureren, oft klanglich verbesserten Einzelausgaben der Original­labels oder gar in kostspielige Editionen wie etwa die vorbildlichen, luxuriösen Mosaic-Boxen investieren. Da ist es erst einmal begrüßenswert, wenn Labels klassische Alben in wohlfeilen Ausgaben anbieten. Nehmen wir sie in unregelmäßigen Abständen unter die Lupe und betrachten heute das Label Enlightenment. Die Boxen des Labels bestehen meist aus 4 CDs, auf denen acht Originalalben kombiniert werden. Bei manchen Künstlern gibt es mehrere Boxen, so dass die einzelnen Ausgaben sich bestimmten Zeiträumen widmen. So gibt es bei Art Farmer Boxen für 1955–1957, 1958–1961 et cetera. Leider wird dieses Ordnungsprinzip nicht beibehalten und man geht bei einigen Künstlern nach Label vor.

Da gibt es zum Beispiel von Stanley Turrentine „The Classic Blue Note Collection“, die heuer einige Monate vor dem 20. Todestag vorlag. Sie deckt nur die Jahre 1960 bis 1962 ab (obgleich auch seine späteren Blue-Note-Alben klassisch sind). Doch nicht einmal bei diesem Zeitraum sind sie komplett. Man findet die Originalalben, aber nicht die zusätzlichen Stücke, die Blue Note später veröffentlicht hat. So ist „Blue Hour“ bei Blue Note längst zum Doppel-Album angewachsen. Es ist freilich in Ordnung, nur das Album in Originalgestalt zu bringen, doch dann hätte man gerne auch die Original-Liner-Notes, zumindest das genaue Aufnahmedatum und den Aufnahmeort. Auch wird der Eindruck erweckt, es sei eine Ausgabe des Labels Blue Note selbst, was unredlich ist. Da wäre es besser gewesen, mit Turrentines erstem Album von 1960 auf dem Label Time anzufangen, zumal es der einzige Vorteil von Enlightenment gegenüber einem Label wie Blue Note sein kann, auch andere Labels zu berücksichtigen.

An Stelle der Original-Liner-Notes gibt es einige Seiten Biographie, oft auf Wikipedia-Grundlage. Manchmal ist es als Einführung ganz ordentlich, bisweilen finden sich aber falsche Behauptungen, die zeigen, dass sich die Herausgeber nicht näher mit der Diskographie beschäftigt, geschweige denn weiter recherchiert haben. Nehmen wir „Gigi Gryce. The Classic Albums 1955–1960“. Da wird behauptet, die Box enthalte alle seine Aufnahmen mit Jazz Lab. Dabei fehlen einige Alben mit Jazz Lab, die 1957 auf den Labels Columbia, Jubilee bzw. Verve erschienen und übrigens auf CD erhältlich sind. Schaut man sich die Besetzungsliste an, sieht es aus als würden auf dem ersten Album Horace Silver und Thelonious Monk gleichzeitig Klavier spielen, Oscar Pettiford und Percy Heath gleichzeitig Bass… In Wirklichkeit handelt es sich je nach Stück um verschiedene Besetzungen. (Dass man es auch anders machen kann zeigt das Label Real Gone Jazz „Gigi Gryce. Eight Classic Albums“. Da ist bei jeder Aufnahme eindeutig vermerkt, wer auf welchem Stück spielt.) Gigi Gryce, der im November 95 Jahre alt geworden wäre, schrieb so ansprechende Themen wie „Minority“, „Nica’s Tempo“ und „Social Call“. Sein Sound auf dem Altsaxophon berührte und war unverwechselbar; seine Partituren zeigen ihn als einen der herausragenden Arrangeure der 50er Jahre. Und doch zog sich der verkannte Gigant zu Beginn der 60er Jahre überraschend aus der Jazz-Szene zurück und wurde Lehrer – und fast vergessen. Da ist so ein schlampiges Denkmal immer noch besser als gar keines. Mit ein bisschen mehr Sorgfalt böte das Label „Enlightenment“ eine unschlagbare Möglichkeit für wenig Geld eine platzsparende Sammlung an klassischen Jazz-Alben anzulegen. (Enlightenment)

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