Konzepte mit Modellcharakter und Innovationspotenzial

Die ersten Preisträger des Hochschulwettbewerbs für Musikpädagogik wurden in Trossingen ausgezeichnet


(nmz) -
Am 18. Mai wurden im Rahmen des 58. Deutschen Hochschulwettbewerbs erstmals musikpädagogische Projekte ausgezeichnet. Bereits 1963 initiierten die deutschen Musikhochschulen den Wettbewerb, der jährlich im Mai stattfindet. Anlässlich des Aktionsjahres für die musikalische Bildung und Ausbildung wurde von der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen die zusätzliche Kategorie Musikpädagogik eingeführt. Damit sollen hervorragende musikpädagogische Projekte ausgezeichnet werden, die Modellcharakter sowie Innovationspotenzial besitzen; ein weiteres Kriterium ist die Qualität des Konzepts und der Durchführung.
Ein Artikel von Ulrike Langer

So konnten sich einzelne Studierende oder Projektgruppen mit bis zu drei Studierenden bis zum 15. Dezember 2009 mit einem bereits durchgeführten Projekt bewerben. Profilieren konnten sich die Projekte durch ein besonderes Thema, die Zielgruppe, einen besonderen Kontext oder einen ungewöhnlichen Prozess. Beim Abschlusskonzert des Hochschulwettbewerbs an der Hochschule für Musik Trossingen wurden zwei Preise für Musikpädagogik verliehen. Die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung, gestiftet vom Verband deutscher Musikschulen, ging zu gleichen Teilen an Ingrid Schorscher, Rhythmik-Studentin der Hochschule Trossingen, und an André Obermüller, Gitarren-Student der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden.

Die 32-jährige Ingrid Schorscher wurde für ihr Rhythmikprojekt mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen aus der Erziehungshilfe ausgezeichnet, das sie im Rahmen ihres künstlerischen Aufbaustudiums entwickelt hat und in Zusammenarbeit mit der Schule des Lebens/Mutpol umsetzen konnte. Nach einer dreimonatigen Vorbereitungs- und Kennenlern-Phase begann die Studentin im Oktober 2009 einmal wöchentlich mit sieben Schülern im Alter von 10 bis 14 Jahren die Projekt-Praxis, die in das Ganztagsangebot der Schule integriert war. Um einen inhaltlichen Zugang zu den Jungen zu finden, wählte sie das Thema Computerspiele.

Dabei ging es Ingrid Schorscher nicht um den medienpädagogischen Aspekt, sondern um eine künstlerische Auseinandersetzung, die den Schülern erlaubte, sich mit Bekanntem neu zu beschäftigen und vorhandenes Wissen einzubringen. Die erste Arbeitsphase endete im Dezember, Anfang Mai wurde das Ergebnis als Musiktheaterstück unter dem Titel „GameOver“ zur Aufführung gebracht. „Diese Art von Arbeit, die mit Wahrnehmung zu tun hat, die Arbeit mit Rhythmik und all den Mosaik-Teilen, so etwas kannten die Schüler aus ihrem bisherigen Unterricht nicht.“ Aber auch für sie selbst war der Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen neu. „Man muss erst einmal die pädagogischen Dinge, die man gelernt hat, über den Haufen werfen. Es geht da vor allem um Menschliches.“

Nach thematischen Vorgaben erfanden die jungen Darsteller Bewegungsabläufe, die sich an alltäglichen Begebenheiten oder an Charakteren aus Computerspielen orientierten. So erarbeitete Ingrid Schorscher unter sensomotorischen, rhythmischen und sozialkommunikativen Aspekten kleine Szenen in Musik und Bewegung. Zur Klangerzeugung und zur Improvisation verwendete sie Materialien wie Inline-Protektoren und Ölfässer. „Mit der ganzen Gruppe zu arbeiten, war fast unmöglich“, berichtet sie und betont, wie wichtig es war, Methoden und Medien in Phasen geringer Aufmerksamkeit der Schüler häufig zu wechseln. Die sozialpädagogische Leiterin der Einrichtung, Petra Bässler, begleitete das Projekt: „Das tut ihnen wirklich gut.“ Als Assistentin stand Ingrid Schorscher eine Studien-Kollegin und Freundin zur Seite, mit der sie sich neben Dierk Zaiser und Petra Bässler vor allem über andere Perspektiven und weitere Verhaltensmöglichkeiten für die Unterrichtseinheiten austauschte. „Das war eine tolle Arbeit für die Kinder und es wäre eigentlich optimal, wenn es weiter ginge“, meint Ingrid Schorscher. Doch zunächst muss sie sich ihrem Studienabschluss widmen, der ihr nicht nur in der Rhythmik, sondern auch im Fach Akkordeon bevorsteht.

