Künstliche Intelligenz in der Musikvermittlung

… und warum sie keinen Konzertpianisten ersetzen kann


(nmz) -
Karl-Heinz Simon ist Professor für Klavier und Klaviermethodik an die Hochschule für Musik in Dresden. In einem gemeinsamen Projekt des Exzellenzclusters Centre for Tactile Internet with Human-in-the-Loop (CeTI) mit Prof. Dr. Frank Fitzek (Kommunikationsnetze), Prof. Shu-Chen Li (Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaft der Lebensspanne) und Prof. Dr. Susanne Narciss (Psychologie des Lehrens und Lernens) von der Technischen Universität Dresden begibt er sich auf die Suche nach den Möglichkeiten des taktilen Internets, Mensch-Maschine-Interaktion und künstlicher Intelligenz für die Musikvermittlung am Beispiel des Klavierspiels. Im Interview gibt er einen Einblick in das aktuelle Forschungsvorhaben und erklärt, warum Musikerzeugung mehr ist, als zur richtigen Zeit den richtigen Ton zu treffen.

Worum geht es in Ihrem Forschungsvorhaben?

Gemeinsam mit einem Forschungsteam des Exzellenzclusters CeTI aus Elektro- und Kommunikationstechnikern, Informatikern, Psychologen und Neurowissenschaftlern der TU Dresden versuchen wir zunächst die Möglichkeiten technischer Hilfsmittel und perspektivisch auch der künstlichen Intelligenz für das Klavierspiel auszuloten. Ein Ansatz ist taktiles Internet – also Datenübertragung und Feedback von den Tastsinn ansprechenden Bewegungsanreizen mittels Sensoren und Aktuatoren. Neben einer breit gestreuten Umfrage unter Klavierlehrern und ihren Schülern, welche Hilfsmittel sie für sinnvoll erachten würden, beginnen wir, das Klavierspiel auf objektive Qualitätsaspekte zu untersuchen. Mit Hilfe von Ganzkörperanzügen und Handschuhen, die mit speziellen Sensoren ausgestattet sind, können wir den Körper und die Bewegungsformen eines Pianisten virtuell abbilden.

Welche Rolle spielen Sie in dem Forschungsteam?

Ich bin für den musikalischen und pianistischen Sachverstand zuständig. Obwohl ich mich für Technik schnell begeistern kann, stehe ich der Digitalisierung von Musikunterricht sehr kritisch gegenüber. Deshalb freue mich über die Möglichkeit, die Zielrichtung und die Parameter für sinnvolle Ergebnisse mitgestalten zu dürfen. Der ganze Mensch - Körper und Geist – spiegeln sich in dessen Klavierspiel. Objektiv betrachtet hat jeder Ton eine Länge, eine Lautstärke und eine Höhe. Klavierspiel als Ausdrucksform ist aber meiner Meinung nach bereits von Anfang an wesentlich mehr, als die Aneinanderreihung von richtigen Tönen in der richtigen Lautstärke und Länge. In diesem Sinne helfe ich bei der Suche nach konkreten Anforderungen für die Datenerfassung und Visualisierung.

Wie könnte künstliche Intelligenz bei der Vermittlung von Musik behilflich sein?

Es gibt jetzt schon digitale Ansätze, die mit Hilfe von speziellen Handschuhen Impulse geben, welche Taste zu welchem Zeitpunkt zu drücken ist. Dies ist nach meiner Auffassung das Gegenteil von dem, was ich unter Musizieren und künstlerischem Ausdruck verstehe. Außerdem gibt es den Gedanken, durch künstliche Intelligenz eine Art automatischen Klavierlehrer entstehen zu lassen, der das Klavierspiel analysiert und Verbesserungsvorschläge macht. Bevor es so weit kommt, dass Klavierlehrer durch künstliche Intelligenz ersetzt werden, müsste es zunächst viel mehr objektive Kriterien für die Bewertung von Klavierspiel geben, die auch der Individualität des Ausdrucks gerecht werden. Ich glaube nicht an dieses Szenario.

Was interessiert Sie an dem Thema Musik in Verbindung mit künstlicher Intelligenz?

Ich interessiere mich für die Frage, inwieweit künstliche Intelligenz bei der Beurteilung des Klavierspiels helfen kann. Das wäre zum Beispiel denkbar für die Gleichmäßigkeit, die bei ausdrucksvollem Spiel allerdings nicht die mathematische Gleichmäßigkeit darstellt, sondern neu zu definieren ist. Wenn wir das geschafft haben, könnte es bei aller Individualität der Ausführung trotzdem objektiv sichtbare Kriterien geben, die auf Schwachstellen und Verbesserungsmöglichkeiten hinweisen. Damit ließe sich nicht nur der Klavierunterricht selber bereichern, sondern auch der Methodik-Unterricht für zukünftige Musikpädagogen.

