Kulturpolitik und Informationsgesellschaft

Kulturwirtschaft rückt in Zukunft stärker ins Blickfeld


(nmz) -

Kulturpolitik und Informationsgesellschaft scheinen zunächst zwei Bereiche zu sein, die weit auseinander liegen. Unter Kulturpolitik wird zumeist die Förderung von Kultureinrichtungen oder kulturellen Projekten, also Förderpolitik, verstanden. Die Entwicklung der Informationsgesellschaft wird als politische Aufgabe in erster Linie von der Wirtschafts- und Technologiepolitik aufgegriffen. Kulturpolitik erscheint in diesem Zusammenhang häufig als Randthema.

Ein Artikel von Olaf Zimmermann

Kulturpolitik und Informationsgesellschaft scheinen zunächst zwei Bereiche zu sein, die weit auseinander liegen. Unter Kulturpolitik wird zumeist die Förderung von Kultureinrichtungen oder kulturellen Projekten, also Förderpolitik, verstanden. Die Entwicklung der Informationsgesellschaft wird als politische Aufgabe in erster Linie von der Wirtschafts- und Technologiepolitik aufgegriffen. Kulturpolitik erscheint in diesem Zusammenhang häufig als Randthema.Diese Betrachtungsweise hängt unter anderem auch damit zu- sammen, dass gerade in den letzten beiden Jahren die Kulturpolitik stark auf die bereits angeführte Förderpolitik fokussiert wurde. Im Mittelpunkt der Debatte stand und steht immer noch die Aktivierung privater Mittel für Kultureinrichtungen, kulturelle Projekte sowie für Künstlerinnen und Künstler. Die Debatte um die Reform des Stiftungssteuer- und des Stiftungszivilrechts ist zu erheblichen Teilen eine Diskussion um künftige Wege der Kulturfinanzierung.

Die Dominanz der staatlichen Förderpolitik in der kulturpolitischen Debatte hat zur Folge, dass die Kulturwirtschaft wie zum Beispiel Tonträgerhersteller, Musikverlage, Galerien aus dem Blick geraten und damit ebenso die Künstlerinnen und Künstler.

Die Entwicklung der Informationsgesellschaft ist eine Herausforderung für alle Politikfelder, so selbstverständlich auch für die Kulturpolitik. Wie kaum eine andere technische Neuerung in der Vergangenheit verändert die Entwicklung der Informationsgesellschaft alle Bereiche des gesellschaftlichen und privaten Lebens innerhalb kürzester Zeit. Dauerte die Industrialisierung noch mehrere Jahrzehnte, bis sie im Wirtschaftsleben Platz griff, verändern die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien innerhalb weniger Jahre Produktion und Handel. Auf den Wirtschaftsseiten der Zeitungen und Zeitschriften ist von den Chancen und Risiken der New Economy die Rede und fast könnte man meinen, die herkömmliche Ökonomie sei von gestern. – Auch wenn die Kursverluste der jüngsten Zeit viele der hoch gesteckten Erwartungen auf ein realistisches Maß zurückgeschraubt haben. –
Überholt uns also die Realität der Informationsgesellschaft und wird damit jedes Nachdenken über eine zukunftsfähige Kulturpolitik in der Informationsgesellschaft zu einem „Nach“-denken im Sinne des „Hinterher“-denkens? Ich meine entschieden, dass dies nicht der Fall sein darf. Meines Erachtens ist es vielmehr die vornehmste Aufgabe der Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker, Ideen, Visionen für eine zukunftsfähige Kulturpolitik zu entwickeln und hierfür zu streiten. Die Informationsgesellschaft ist dabei der Hintergrund auf dem die neuen Ideen entwickelt werden müssen.

Wandel der Kulturwirtschaft

Entwicklung der Informationsgesellschaft heißt zunächst einmal, dass neue Informations- und Kommunikationstechnologien in breitem Umfang in der Produktion, im Dienstleistungssektor und in den privaten Haushalten genutzt werden. Die Nutzung dieser neuen Technologien hat zu beträchtlichen Produktivitätszuwächsen und einer erheblichen Beschleunigung geführt. Ebenfalls können Arbeitsprozesse räumlich getrennt voneinander stattfinden.
Die Informations- und Kommunikationstechnologien verändern auch die Produktion und Distribution in der Kultur- und Medienwirtschaft erheblich. Beispiele hierfür sind in allen Kulturwirtschaftsbranchen zu finden.

„Book On Demand“, das heißt der Druck von Büchern auf Bestellung, ist eine tief greifende Veränderung der gesamten Verlagsbranche. Bücher, die nur auf einen kleinen Kreis an Interessenten treffen, können mit Hilfe der neuen Technologie auf Bestellung in der gewünschten Stückzahl gedruckt werden. Investitionskosten in die Produktion können so gesenkt werden. Ebenso entfallen die Lagerhaltungskos-ten. Für kleinere Verlage kann die Nutzung dieser Technologie eine Überlebenschance bedeuten, da Kosten gesenkt werden können. Zu berücksichtigen ist aber auch, dass schon heute der Zwischenbuchhandel, der bislang nicht verlegerisch tätig war, Angebote für „Books on Demand“ unterbreitet. Das heißt der Zwischenbuchhandel erobert für sich ein neues Geschäftsfeld. Welche Auswirkungen diese Entwicklung auf die gesamte Verlagsbranche haben wird, kann heute noch nicht abgeschätzt werden. Es ist aber anzunehmen, dass sich die Situation der mittleren Verlage, die zu klein für internationale Kooperationen und zu groß für das Agieren eines Kleinverlags sind, dramatisch verschärfen wird.

