Königin der Instrumente im Digitalzeitalter

Neue Musik auf neuen CDs, rezensiert von Max Nyffeler


(nmz) -
Der österreichische Komponist und Organist Wolfgang Mitterer führt in seiner Orgel-CD „Stop Playing“ fort, was vor vierzig Jahren der Cage-Interpret Gerd Zacher und Dieter Schnebel in „Choralvorspiele“ entwickelt haben: Das Spiel mit Registerzügen, variablem Luftdruck, Nebengeräuschen und Mundpfeifen. Zusätzlich nutzt er nun aber auch den Computer zur Nachbearbeitung des in drei verschiedenen Kirchen aufgenommenen Klangmaterials. In den technisch vorzüglich realisierten Kompositionen ist der Naturklang der Orgel weitgehend erhalten geblieben. Der sanfte Einsatz der Elektronik verrät den Respekt des Kenners vor einem Instrument, das jahrhundertelang als Wunderwerk mechanischer Tonerzeugung gegolten hat und dessen Klangpotenzial auch heute noch nicht ausgeschöpft ist. Mitterer hat hier die Tür zur weiteren Erforschung aufgestoßen. (Col legno WWE 1CD 20296)
Ein Artikel von Max Nyffeler

Kopplungen

Noch einen Schritt weiter in der Kombination Orgel plus Computer geht der 1977 in Danzig geborene und in Köln lebende Maciej Sledziecki. Für seine Komposition „Kopplungen“ benutzte er die moderne Orgel in der Kunst-Station Sankt Peter in Köln, die mit ihren zahlreichen Schlagwerk-Registern über ein markant erweitertes Farbspektrum verfügt und obendrein vom Anschlag über die Register bis zum Winddruck per MIDI steuerbar ist. Das MIDI-System verband Sledziecki mit einer computergesteuerten Installation im Kirchenraum, deren bewegliche Module die Impulse liefern. Der so entstehende Klang ist extrem facettenreich und wird durch die Aufnahme räumlich stark aufgefächert. Die CD-ROM enthält sowohl drei Audioversionen als auch ein Video, das diese experimentelle Kopplung von Rauminstallation mit Orgelklängen dokumentiert. (www.satelita.de)

Witold Lutosławski (1913–1994) gehört wie Ligeti, Boulez oder Berio zu den Klassikern der Nachkriegsmoderne und hat zur Herausbildung einer Musiksprache der Gegenwart einen bedeutenden Beitrag geleistet. In einem Konzertmitschnitt, der ein Jahr vor seinem Tod in Toronto entstanden ist, dirigiert er Werke des letzten Lebensjahrzehnts: Die konzertante „Partita“ für Violine und Klavier mit Orchester, „Chain 1“ und „Chain 2“, in denen er die Technik der mehrsträhnigen Entwicklung von Klangschichten zur Vollendung gebracht hat, das geheimnisvolle, an Ives gemahnende „Interlude“ sowie den fantastischen Orchesterliederzyklus „Chantefleurs et Chantefables“ nach Texten des Surrealisten Robert Desnos. Ein authentisches Dokument, das die Möglichkeit bietet, die nicht geringen Reize von Lutosławskis elaborierter Musiksprache besser kennenzulernen. (Naxos 8.572450)

Holzsammler-Gesänge

In seiner Text/Musik-Collage „Gesänge eines Holzsammlers“ unternimmt Klaus-Hinrich Stahmer eine Annäherung an die orientalische Gedankenwelt. Den roten Faden bilden die Gedichte des Libanesen Fuad Rifka, gelesen von ihm selbst und in deutscher Übersetzung. Dazwischen und teilweise als Begleitung Instrumentalsätze mit Klavier, Rahmentrommel und der arabischen Zither Qanun. Es ist eine nachdenkliche, stille Musik, angesiedelt zwischen Komposition (Klavier) und kompositorisch strukturierter Improvisation und passend zum melancholisch-verhaltenen Tonfall der Poetenstimme. Und zum Glück ohne den üblichen Polit- und Solidaritätskram. Texte und Musik wirken als Kunst, nicht als Sprachrohr. (Wergo Arts 8109 2)

Die Musik von Rolf Riehm entspricht ungefähr dem, was in der Literatur „Gedankenlyrik“ genannt wird: Eine Kunst, die auf Reflexion aufbaut und mit einem dichten Netz semantischer Bezüge aufwartet. Eindeutig zu entschlüsseln sind sie nicht, und wer mehr wissen möchte, ist auf die Erklärungen des Komponisten angewiesen. Dass es aber auch ohne Gebrauchsanweisung geht, zeigen die drei vom SWR-Sinfonieorchester gespielten Orchesterwerke. Die extrem individualisierten Klänge sind Ausdruck eines eigenwilligen Denkens und beeindrucken durch ihr bloßes So-Sein: Grell und krass bis kauzig, sind sie Zeugnis eines unbeirrten Glaubens an das Wirkungspotenzial einer Spaltklang- und Kontrastästhetik. (Telos TLS 128)

Für Dokumentaristen

The Best of Donaueschingen 2009: Die Ernte des letztjährigen Neue-Musik-Wochenendes im Schwarzwald enthält einen Teil der Wander-Oper „Batsheba. Eat the History“ von Manos Tsangaris, zwei Orchesterwerke sowie vier Ensemblekompositionen. Akustisch attraktiv präsentieren sich vor allem „Apon“ von Furrer, „Strange Attractors“ von Christopher Trebue Moore und „Swing“ von Franck Bedrossian. Ansonsten stillt die 3-CD-Edition eher die Leidenschaft von Dokumentaristen als die von Hörern. (Neos 11051-53)

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