Hätte ihn sein ehemaliger Professor nicht darauf aufmerksam gemacht, hätte André Obermüller womöglich gar nicht bemerkt, dass der Wettbewerb nun auch das Fach Musikpädagogik aufgenommen hat. Der 1979 in Kassel geborene Musikpädagoge verwirklichte sein preisgekröntes Projekt „Musikpädagogisches Arbeiten mit gehörlosen Jugendlichen“, begleitend zu seiner Diplomarbeit, mit elf Schülern der Klassen 9 und 10 der Johann-Friedrich-Jencke-Schule für Gehörgeschädigte in Dresden über einen Zeitraum von vier Wochen im Januar/Februar 2008. Einmal wöchentlich unterrichtete er für eine Doppelstunde die teilnehmenden Jungen, wofür ihm die Musikhochschule Dresden ein umfangreiches Perkussionsinstrumentarium zur Verfügung stellte. Thematisch durch seine Diplomarbeit vorbereitet, gestaltete André Obermüller den Unterricht zunächst intuitiv und dann darauf aufbauend. Den zeitlichen Rahmen von vier Wochen bezeichnet er als kurz: „Das Projekt hatte eher Workshop-Charakter. Aber ich habe es so konzipiert, dass es auch hätte weitergehen können. Wir wären dann mehr in die kontrollierte Bewegung gegangen und hätten mehr Melodik einbezogen.“

Seine Intention, bei den gehörlosen und schwerhörigen Jugendlichen Interesse an Musik zu wecken, eigene rezeptive und praktische Fähigkeiten zu erproben und Musik als künstlerische Ausdrucksform zu verstehen, ist André Obermüller geglückt. „Das macht mir Spaß“, schrieb ein gehörloser Schüler sein Feedback auf, „wir trommeln gemeinsam und ohne zu warten. Das war einfach super.“ André Obermüller wünscht sich, dass sein Projekt weitere Anstöße in Schulen, Gehörlosenzentren und in der Gehörlosengemeinde gibt. „Wenn man gehörlosen Schülern etwas zutraut und sich auf sie einstellt, bemerkt man, dass es hinsichtlich ihrer Musikalität eigentlich kaum einen Unterschied gibt.“ Aber auch in den Köpfen Hörender erhofft sich der Musikpädagoge eine Annäherung: „Ein unzureichend vorhandener auditiver Sinneskanal sollte nicht an die Unmöglichkeit des Musikerlebens glauben lassen, sondern zum Umdenken herausfordern, und somit auch den eigenen Wahrnehmungshorizont von Musik erweitern und bereichern können.“

Inzwischen ist er als Lehrkraft für verschiedene Trommelkurse an der Schule für Gehörgeschädigte tätig, sein aktuelles „Herzensprojekt“ ist die neu gegründete Schulband. Seine Arbeit in diesem Bereich möchte der Student gerne wissenschaftlich weiterführen und vertiefen.

Der Hochschulwettbewerb für Musikpädagogik wird jährlich ausgeschrieben und soll auf die Bedeutung der musikalischen Bildung und der musikpädagogischen Ausbildung aufmerksam machen. 

CrossCulture: GameOver http://www.youtube.com/watch?v=Ay3f…
http://www.youtube.com/watch?v=NEtl…

Weitere Preisträger des Hochschulwettbewerbs

1. Preis Oboe: Nanako Kondo (Hochschule für Musik Karlsruhe)
2. Preis Oboe: Kyeong Ham (Staatliche Hochschule für Musik Trossingen), Viola Wilmsen (Musikhochschule Lübeck)
2. Preis Akkordeon: Heidi Luosujärvi­ (Folkwang Hochschule Essen),
Mateja Zenzerovic (Hochschule für Musik und Theater Hannover); ein ers­ter Preis wurde nicht vergeben.

„Preis der Jury“ für die beste Klavierbegleitung: Na Rey Park (Staatliche Hochschule für Musik Trossingen); ein Preis im Fach Komposition wurde nicht vergeben.

 

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