Lemmy, Irland und Mist

Neuveröffentlichungen der Phonoindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Neues von Motörhead, The Strypes, Man Behind Tree, Werner Schmidbauer, Rick Treffers und Duran Duran.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Da lesen Sie gleich richtig. Duran Duran werfen ihr 14. Album auf den Markt. „Paper Gods“ titelt es sich. Und so groß die Verwunderung ist, dass es Duran Duran immer noch, wieder oder trotzdem noch gibt, so wenig überraschend ist das Album. Sänger Simon Le Bon und seine Begleiter machen das, was Duran Duran seit der Steinzeit machen. Pop, der stadiontauglich ist, dessen Kanten erst noch erfunden werden müssen und der selbst durch moderne Unterstützung von John Frusciante, Mark Ronson oder Nile Rodgers kaum Humor, Lebensfreude oder Ironie versprüht. Klar, auch diesen Pop muss es berechtigterweise geben. Und in diesem Segment bleiben Duran Duran Spitzenreiter (Warner).

Rick Treffers aus Amsterdam nennt sich als Singer/Songwriter Mist. Und zwar der englischen Bedeutung nach. In Spanien hat er sein aktuelles Album „The Loop of Love“ geschrieben, produziert und aufgenommen. Kein einfaches Höralbum. Denn Traurigkeit in all ihren Facetten macht den Meister. Die scheint selbst freundliche Momente wie „Hey“ oder „Something New“ zu begraben. Ein ambitioniertes Album, das man nicht in labiler Verfassung hören sollte (Solaris Empire).

Für Bewohner der nördlicheren Gefilde sei erklärt: Werner Schmidbauer ist in Bayern eine unausgesprochene Ikone. Der Mann singt, moderiert und schreibt. Das Ganze erfolgreich seit ungefähr „immer“. Als Journalist und Moderator bleibt er unangefochten, rein subjektiv muss man ihm als Liedermacher nicht folgen. Objektiv gesehen beherrscht er aber auch das und ist nicht nur erfolgreich, sondern scheint vielen Menschen etwas dabei zu geben oder zu hinterlassen. Unter diesem Aspekt passt sein erstes „Best of“-Album „Ois is guad“ (deutsch: Alles ist gut) perfekt in diese Künstler-Karriere, die nie aufdringlich war. 32 Songs, die helfen, Schmidbauer zu erkennen, verstehen und erleben. Als Mensch und Musiker. Der uns sagen will: keine Aufregung, alles ist gut (F.A.M.E.).

Es ist lange her, dass ein Album so spannend begann wie „Snoqualmie“ von Man Behind Tree. „Wake up on a blind spot“ heißt der Tür- und Kopföffner. Großartig. Mehrstimmiger Gesang, stoppelige Gitarren, lakonisch-aufreizender Beat. Man möchte die Berliner Jungs gerne anbrüllen: Macht hin, Burschen! Aber würde diesen Song dadurch zerstören. Und jetzt das Gute. Das Album bleibt dramatisch. Man muss hier mal seine Objektivität aufgeben und tendenziös schreiben: Kaufen Sie dieses Album. Es ist schön. Es ist herbstlich. Es ist rudimentär. Es ist stürmisch. Und trotz zahlreicher Schwermütigkeiten findet man stets einen Ausgang, eine Hintertür (Solaris Empire).

The Strypes. Aus Irland. Zurück. Mit ihrem zweiten Album „Little Victories“. Die vier Iren Ross Farrelly, Josh McClorey, Pete O’Hanlon und Evan Walsh überzeugten bereits mit „Snapshot“ im Jahr 2013, können aber auf „Little Victories“ locker eine Schippe drauflegen. Das mag man als Garagenrock bezeichnen oder vielleicht noch ganz basal mit den Hellacopters aus Schweden in Verbindung bringen. Aber prinzipiell gilt: lässige Gitarren, die die Bezeichnung rotzig mal verdienen, ein fast schon mundfauler Gesang, der wenig Töne parat hält, aber in seiner Frechheit schon wieder einzigartig ist. Tolle Refrains, knackige Songs und keine Allüren. Deswegen bekennen sich unter anderem Elton John und Noel Gallagher zu The Strypes (Universal).

Sicher. Lemmy Kilmister ist gesundheitlich schwer angeschlagen, vor allem, da einige Konzerte abgebrochen werden mussten. Doch Motörhead rollen unaufhaltsam weiter. Im Sommer kam mit „Bad Magic“ das 22. Album der Rocker auf den Ladentisch. Selbstverständlich und natürlich unnachgiebig laut, roh, rüpelhaft, aber unwiderstehlich getränkt mit Blues, Leiden und Laster. Schön: das Rolling-Stones-Cover „Sympathy For The Devil“. Eigentlich besser als das Original. Unbedingt erwähnenswert sind Schlagzeuger Mikkey Dee sowie Gitarrist Phil Campbell, die hoffentlich nicht nur eine grandiose musikalische Stütze für Lemmy sind und bleiben, sondern ihn auch moralisch-gesundheitlich aufrichten. War früher Lemmy Kilmisters Bassspiel der Anker bei Motörhead, so haben die beiden mittlerweile eine weitaus tragendere Rolle übernommen, die das Markenzeichen Motörhead am Leben hält (UDR Music).

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