Mehr Fragen als Antworten

Die Heidelberg Music Conference diskutierte das Verhältnis von Musikbetrieb und Publikum


(nmz) -
Die Heidelberg Music Conference (HDMC) beschäftigte sich in ihrer diesjährigen Ausgabe mit den Veränderungen und Umbrüchen im Musikbetrieb, die anstehen, teilweise jedoch bereits voll im Gange sind. Wie reagiert der Musikbetrieb als Ganzes, aber auch jede/-r Einzelne als Akteur innerhalb der Branche auf den gesellschaftlichen Wandel? Welche Publika wollen angesprochen werden? Wie erreicht man diese? Wie kann man stetige Bindungen aufbauen? Nach einem anderthalbtägigen Parforceritt durch die Befindlichkeiten der Klassikwelt aus Zuschauer-, Veranstalter, Journalisten- und Künstlerperspektive steht fest: Es gibt mehr Fragen als zuvor – und Antworten darauf sind bitter nötig. Und sehnlichst gewünscht.
Ein Artikel von Philipp Krechlak

Nach mehreren Jahren in der gediegenen Gründerzeit-Atmosphäre der Stadthalle Heidelberg kehrte die HDMC wieder zurück in den nüchterneren, Zukunft signalisierenden 2000er-Bau der Print Media Academy am Hauptbahnhof – und das auch nicht wie bisher eingebettet in das Musikfestival Heidelberger Frühling, sondern antizyklisch ausgelagert im November.

Daneben gab es weitere Änderungen: Mehr Interaktion, mehr Partizipation ist der Wunsch der letztjährigen Teilnehmenden gewesen, und dies berücksichtigte der Festivalleiter Thorsten Schmidt bei der Konzeption – passend zum Konferenzthema, das die Veranstalter und Akteurinnen in der Reaktions- und Anpassungspflicht auf gesellschaftliche Veränderungen sieht. Dazu gehörten neben der deutlich früheren Öffnung von Diskussionsrunden und Panels für Fragen aus und Diskussionen mit dem Plenum auch Workshops in kleineren Gruppen, in denen die Konferenzteilnehmerinnen völlig auf sich gestellt und eigenständig Publikumswünschen nachforschten: Wie wichtig ist das physische Gruppenerleben? Schadet die oft apolitische Haltung vieler Künstler dem Erlebensraum Klassik mehr, als sie ihn als ruhigen Gegenpol zur Gegenwart attraktiv macht? Was für einen Mehrwert kann eine individualisierte Ansprache, gar ein personalisiertes Konzertangebot bieten? Wie weit ist eine Auflösung der Künstlerinnen-Zuhörer-Situation notwendig? Bringen uns Konzepte wie Responsible Listening und Open-Source-Programme weiter, bei denen das Publikum als konzert-immanenter Teil wahr- und ernstgenommen wird?

Obligat und quasi traditionell wurden unter #hdmc18 die Diskussionen bei Twitter flankiert, parallel weitergeführt, Gedanken zu Ende gedacht. Es gab auch dort kreativen Input, wie etwa den Vorschlag zum Panelthema „interaktives Hören“, Live-Abstimmungen über die Zugabe anzudenken. Hier könnte es – wie in einer der vorangegangenen Ausgaben – sinnvoll sein, Anmerkungen oder Meinungs-Tweets direkt ins Plenum rückzuspiegeln. Am ersten Tag wurden neue Wege der Publikumsansprache diskutiert. Marketing, Branding, Lust erwecken, Storytelling waren die vorrangigen Perspektiven; Musikvermittlung als hierfür bedeutende und sich der Fragestellungen bewusste Disziplin wurde leider ausgespart. Vielmehr wurden die Potentiale des Onlinemarketing angepriesen, aber auch ernüchtert festgestellt: Wir wissen immer noch kaum etwas über den Entscheidungsprozess eines Kunden vor dem Kartenkauf, die sogenannte „Cus­tomer Journey“ liegt zu einem Großteil im Verborgenen.

Werbemaßnahmen wie „Re-Targeting“ und zielgruppendefinierte Ansprache sind auch weiterhin mehr Mutmaßungen und beruhen auf praktischen Erfahrungen, nicht auf empirisch belegbaren Daten. Als Praxis-übung im Plenum erstellten die Teilnehmenden eine detaillierte fiktive Person, um sich deren Lebenswelt und Anknüpfungspunkte für die Ansprache durch Kulturbetriebe vor Augen zu führen – leider kratzte das nur an der Oberfläche.

Am zweiten Tag lag der Fokus deutlich mehr auf den Inhalten und deren Präsentation: in den Programmheften (die grundsätzlich in Frage gestellt wurden), den Medien (die nach Relevanz suchen bei der zunehmenden Onlinekonkurrenz und Demokratisierungsbestrebungen in Sachen Meinungs- und Deutungshoheit), den Institutionen. Wohnzimmer- beziehungsweise Wohlfühlatmosphäre in den Spielstätten wurde als wichtig erkannt. Eine der wenigen Antworten, die am Ende der Tagung mit durchweg angenehm bunt besetzten Panels stand, war – neben etlichen Denkanregungen – die Selbstverpflichtung zu mehr Wagnis, eine Pluralität der Mittel und Angebote zuzulassen und auszuprobieren. Aber das wirft in der Konkretisierung dann selbst weiterführende Fragestellungen auf.

Philipp Krechlak, Mitglied im Orga-Team des Deutschen Orchestertags

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