Kunst spricht nicht immer für sich selbst

Klaus Zehelein über Neue Musik, Pädagogik und das Authentische in der Vermittlung


(nmz) -

Die Veranstalter des 3. Stuttgarter Musikfestes für Kinder und Jugendliche, die Stuttgarter Musikschule, die Stuttgarter Philharmoniker und die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, hatten vom 1. bis 9. Mai ein vielseitiges Programm für alle Altersgruppen zusammengestellt. Begleitend richtete die Musikhochschule Stuttgart für Studierende, Musiker und Musiklehrer das Symposion „Wege zur Neuen Musik – Perspektiven der Musikvermittlung“ aus. Zur Eröffnung sprach der Rektor der Musikhochschule, Werner Heinrichs mit dem Intendanten der Stuttgarter Staatsoper, Klaus Zehelein über die Situation der Neuen Musik in Hinblick auf das Publikum von morgen. Im Folgenden lesen Sie Auszüge aus den Antworten von Klaus Zehelein.


Wir müssen begreifen, dass wir lernen müssen, zu vermitteln

Die Musealisierung (des Konzertbetriebs) ist nicht nur die der Werke, sondern auch die des Publikums selbst. Das Problem ist ein gesellschaftliches, zum Teil aber auch hausgemacht. Die Veranstalter prahlen gerne mit Auslastungszahlen. Wenn Neue Musik gemacht wird, ist das mehr oder weniger wie ein Feigenblatt. An Schulen ist es genau das gleiche. Welcher Musiklehrer setzt sich denn mit Neuer Musik kompetent auseinander und hat Lust daran? Das Bewusstsein der Macher selbst muss man also ansprechen.

Neue Musik braucht immer Vermittlungsarbeit. Als wir anfingen, gingen wir davon aus, dass die Kunst für sich selbst spricht und wollten nicht eine Art „Volkshochschule“ für Konzerte und Aufführungen veranstalten. Das hat sich geändert. Wir müssen begreifen – und das gilt für die gesamte Kunstszene – , dass wir lernen müssen, was es heißt, vermittelnd zu arbeiten.

In Stuttgart haben wir 29 mal „Intolleranza 1960“ von Luigi Nono gespielt. Wir haben vor jeder Vorstellung eine Hinführung zu dem Stück gegeben, zu der 300 bis 400 Leute kamen. Wichtig ist, Verantwortliche zu finden, die mit Lust und Gewandheit das Publikum für Neues interessieren. Neue Musik ist immer schlecht, wenn sie verantwortungslos aufgeführt wird.
Wir haben eigentlich an der Hochschule gelernt, die Geige so zu benutzen, dass der Ton und die Technik brillant und fertig für die große Literatur ist. Jetzt will Lachenmann, dass wir umgekehrt einen Klang suchen müssen, den er sich vorstellt. In unserem Orchester gibt es viele, denen es Spaß macht, dem Publikum zu zeigen, wie schwer es ist, Lachenmann zu spielen. Und das kann auch dem Publikum Spaß machen. Die Arbeit an der Neuen Musik kann dazu führen, dass Menschen etwas über sich und über die Musik erfahren.

Es geht darum, etwas zu entdecken

Bei uns (im Opernhaus) geht es nicht in erster Linie um Pädagogik, sondern um Kunst.
Wir informieren aber auch Lehrer über unsere Projekte und bieten ihnen Fortbildungen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit an. In der Jungen Oper Stuttgart versuchen wir mit Schülern in einen Prozess einzutreten. Die Junge Oper hat vier Stellen, zwei für musik- und theaterpädagogische Arbeit. Die Zusammenarbeit der Jungen Oper mit jungen Sängern der Musikhochschulen entwickelt eine besondere Nähe zu den Kindern und Jugendlichen. Neu dabei ist, auch den Prozess des Probens im Musiktheater für Kinder zu öffnen. Im Instrumentalensemble der ersten Produktion 1996 war der jüngste Teilnehmer 14 Jahre alt und von der Stuttgarter Musikschule.

Kreativität zu entwickeln ist ein Kernbereich der Schule

Bei der Wissensvermittlung, wie wir sie im Moment betreiben, stimmt etwas nicht. Der Schule wird heute sehr viel zugesprochen. So soll auch die Erziehung über die Schule passieren, weil das Misstrauen gegenüber den Elternhäusern so groß ist.

Ein vernünftiges Land müsste jetzt etwas unternehmen. Kreativität zu entwickeln gehört zum Kernbereich der Schule. Aber wir lassen keinen Raum für die Produktiktivität des einzelnen Kindes. Dafür fehlt eine Lobby.

Deshalb stellt sich die Frage nach dem Musik- und Kunstunterricht neu. Es hat sich nach der PISA-Studie nichts geändert – trotz wissenschaftlich eindeutiger Untersuchungen über die Förderung des Kreativitätspotentials durch die Beschäftigung mit der Musik, den Künsten generell!

Die Vorbedingung, Kunst und Kultur wieder ins Zentrum zu rücken, wäre die Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins: Die Ökonomisierung unseres Daseins ist leider grundsätzlich. Wir sind solitäre Gruppen und müssen Verbündete finden, die dem entgegentreten. Und wir müssen mit der Politik anders reden.

Zum Schluss zwei konkrete Vorschläge für Konzert- und Theaterveranstalter bezüglich der Programmgestaltung mit Neuer Musik:

  • Glaube nicht, dass das, was dir keinen Spaß macht, anderen Spaß macht.
  • Vertrete nur die Kunst nach außen, die du vor dir selbst auch vertreten kannst.

Nur so überzeugt das Kunstwerk, sowohl in der Produktion, als auch gegenüber den Zuhörern.

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