Kranfahrten und Verbeugungen

Neue Komponistenporträts mit Strauss, Strawinsky, Penderecki, Lauridsen und Kox


(nmz) -
Ein Komponist Neuer Musik, von tausenden jungen Menschen bei einem riesigen Open-Air-Spektakel beklatscht? Das kann wohl nur einem Krzysztof Penderecki in Polen passieren. Anlass ist die Zusammenarbeit mit Radiohead-Gitarrist und Filmkomponist Johnny Greenwood, der „48 Responses“ auf dessen Stück „Polymorphia“ geschrieben hat, die wiederum auf den Klassiker „Threnos“ zurückgehen, wobei wohlgemerkt alle drei Werke beim Festival erklingen.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Leider macht Anna Schmidt in ihrem Porträt „Paths through the labyrinth“ nach diesem Einstieg kaum Anstalten, nach Gründen für Pendereckis beispiellose Bekanntheit und Popularität zu suchen. Vielmehr ergeht sie sich in huldvollen Verbeugungen vor dem Meis­ter, unter anderem in Form pompöser Kranfahrten über Pendereckis zugegebenermaßen spektakulären Baumpark, sein „Arboretum“, wo der Komponist auf 20 Hektar verteilt über 1.700 Baumarten gepflanzt hat. Auch die Labyrinth-Metapher trägt nicht über die eineinhalb Stunden Filmlänge, sodass eigentlich nur die Probenausschnitte und die eine oder andere Selbstauskunft, etwa über Interpretationsvorgaben („ich lasse keine Freiheit“), in Erinnerung bleiben (C Major 715504).

Mit entwaffnendem Selbstbewusstsein kommentiert Penderecki auch das Programm, das im November 2013 zu seinem 80. Geburtstag in Warschau über die Bühne der Nationaloper ging und in ausgezeichneten Interpretationen den Bogen von „Threnos“ über das originelle Violine-Kontrabass-Duo bis zum leicht schwülstigen „Credo“ spannte. Höhepunkt ist das souverän gebaute Concerto grosso für drei Celli und Orchester, zu dem der Komponist ganz pragmatisch zu Protokoll gibt, er hätte es gerne für sechs Solisten geschrieben, aber das würde mit zwölf gegebenenfalls notwendigen Flugtickets die Aufführungsmöglichkeiten doch stark einschränken… (Accentus Music ACC20276)

Auch Michael Stillwater weiß in seinem Film über den als neoromantischer Chorkomponist nicht weniger populären Morten Lauridsen kaum wohin mit seiner Verehrung, sodass „Shining Night“ mit zunehmender Dauer den Charakter eines Werbeclips annimmt – eine Stoßrichtung, die sich im Bonusmaterial bestätigt findet, wo Chorleiter animiert werden, Konzerte mit einer Filmvorführung zu verbinden. Immerhin nötigen der Ernst und die Glaubwürdigkeit, mit der Lauridsen auf einer Insel im San Juan Archipel seiner Arbeit nachgeht, gewissen Respekt ab. (Hännsler Classics DVD 98046)

Ernst und glaubwürdig – das passt auch auf den holländischen Komponisten Hans Kox, den Arjen Vlakveld und Henk van der Meulen im Rahmen einer CD/DVD-Box filmisch porträtieren. Im Zuge der Avantgarde der 1960er-Jahre marginalisiert, der er sich nicht anschließen wollte, findet sein immer wieder die eigene Kriegserfahrung reflektierendes Werk in seiner Heimat inzwischen breite Anerkennung. Die erfolgreiche Aufführung seiner 5. Symphonie, um die der Film kreist, ist ein Beleg dafür. (Attacca ATT 2014137)

Keinen stringenten Zugriff auf sein Thema findet Thomas Steinacker in der Dokumentation „Richard Strauss and his heroines“. Nur sehr lose streift der chronologische Abriss immer wieder das zweifellos zentrale Sujet, das der Filmtitel andeutet: die Bedeutung der Frauenrollen in Strauss‘ Werk. Auch die Interviewausschnitte mit Brigitte Fassbaender, Renée Fleming und anderen können in ihrer Kürze kaum mehr als Schlaglichter setzen (Arthaus 102 181).

Als Ganzes vermag auch Marco Capalbos Film „Stravinsky in Hollywood“ nicht zu überzeugen. Vor allem die Entscheidung das schöne Originalmaterial durch nachgestellte Szenen mit Schauspielern anzureichern, erweist sich als ungeeignet. Immerhin entsteht aber ein Gefühl für die Bedeutung dieses längs­ten Lebensabschnitts Strawinskys und für die zentrale Rolle, die Robert Craft als Assistent und Freund dabei einnahm. In Sachen Filmmusik kann Capalbo außerdem mit zwei kleinen Rekonstruktionen punkten: Wenn er nämlich dessen unvollendete (und später in die „Symphony in three movements“ und die „Ode“ eingegangene) Musik zu „The Song of Bernadette“ und „Jane Eyre“ unter die entsprechenden Szenen legt, wird deutlich, warum Strawinsky und Hollywood im Sinne einer Arbeitsbeziehung nicht zusammenfinden konnten… (C Major 716404)

Marco Capalbos Film „Stravinsky in Hollywood“

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