Krisenhafte Ereignisse und kreative Antworten

Musikalische Entwicklungswege unter Pandemiebedingungen als Gegenstand musikpädagogischer Forschung?


(nmz) -
Lukas Bugiel begründet in seiner jüngst veröffentlichten Dissertation eine Theorie musikalischer Bildung als Transformationsprozess. Anknüpfend an den von Hans-Christoph Koller eingeführten Begriff transformatorischer Bildung führt er aus, wie dieser auf musikalische Bildungsprozesse übertragen werden kann.
Ein Artikel von Tatjana Dravenau

Als Auslöser von Entwicklungsprozessen wird eine Erfahrung, die sich von allem vorher Bekannten unterscheidet, angenommen. Wie Menschen auf dieses Fremde, Neue, sich vom Bekannten Unterscheidende, auf diese Krisenerfahrung reagieren und welche kreativen Antworten sie darauf finden, prägt ihren Bildungsweg. Bugiels Studie kann daher als Anregung gelesen werden, die sich während der Pandemie vollziehenden Entwicklungen im Bereich der Musikpädagogik zu erforschen. Gleichzeitig stellt sie einer solchen Forschung die theoretische Grundlage zur Verfügung.

Hans-Christoph Koller beschreibt in seiner 2011 ausformulierten Theorie Bildung als einen Transformationsprozess, innerhalb dessen sich bestehende Figuren des Welt- und Selbstverhältnisses verändern. Damit greift er den Bildungsgedanken Humboldts auf, der Bildung als „höchste und proportionierlichste Ausbildung“ der Kräfte eines Menschen mit dem Ziel der „Verknüpfung unsres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung“ versteht; erweitert ihn aber insofern, als er den Auslöser von Bildungsprozessen nicht mehr prioritär im Menschen und in dessen Wunsch nach Entfaltung der ihm innewohnenden Kräfte sieht, sondern die Einwirkungen der Welt auf den Menschen als Auslöser für Bildungsprozesse annimmt. Koller erörtert, wie die vorhandene Einstellung eines Menschen zur Welt und zu sich selbst erfasst und beschrieben werden kann, welche Anlässe zu Auslösern für Veränderungen werden und wie sich wiederum dieser Veränderungsprozess erforschen und dokumentieren lässt.

Lukas Bugiel legt nun mit seiner im Februar 2021 im transcript Verlag Bielefeld erschienenen Dissertation „Musikalische Bildung als Transformationsprozess“ erstmals einen theoretischen Ansatz vor, der den Bildungsbegriff Kollers in das Feld der Musikpädagogik überführt. Analog zu dessen Argumentationsstruktur fragt er zunächst, was der Gegenstand musikalischen Welt- und Selbstbezugs sei, um dann die Bedingungen für die Auslösung von Veränderungen sowie Methoden für deren Verlaufsbeschreibung zu untersuchen. Er führt den Begriff des ‚musikalischen Wissens‘ ein und definiert dieses als ein „nicht-propositionales, affektiv dimensioniertes Vollzugswissen klanglichen Sinns“, also als ein Wissen, das sich a) im Medium des Klanges artikuliert ohne, wie zum Beispiel die Sprache, eine über den Klang hinausgehende Bedeutung zu haben, das sich b) auf die Tätigkeit des Singens, Spielens, Hörens oder Imaginierens von Musik richtet, das c) nur in einem zeitlichen Vollzug zu erfahren ist (die Aussage eines Textes kann gerafft zusammengefasst werden, der Klangeindruck eines Musikwerkes nicht) und das d) immer auch ein Gefühl, die kognitive Verbalisierung eines Affektes beinhaltet: Im Hören oder Spielen von Musik erfahre ich nicht nur, wie eine bestimmte Musik klingt, sondern auch, wie ich mich im Moment der Begegnung mit ihr fühle. Musikalische Figuren des Weltverhältnisses sind nach Bugiel die eingeübten und habituell verfestigten Modi des Erfassens von Musik, über die ich verfüge. Die Summe meiner Erfahrungen, wie ich mich selbst als spielenden oder hörenden Menschen erlebe und empfinde, figuriert mein musikalisches Selbstbild.