Neue Überlebensstrategien

Doch nicht nur der Verlagsbereich verändert sich durch die neuen Produktionsmöglichkeiten. Auf Grund des Internetbuchhandels unterliegt auch der Buchhandel einem Wandlungsprozess. Obwohl die Internetbuchhandlungen wie bol, amazon et cetera bislang noch nicht gewinnbringend wirtschaften, werden sie auf Dauer gesehen am klassischen Buchhandel nicht spurlos vorübergehen. Daher bleibt auch der Buchhandel von Konzentrationsprozessen nicht verschont. Bereits seit langem gibt es die überregional tätigen Buchhandlungen, die sich mit gemeinsamen Marketingmaßnahmen eine entsprechende Marktposition erobern konnten. Demgegenüber haben sich die Spezialbuchhandlungen etabliert, die mit einem auf ihr Publikum zugeschnittenen Sortiment ihre Marktstellung halten wollen. Auch hier werden die mittleren Buchhandlungen ebenso wie die Verlage Strategien zum wirtschaftlichen Überleben entwickeln müssen.

Eine kulturpolitische Herausforderung wird der Erhalt der Buchpreisbindung sein, die auf Grund der bestehenden Konzentrationsprozesse und der Marktstrategien vieler Verlage auf wenige „schnell drehende“ Titel zu setzen, immer schwerer zu verteidigen ist. Auch Musikverleger und Musikalienhandlungen werden von den Veränderungen, die sich auf dem Literaturbuchmarkt abzeichnen, nicht unberührt bleiben.

Im Hinblick auf die Tonträgerindustrie zeigt sich, dass die Verbreitung der Informations- und Kommunikationstechnologien beim Endverbraucher Auswirkungen auf die Marktposition der Kulturwirtschaftsunternehmen hat. Mit MP3 gibt es einen Standard, der es erlaubt, in akzeptabler Geschwindigkeit und Qualität Musik direkt aus dem Internet zu laden. Der Tonträgerindustrie entsteht dadurch ein erheblicher wirtschaftlicher Verlust, der letztlich zu Lasten des Aufbaus junger noch nicht bekannter Künstlerinnen und Künstler geht.
Darüber hinaus entstehen massive wirtschaftliche Verluste durch illegale Kopien von CDs. Auf Grund des Preisrückgangs bei der Hardware haben CD-Brenner eine starke Verbreitung gefunden. Das Kopieren von Musiktiteln und das Brennen von CDs mit „Lieblingstiteln“ ist seither preisgünstig möglich. In den Schulen hat sich daraus ein teilweise schwunghafter Handel mit Raubkopien entwickelt. Ein Bewusstsein, dass dieses Brennen von eigenen CDs illegal ist, besteht zumeist nicht.

Die Filmbranche erlebt durch das neue Komprimierungsverfahren derzeit mit ein wenig Verspätung den MP3-Schock der Tonträgerindustrie. Andere künstlerische Sparten wie die bildende Kunst oder auch die darstellende Kunst stehen vor ähnlichen Herausforderungen.
Eine zukünftige und zukunftsfähige Kulturpolitik muss meines Erachtens von der Vorstellung, Kulturpolitik ist allein die Förderung von Kultureinrichtungen, Abstand nehmen. Zwar wird Kulturpolitik immer auch Förderungspolitik bleiben müssen. Dank der staatlichen Kulturförderung verfügt Deutschland über eine einmalige Infrastruktur an Kultureinrichtungen. Es steht meines Erachtens außer Frage, dass der Staat als Kulturstaat auch in der Zukunft die Verpflichtung hat, Einrichtungen wie Museen, Theater oder Bibliotheken zu finanzieren.

Bessere Rahmenbedingungen

Es muss aber ebenso radikal auf den Prüfstand gestellt werden, ob die vorhandenen Formen der Kulturfinanzierung tauglich sind oder ob andere Instrumentarien entwickelt werden müssen, die betriebswirtschaftliches Handeln und die Einwerbung von privaten Mitteln möglich machen.
Kulturpolitik muss aber zugleich wesentlich stärker als bisher darauf achten, dass die Rahmenbedingungen im Arbeits- und Sozialrecht, im Urheberrecht, im Steuerrecht und im Wettbewerbsrecht stimmen.

Der Kulturwirtschaft muss ein erheblich größerer Stellenwert eingeräumt werden. Kulturpolitik der Zukunft muss die Märkte stärker in den Blick nehmen. Und sie muss für einen vernünftigen Ausgleich der Rahmenbedingungen für die Künstler und die Verwerter Sorge tragen. Beide, Künstler und Verwerter, sind existenziell aufeinander angewiesen und beide brauchen vernünftige Rahmenbedingungen, um auf dem Markt Chancen zu haben. Zukunftsfähige Kulturpolitik muss zugleich dafür Sorge tragen, dass die Unternehmen den europäischen und internationalen Wettbewerb standhalten können. Der Kulturwirtschaftsmarkt Deutschland ist keine Insel. Die Rahmenbedingungen müssen daher so sein, dass die kultur- und medienwirtschaftlichen Unternehmen international konkurrenzfähig sind. Kulturpolitik muss die Entwicklung der Informationsgesellschaft aufnehmen und Anforderungen für gesetzliche Rahmenbedingungen formulieren.

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