Komplexität und Klarheit gehören zusammen

Dave Holland im Gespräch mit Hans-Jürgen Schaal


(nmz) -

nmz 2000/10 | Seite 36
49. Jahrgang | Oktober

Ein Artikel von Hans-Jürgen Schaal

Jazz, Rock, Pop

Komplexität und Klarheit gehören zusammen

Dave Holland im Gespräch mit Hans-Jürgen Schaal

Von einem Karrieresprung, wie ihn Dave Holland machte, träumt jeder junge Musiker. Mit 22 wird er bei einem Club-Auftritt in London zufällig „entdeckt“ – ausgerechnet von Miles Davis. Der holt den jungen, unbekannten Briten in die USA und macht ihn zum Rückgrat seiner Rhythmusgruppe. Bald ist er einer der meistbeschäftigten (und meistbewunderten) Jazz-Bassisten aller Zeiten. In den 80er-Jahren sorgt Dave Holland auch als Bandleader für Furore: Mit Querdenker Steve Coleman (Saxophon), Einzelgänger Kenny Wheeler (Trompete), Newcomer Robin Eubanks (Posaune) und Sound-Spezialist Marvin „Smitty“ Smith (Schlagzeug) entwickelt das Dave-Holland-Quintett das markanteste, individuellste Bandkonzept jener Zeit. Es folgen Quartette, Trios, Solo-Projekte, jede Menge Sideman-Jobs. Seit 1997 arbeitet Holland erneut mit einer Quintettbesetzung.

neue musikzeitung: Nun bist du also wieder beim Quintett gelandet…

Dave Holland: Ich wollte zwei Bläser haben, weil das die kompositorischen Möglichkeiten bereichert und auch mehr Abwechslung in die Improvisationen bringt. Es hebt schlicht die Qualität der Gruppe.

: Kannst du in wenigen Worten das aktuelle Band-Konzept (mit Chris Potter, sax, Robin Eubank, tb, Steve Nelson, vibes, Billy Kilson, dr) beschreiben?

: Lange Zeit – bis in die 80er-Jahre hinein – habe ich vor allem in offenen Formen gespielt, in denen der freie Dialog und die Interaktion wichtig waren. Irgendwann begriff ich aber, dass es bestimmte Dinge gibt, die man nur mit strengen, geschlossenen Formen erreichen kann. Coltrane etwa schrieb „Giant Steps“, um bestimmte Ideen auszuprobieren. Ich sah, dass geschlossene Formen auch für mich wertvoll sein könnten, aber ich wollte das auf eine neue Art versuchen – mit asymmetrischen Perioden von drei, fünf oder sieben Takten oder mit wechselnden Taktarten innerhalb eines Stücks. Darum ging es mir auf den letzten beiden CDs. Außerdem habe ich versucht, meine Musik gleichzeitig einfacher und komplexer zu machen. Ich denke dabei an das Beispiel von Duke Ellington: Eine klare Melodie und ein packender Rhythmus sprechen die Leute unmittelbar an, aber dahinter und darunter gibt es dann noch eine Menge anderes zu entdecken.

: Du hast einst mit traditionellem Jazz begonnen, mit Dixieland…

: Tatsächlich habe ich sogar mit den Top-40-Hits der Popmusik begonnen! Da war ich 13 und spielte Rhythmusgitarre in einer kleinen Band: Wir hatten drei Gitarren, Schlagzeug und einen Sänger. Nach ein paar Wochen sahen wir ein, dass wir einen Bass brauchten, und ich meldete mich freiwillig. Das war 1959. Zwei Jahre später wurde ich Profi, spielte bei Tanzveranstaltungen, studierte andere Pop-Bassisten und entdeckte dann eines Tages ein Exemplar des Jazz-Magazins „Downbeat“. Darin fand ich die Polls, und der Sieger bei den Bassisten war ein gewisser Ray Brown. Also beschäftigte ich mich mit seiner Musik, kaufte mir bald einen Kontrabass, spielte mit 17 in einer Tanzkapelle und kam so nach London. Dort studierte ich bei einem klassischen Kontrabassisten und belegte dann einen Drei-Jahres-Kurs an der Guildhall. Meine ersten Jazz-Konzerte in London waren tatsächlich Traditional Jazz in der Art von Louis Armstrong und King Oliver. Von dort kam ich aber innerhalb von vier verrückten Jahren über den Bebop bis hin zu Auftritten mit John Surman, Chris McGregor oder Evan Parker: Musik, die von Ornette, Cecil Taylor und Coltrane beeinflusst war.

: Passenderweise hast du nach der Zeit bei Miles dann auch mit amerikanischen Avantgardisten gespielt, mit Anthony Braxton oder Sam Rivers.

: Ja, zu dieser Art von Musik hatte ich schon in London gefunden. Aber auch bei den Live-Auftritten mit Miles spielten wir in der Rhythm Section richtig freie Sachen, Improvisationen in offener Form. Dann gingen Chick Corea und ich von Miles weg, wir gründeten die Band „Circle“. Daraus entstand auch meine erste Leader-Platte, „Conference of the Birds“: Das waren drei Viertel von „Circle“ – plus Sam Rivers statt Chick Corea.

: Das heißt, es gibt einen musikalischen Faden, der von „Conference“ über das erste Quintett bis zu deiner aktuellen Formation führt?

: Absolut. Die Melodien sind immer noch ganz genauso, nur die Ausarbeitung ist etwas anders.

Diskografische Empfehlungen

Dave Holland Quartet 1972: Conference of the Birds
Dave Holland Quintet 1984: Seeds of Time
Dave Holland Quintet 1999: Prime Directive (alle: ECM/Universal)

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