Welche digitalen Hilfsmittel können Sie sich für Ihren Unterricht vorstellen?

Ich wende bereits einige an. Zum Beispiel die Möglichkeiten von Flügeln mit Aufzeichnungsfunktion. Diese können das Spiel fast identisch reproduzieren. Dies ist allein durch das Abspielen schon sehr hilfreich und in mancher Beziehung aussagekräftiger als eine reine Audioaufnahme. Zusätzlich bieten diese Flügel über eine Midi Schnittstelle die Möglichkeit, das Gespielte am Computer grafisch darzustellen, auszuwerten und zu bearbeiten. Die Analyse dieser Daten auf dem Computer bietet noch sehr großes Forschungspotential.

Was hätten Schüler von diesen neuen Möglichkeiten?

Zum Klavierspiel gehört nicht nur eine Entwicklung der Motorik, sondern auch die Entwicklung eines entsprechenden Gehörs. Die Veranschaulichung des Klavierspiels wird dabei helfen das Gehörte differenzierter wahrzunehmen.

Was bringt die Visualisierung beim Üben?

Wenn man nicht nur hören, sondern auch sehen kann, welche Härte, Gleichmäßigkeit oder Geschmeidigkeit das Gespielte hat, kann die akustische Wahrnehmung differenziert ausgebildet werden. Eine andere Form der Visualisierung ist die gleichzeitige grafische Darstellung von Mustern und Formen, die den Fokus beim Üben von motorischen Abläufen externalisieren soll. Wenn diese Visualisierung die Aufmerksamkeit nur auf die Bilder anstelle der Musik lenkt, wäre der Effekt allerdings verfehlt.

Wie sieht für Sie persönlich die Musikvermittlung der Zukunft aus?

Ich würde mir wünschen, dass Musikvermittlung eine Mensch-zu-Mensch-Beziehung ist und bleibt. Technische Hilfsmittel können Einzel- und Gruppenunterricht sicher immer besser ergänzen, aber in keinem Falle diese sehr persönliche zwischenmenschliche Beziehung ersetzen. Und dennoch denke ich, dass die große Chance der Digitalisierung in dem zunehmend geöffneten und niederschwelligen Zugang zu Musikunterricht auch auf niedersten Ebene ist. Eine erstklassige Musikausbildung sollte nicht elitären Kreisen vorbehalten sein.

Was können Roboter und Maschinen am Klavierspiel nicht ersetzen?

Unsere Seele. Die Tonerzeugung hat natürlich mechanische Aspekte, die von Maschinen leicht imitiert werden können. Aber letztendlich ist es doch das Ziel des Musikers, etwas aus seinen Gefühlen, seiner Vorstellungswelt und aus seiner individuellen Persönlichkeit klanglich umzusetzen. Ich glaube nicht, dass ein Computer jemals in der Lage sein wird, eine Beethoven-Sonate zu interpretieren. Es kann sein, dass man nicht beim ersten Hören den Unterschied zwischen Mensch oder Maschine erkennen kann, aber individuelle Interpretationen werden damit in keinem Fall erzeugt.

Im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele wird das Kooperationsprojekt mit dem Exzellenzcluster CeTI mit der Technischen Universität Dresden am 3. Juni vorgestellt und live gestreamt. Mirjam Hinrichs, Klavier-Studentin der HfM Dresden wird mit Hilfe eines Ganzkörperanzuges und Handschuhen, die aktuellen Forschungsmethoden zur Digitalisierung und Verbildlichung des Klavierspiels veranschaulichen.

Zur Person:
Karl-Heinz Simon ist seit 2017 Professor für Klavier und Klaviermethodik an der Hochschule für Musik in Dresden. Schon früh widmete er sich der Förderung junger Pianisten. Zahlreiche Schüler seiner Klasse sind Preisträger bei nationalen und internationalen Wettbewerben. Regelmäßig leitet er künstlerische und pädagogische Fortbildungen und wird als Juror zu Klavierwettbewerben eingeladen. Außerdem war er bis 2018 mehrere Jahre künstlerischer Leiter beim Kultursommer Rheinland-Pfalz in Germersheim.

Das könnte Sie auch interessieren: