Kunst wärmt

Cluster (2013/9 - 1)


(nmz) -
„Die eigentliche Geburtsurkunde der Kultur ist die menschliche Gebrechlichkeit, die deshalb auch mit Recht größere Erbansprüche auf ihre glanzvollen Werke erhebt als alle menschliche Erhabenheit und Größe.“ Das schreibt der Philosoph Franz-Josef Wetz in seinem Essay „Die Magie der Musik – warum uns Töne trösten“. Man kann das nicht oft genug wiederholen, denn es stimmt. Dagegen waren die letzten 30 bis 40 Jahre in der musikalischen Kulturpolitik davon geprägt, dass die Künste den Nachweis zu erbringen hatten, ihre Wirtschaftlichkeit zu beweisen – zur Not auch über Umwege (Oper schafft Arbeitsplätze, macht die Hotels voll, …). Kunst, Wirtschaft und Gesellschaft sind vollkommen unterschiedliche Dinge. Kunst ist immer und grundsätzlich defizitär genauso wie Pflege oder Sorge der Menschen für- und zueinander. Das passt in keinen Businessplan hinein. Man kann daher den Willen zu Kunst und Kultur nicht willkürlich in Form durchgestalteter Initiativen ankurbeln.
Ein Artikel von Martin Hufner

Nach dem griechischen Mythos hat Prometheus den schutzlos nackten Menschen das Feuer geschenkt, nicht den Fernseher, der das Bild des Feuers sendet, denn dieses wärmt nicht. Und auch nicht, wie Kierkegaard ihm vorwerfen lässt, Geld, obwohl es nötig wäre. Nichts entwürdigt einen Mensch so sehr wie Geld, sagt er. Auch Geld wärmt einen nicht, es sei denn, man macht damit ein Feuer. Ab hier passt das Bild, Kunst ist das gesellschaftlich gewollte Verbrennen von Geld, das dadurch Wärme zu spenden in der Lage ist. Denn wir gebrechlichen und endlichen Kreaturen auf der Welt bedürfen dieser Wärme.

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