Was kann nun dazu führen, dass Veränderungsprozesse des musikalischen Welt- und Selbstbilds einsetzen? Koller hatte, unter Bezugnahme auf Bernhard Waldenfels und Günter Buck, eine negative oder Fremdheits-Erfahrung, zu deren Bewältigung die vorhandenen Strukturen nicht mehr ausreichen, als auslösendes Moment von Veränderungen beschrieben. Bugiel geht hier einen entscheidenden Schritt weiter, indem er betont, dass nicht die Krisenerfahrung allein, sondern erst die kreative Antwort darauf einen Bildungsprozess in Gang setzt. Er greift auf den von Jürgen Vogt geprägten Begriff des ‚Schlüsselereignisses‘ zurück, der sowohl die Erfahrung des musikalisch Fremden als auch ein bestimmtes Antwortverhalten darauf umfasst.

Bezüglich der Möglichkeiten der Erforschung und Beschreibung von Bildungsprozessen bleibt Bugiel dem erziehungswissenschaftlichen Paradigma treu, dass Bildung ein innerer Vorgang und somit nicht unmittelbar beobachtbar sei. Möglich sei dagegen dessen nachträgliche Rekonstruktion, zum Beispiel durch die Auswertung autobiographischer Interviews, in denen Menschen ihren musikalischen Bildungsweg und dessen Schlüsselerlebnisse schildern. Bugiel plädiert hier für eine Wiederaufnahme der musikalischen Biographieforschung, die nach den vielbeachteten Studien von Hans Günter Bastian und Heiner Gembris in den 1990er-Jahren nicht in gleichem Umfang weiterverfolgt wurde. Auch hier bringt sich Bugiel mit einer interessanten Idee zur Weiterentwicklung ein: Um die Gegenstandsangemessenheit der Forschung zu gewährleisten, regt er an, nicht nur Textquellen wie Interviewtranskriptionen zu nutzen, sondern ebenso musikalische Dokumente zu berücksichtigen, um den musikalischen Bildungsweg eines Menschen forschend nachzuvollziehen.

Es gelingt Bugiel mit seiner Studie, den transformatorischen Bildungsbegriff Kollers sinnvoll an den Gegenstandsbereich der Musikpädagogik anzubinden. Der Erscheinungszeitpunkt dieser Publikation erhöht ihre Relevanz, denn wenn, in der Argumentation Bugiels, Krisenerfahrungen und kreative Antworten darauf Auslöser von Bildungsprozessen sind, dann entstehen in der (nicht nur) musikpädagogischen Ausnahmesituation der Pandemie gerade zahlreiche Bildungsanlässe. Aus der Perspektive musikpädagogischer biographischer Forschung kommt noch hinzu, dass durch die Verlagerung musikpädagogischen Handelns in die virtuelle Welt, durch die Nutzung digitale Medien in Form von Instrumental- und Gesangsunterricht via Skype, Ensembleproben per Jamulus und durch gestreamte Meisterkurse, Wettbewerbe und Konzerte musikpädagogisches Material in nie gekannter Fülle digital produziert und damit archivier- und erforschbar wird. Der Appell Bugiels, bio­grafische Forschungsansätze wieder stärker in die musikpädagogische Forschung miteinzubeziehen, kommt zum richtigen Zeitpunkt. Wir alle werden uns ein Leben lang daran erinnern, wie die gegen die Pandemie ergriffenen Maßnahmen unser Lehren, Lernen und Musizieren beeinflusst und verändert haben. Das jetzt entstehende Material zu sichern und in den folgenden Jahren forschend auszuwerten, ermög­licht einen Erkenntnisgewinn, der über die unmittelbare Anforderung der Krisenbewältigung weit hinausgeht. Diesen Gewinn sollten wir uns nicht entgehen lassen.

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