Lauschen und Singen bei Bach in Leipzig

Ein Beispiel der musikalischen Exkursionen beim AMJ


(nmz) -

„Res severa verum gaudium“ steht in großen Bronzelettern an der Stirnwand des Neuen Gewandhauses zu Leipzig. Während eines langen Konzertes kann man schon mal in Versuchung kommen, die versunkenen Lateinkenntnisse für eine passende Übersetzung zusammenzukramen. Ist gemeint: „Wahre Freude ist eine ernste Angelegenheit“? Oder: „Erst wenn es ernst wird, macht es richtig Spaß“? Oder: „E-Musik ist die wahre U-Musik“?

Ein Artikel von Bärbel Haude

„Res severa verum gaudium“ steht in großen Bronzelettern an der Stirnwand des Neuen Gewandhauses zu Leipzig. Während eines langen Konzertes kann man schon mal in Versuchung kommen, die versunkenen Lateinkenntnisse für eine passende Übersetzung zusammenzukramen. Ist gemeint: „Wahre Freude ist eine ernste Angelegenheit“? Oder: „Erst wenn es ernst wird, macht es richtig Spaß“? Oder: „E-Musik ist die wahre U-Musik“?Jedenfalls ist es eine klare Absage an die Wertmaßstäbe einer Spaßgesellschaft, in der jeder Ernst nur stört. Für alle, die Chormusik betreiben, ist das nichts Neues: Wenn etwas, zum Beispiel gemeinsames Singen, richtig Spaß machen soll, muss man ernsthaft bei der Sache sein. So auch bei der „Singwoche mit Prof. Andreas Göpfert inklusive Bachfest in Leipzig“, bei der sich ein Chor von über 50 Teilnehmern zusammengefunden hatte, um einerseits mit Andreas Göpfert ein kleines, aber anspruchsvolles A-cappella-Programm einzustudieren und andererseits so intensiv wie möglich „Bach 2000“ in Leipzig mitzuerleben. Auf drei Ebenen mischten sich in dieser Woche die „Res severa“ und das „Gaudium“: bei den Chorproben, beim Erleben der Stadt Leipzig – und natürlich bei den Veranstaltungen des Bachfestes.

Verum Gaudium

Das Singen: Eine wahre Freude, Verum Gaudium, war es offenbar für Andreas Göpfert, einen so günstig zusammengesetzten Chor vorzufinden, dass er zum Beispiel bei Bachs „Geist“ das Notenstudium überspringen, gleich an die Feinarbeit gehen und insgesamt auf konzentrierte Probenarbeit rechnen konnte – was einen (vereinzelten!) Zornesausbruch des Maestro nicht ausschloss, als eines Morgens das am Vortag Errungene wieder versackt war: Res Severa…! Durch das eigene Singen erhielten wir Einblick in das Schaffen von Thomaskantoren aus vier Jahrhunderten, von Johann Hermann Schein bis Kurt Thomas – und genossen dabei Chorarbeit vom Feinsten! Drei der einstudierten Motetten wurden dann im Gottesdienst der Michaeliskirche am Leipziger Nordplatz gesungen. Chor und Dirigent nahmen das Lob der Gemeinde für eine gelungene Leistung (und das in so kurzer Zeit) gern entgegen.

Der Chor hieß übrigens in einem der Programmblätter „gesamtdeutscher Projektchor“; und das schon lange totgeglaubte Adjektiv rief den ganz überwiegend aus dem Westen kommenden Teilnehmern die deutsche Teilung noch einmal ins Gedächtnis: Ist sie wirklich schon Vergangenheit? Res Severa!

