Mehr als ein Nebengleis der Musikgeschichte

matrix11: Perspektiven der Live-Elektronik – 40 Jahre Experimentalstudio des SWR


(nmz) -
Von Anfang an ging es um Klangumwandlung in Echtzeit: Live auf traditio­nellen Instrumenten erzeugte Töne wurden elektronisch bearbeitet, gefiltert, verzögert. Damit sind die sieben Toningenieure des Freiburger Experimentalstudios des SWR bestens vertraut. Sie sind musikalisch wie technisch ausgebildet, arbeiten eng mit Komponisten zusammen. Seit 2006 leitet Detlef Heusinger das Studio, das dieser Tage sein 40-jähriges Bestehen feiern konnte. Die von Heusinger gegründete, „matrix“ genannte Akademie, die zum Jubiläum eine große Zahl von Komponisten, Interpreten, Musikwissenschaftler und Journalisten nach Freiburg lockte, bot Gelegenheit, Live-Elektronik ganz hautnah zu erfahren. „Die rund 50 Teilnehmer können hier ganz konkret mit unseren Geräten arbeiten und so direkt die großen klanglichen Möglichkeiten, die wir bereitstellen, sinnlich erfahren“, erklärte der Studio-Chef.
Ein Artikel von Reiner Kobe

Im Eröffnungskonzert der dritten „matrix“-Akademie wurden Ende Mai neben Luciano Berios „Folksongs“ weitere Kompositionen von Akademie-Teilnehmern präsentiert, die sich mit dem Thema Heimat beschäftigten. Olaf Tzschoppe klopfte die mikrofonierte Trommel auf ihre Klangmöglichkeiten ab, Marta Gentilucci setzte ebenfalls auf Verfremdung. Die Grenze zwischen Kunst- und Volksmusik schien aufgehoben, wenn die Musiker, von Heusinger überlegt dirigiert, in tänzerischer Spielleut-Manier aufspielten. Der Laptop, dem zuvor noch in einer Diskussionsrunde die Rolle eines Musikinstruments zugeschrieben werden sollte, spielte in diesem Konzert keine Rolle. Freilich nimmt das Komponieren am heimischen Rechner immer mehr Raum ein, wenn auch in der Runde der Wunsch bestand, dass die Technologie immer weniger und eines Tages ganz verschwinden möge. In einer weiteren Diskussionsrunde flammte gar der Traum von Musik im Kerzenschein auf, wo man sich als Hörer auf elementare Dinge konzentriert. Live-Elektronik, so das Ergebnis, ist eben doch mehr als „ein Nebengleis der Musikgeschichte“, nicht nur „der letzte Rettungsanker für den Konzertsaal“. Dass sie im Musikbetrieb ein Schattendasein fristet, gab Detlef Heusinger unumwunden zu.

Er erinnerte aber an deren Errungenschaften, die neue Schaffensprozesse einleiteten und jedem einzelnen Ton zur Einzigartigkeit verhalfen. Mit überall zu erstehenden Computerprogrammen, die nivellierend wirken, ist es nicht getan.

Das Festkonzert, das fünf Werke präsentierte, die vorwiegend den Gründervätern elektronisch verfremdeter Klänge gewidmet waren, entsprach dem durchaus: Die Bühne war karg und dunkel, umwölbt von Lautsprechern. Dunkelheit wird assoziiert beim einleitenden „Glidif“. André Richards Stück für Bassklarinette, Kontrabassklarinette und zwei Kontrabässe bewegte sich in tiefsten Regionen. Während dunkle Klangwolken über die Bühne zogen, vom Experimentalstudio korrespondierend erwidert, wurden die Bass-Saiten mal hart, mal zart gestrichen und manche Dissonanz erzeugt. Eine Meisterleis­tung bot anschließend Martin Fahlenbock ebenso wie Jörg Widmann. Fahlenbock flocht auf der Bassflöte wahre Intervallfluten, die sich aus acht Akkorden ableiteten, mit denen er mittels Elektronik in Dia­log trat. Das siebte und letzte Stück aus Brian Ferneyhoughs Zyklus „Carceri d’invenzione“ konnte nicht besser präsentiert werden. Das gilt auch für den „Dialogue de l’ombre double“ von ­Pierre Boulez. Klarinettist Jörg Widmann spielte verschiedene Strophen des Dialogs, notiert auf sieben im Kreis postierten Notenständern. Dazwischen wurde sein Spiel von vom Band eingespielten, elektronisch wiedergegebenen Klängen reflektiert, die sich im Saal verteilten. Die mit diffusen Überleitungen kontrastierenden Klänge offenbarten eine spannende Musikwelt.Bei zwei weiteren Werken des Festkonzerts stand das Klavier im Mittelpunkt, das Markus Hinterhäuser exzellent beherrschte. Stockhausens „Klavierstück IX“ besteht aus einem vierstimmigen Akkord, der fortwährend in periodischen Rhythmen wiederholt und in eine ansteigende Skala transponiert wird, bei der jede Note eine andere Dauer hat. Bei Luigi Nono, der sein gesamtes Spätwerk im Experimentalstudio entworfen hat, überlagern sich Vergangenheit und Gegenwart. In „… sofferte onde serene …“ kommen zwei Ebenen miteinander ins Gespräch, in die Hinterhäuser gestalterisch eingreift – mutig.

Nach dem aufrauschenden Beifall zum Abschluss des Festkonzerts gab es im Saal kein Halten mehr. Das gesamte Team des Experimentalstudios posierte ausgelassen auf der Bühne und wurde gefeiert. Grund zur Freude gab es allenthalben. Im Begrüßungswort zuvor hatte Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach den Stolz der Stadt aufs Studio übermittelt und weitere finanzielle Unterstützung in Aussicht gestellt.

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