Die Stadt Leipzig: Beim Durchstreifen der Innenstadt von Leipzig konnten die Teilnehmer der Singwoche mühelos den Eindruck gewinnen, dass diese Stadt ihr „Bestes“ gefunden hat. Golden glänzen die Ornamente am Bankhaus neben der Thomaskirche, die Messehöfe sind einer schöner als der andere (Wer spricht noch von Jürgen Schneider?! Geld stinkt nicht!), der Bahnhof ist eine einzige Pracht, in den Straßencafés sitzen die Leute vor gigantischen Eisbechern und scheinen durchweg glücklich und zufrieden. Es ist unmöglich, sich der positiven Stimmung zu entziehen, die diese Stadt ausstrahlt. Verum Gaudium. Alles sieht nach dauerhaftem Wohlstand aus. Aber wer genauer hinsieht und -hört, merkt: die Verletzungen der Vergangenheit sind längst nicht geheilt, und neue sind hinzugekommen. Was wird zum Beispiel aus dem „Weisheitszahn“, dem Universitätshochhaus, für das die älteste Kirche Leipzigs 1960 in die Luft gesprengt wurde? Und die deprimierend verfallenen Wohnpaläste der Jahrhundertwende, die in fast jeder Straße die Reihen der renovierten Fassaden unterbrechen und die vor der Wende immerhin noch bewohnbar waren: Sie gammeln seit zehn Jahren wegen „ungeklärter Besitzverhältnisse“ dem Einsturz entgegen, ebenso wie die Industrieanlagen am Heyne-Kanal. Was wird die Zukunft der Stadt bestimmen: „Geld“ oder „Gerechtigkeit“? Wer sich an einem Nachmittag der Singwoche die historische Last Leipzigs (und der gesamten ehemaligen DDR und damit ganz Deutschlands) vergegenwärtigen wollte, hatte dazu reichlich Gelegenheit im neuen „Zeitgeschichtlichen Forum“ am Naschmarkt oder in der EXPO-Ausstellung zu den Monaten der „Wende“ in Leipzig im Hauptbahnhof. Wie vieles davon hatte man schon vergessen! Auch hier also auf Schritt und Tritt Gaudium neben Res Severa!

Und dann: BACH 2000, und wir als Konsumenten mittendrin! Der Veranstaltungsüberblick füllt über zwanzig Seiten im dicken „Bachfest-Buch“, und entsprechend verliefen sich die Singwochen-Teilnehmer im Verlauf der Nachmittage und Abende. Nur bei den großen Konzerten, zu denen wir Karten vorbestellt hatten, trafen wir uns abends in größerer Zahl und im feinen Zwirn als aufmerksames Konzertpublikum wieder. Empörend, wie in der Presse Georg Christoph Billers (und des Thomanerchors) so beeindruckende h-Moll-Messe heruntergemacht wurde! Und erstaunlich schlecht, der Mendelssohn-Abend in der Nikolaikirche! Und wie fand man denn die Dirigentin des Weltjugendorchesters im Gewandhaus? Und das Credo von Penderecki im Abschlusskonzert – sagenhaft!… – jede Menge Genuss und jede Menge Gespräche darüber (ernsthafte natürlich: Res Severa!). Wer gegen Mitternacht immer noch nicht genug hatte, ging zum Jazz in die Moritzbastei und konnte dort, wenn er Glück hatte, Variationen mal nicht über „B-A-C-H“, sondern über BASF hören. Verum Gaudium! Nach dem ausgewiesenen Höhepunkt des Bachfestes am Freitag, 28. Juli (Bachs Sterbedatum vor 250 Jahren) hatte man die d-Moll-Toccata so oft und in so vielen Versionen gehört – von früh um sieben an der Orgel der Thomaskirche bis lange nach Mitternacht unterm Regenschirm bei Open-Air – „Swingin Bach“ auf dem Marktplatz – , dass man dem Thomaskantor allmählich die Ruhe im Grabe zu gönnen begann.

Danke J.S.B.

Sein Grab soll zum Schluss erwähnt werden: wie wunderschön und geschmackvoll war das geschmückt – etwas ganz anderes als die offiziellen Kränze draußen vor dem Bach-Denkmal! Vielen von uns wurde beim Betrachten der schlichten Girlande aus Grün und dunkelroten Hortensien noch einmal richtig bewusst, wem wir die Erlebnisse dieser besonderen Leipziger Singwoche verdankten. Danke, J.S.B.!

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