Messe für alle – Vom Key Player bis zum Start-up

Wolfgang Weyand im Gespräch über die Neuheiten bei der Musikmesse Frankfurt 2020


(nmz) -
Im 40. Jahr ihres Bestehens will sich die Messe wieder stärker auf Inhalte konzentrieren und stellt dabei musikalische Bildung und kulturpolitische Themen ebenso wie das „aktive Musizieren“ in den Fokus. Im Rahmen einer Medienpartnerschaft präsentieren sich die neue musikzeitung und der ConBrio Verlag 2020 mit mehreren Partnern aus dem Bereich der Musikverbände auf der Frankfurter Musikmesse. In Kooperation mit der Messe wird die nmz dort vom 1. bis 4. April ein Bühnenprogramm in der Halle 3.1 mitgestalten und mit Gästen aus dem Musik- und Kulturleben, Künstlern/-innen und Politikern/-innen in Talks und Diskussionsrunden aktuelle Themen wie Urheberrecht, Musikpreise, musikalische Bildung und Inklusion beleuchten. Chefredakteur Andreas Kolb unterhielt sich mit dem Messeleiter Wolfgang Weyand zur „neuen“ Frankfurter Musikmesse.
Ein Artikel von Andreas Kolb

neue musikzeitung: Wie reagiert die Musikmesse Frankfurt auf den Markt, den sie vorfindet und mitgestaltet?

Wolfgang Weyand: Sie haben es völlig richtig formuliert. Einerseits bilden wir mit der Messe eine Branche ab. Andererseits möchten wir auch aktiv gestalten, Impulse setzen, für Inspiration sorgen. Es ist kein Geheimnis: In den vergangenen 40 Jahren, in denen wir die Musikmesse veranstalten, hat sich der Markt drastisch verändert. Die digitale Transformation bringt Herausforderungen für Verlage, Hersteller und Händler gleichermaßen. Das Instrument konkurriert mit einer nie dagewesenen Fülle an online verfügbaren Freizeit-Möglichkeiten – hinzu kommt ein veränderter Zeitgeist, der elektronische Musikproduktion begünstigt. Dieser Wandel ist auch an der Musikmesse nicht spurlos vorüber gegangen.

Bereits in den letzten Jahren haben wir das Messekonzept kontinuierlich erweitert und um neue Angebote ergänzt. 2020 ist ein wichtiger Evolutionsschritt auf dem Weg in Richtung Zukunft: Noch stärker als zuvor öffnen wir uns der breiten Musikszene – aus einer Produktschau mit Schwerpunkt auf Instrumente und Zubehör wird ein Gesamtevent rund um das Kreieren, Vermitteln, Vermarkten und Erleben von Musik. Denn bei allen anspruchsvollen Aufgaben, vor die sich die Industrie gestellt sieht, ist der gesellschaftliche Stellenwert von Musik unverändert hoch. Diesen rücken wir in den Mittelpunkt der Messe.

nmz: Die nmz überschrieb ihren Bericht von der Frankfurter Musikmesse 2019 mit „Die Rettung durchs Rahmenprogramm“. Wird aus dem Rahmen die Hauptsache?

Weyand: Eines vorweg: Natürlich möchten wir sämtlichen Unternehmen aus allen Teilen der Musikwirtschaft die bestmöglichen Präsentationsmöglichkeiten als Aussteller geben und sie mit internationalen Händlern und Professionals in Kontakt bringen. Das ist eine zentrale Aufgabe für uns als Messeveranstalter.

In Bezug auf die Musikmesse ist es jedoch nicht unsere einzige Aufgabe. Wir möchten Mehrwerte bieten – für die Branche, für Musiker, für Musikbegeisterte. Das tun wir durch eine Vielzahl an Workshops und Masterclasses, an Vorträgen und Seminaren, an Networking-Formaten, an Konzerten und Events. Anders gesagt: Die Möglichkeit, neue Produkte zu entdecken, reicht vielen Akteuren heute nicht mehr als Besuchsgrund einer Messe. Sie möchten Content geboten bekommen, den es sonst nirgendwo in so geballter Form zu erleben gibt.

Von diesem stärkeren Fokus auf das Programm profitieren nicht zuletzt auch die Aussteller. Sie haben umfangreiche Gelegenheiten, sich im Rahmen der neuen Formate zu präsentieren. Darüber hinaus erreichen sie neue Besuchergruppen, wie zum Beispiel Pädagogen und Musiktherapeuten.

nmz: Worin liegt das Innovative im Messekonzept 2020? Worin unterscheidet es sich wesentlich vom bisherigen Format?

Weyand: Zwei Punkte unterscheiden die Musikmesse 2020 ganz wesentlich von anderen Veranstaltungen. Ers­tens: die breite Zielgruppe, die Händler und Professionals ebenso zu aktiven Teilnehmern macht wie Musiker sämtlicher Altersstufen sowie alle Menschen mit einer emotionalen Bindung zur Musik. Zweitens, und damit verbunden: die vielfältigen Teilnahmeoptionen für Unternehmen, egal ob internationaler Key Player, kleine Manufaktur oder innovatives Start-up. Sie können ihre Marken und Endorser auf zahlreichen Bühnen in der City in Szene setzen, einen Erstkontakt zu musikalischen Einsteigern herstellen, Empfänge und Firmenevents organisieren, als Sponsor von Highlight-Konzerten auftreten. Sie können aber auch ganz auf Produktvorführungen verzichten und sich in der „Networking & Education Area“ ganz den internationalen Händlern widmen. Beim neuen Pop-up Erlebnismarkt „Musikmesse Plaza“ am Freitag und Samstag haben Firmen zudem die Möglichkeit, ihre Produkte direkt an Musikbegeisterte zu verkaufen. Ein so breit gefächertes Angebot bietet keine andere Messe in dieser Branche.

nmz: Die Musikmesse will sich eine „neue Markenidentität“ geben. Was verstehen Sie darunter?

Weyand: Im Mittelpunkt der Musikmesse steht die Musik selbst. Das ist einerseits das Wesentliche aus 40 Jahren Musikmesse, andererseits auch ein klares Versprechen für die Zukunft. Wir möchten die Musikmesse als die zentrale Plattform rund um das aktive Musikmachen positionieren, für den Fachbesucher, aber an den Publikumstagen auch für den Musikkonsumenten. Das ist ein Prozess – es braucht Zeit und weitere Veränderungen werden ganz sicher folgen. Die Essenz ist aber klar: Es geht um Musik als Kultur- und gleichzeitig Wirtschaftsgut, das möchten wir fördern und voranbringen, das ist unsere Botschaft.

nmz: Was versprechen Sie sich von der Ausrichtung der Messe auf Themen musikalischer Bildung? Welche Zielgruppe haben Sie im Visier?

Weyand: Musikalische Bildung ist die Grundlage für alles, was darauf aufbauend stattfindet. Wenn wir ernsthaft eine Messe für das Musizieren betreiben wollen, müssen wir in Bereichen der musikalischen Bildung stark sein. Zielgruppen sind zum einen Familien mit Kindern und musikalische Einsteiger, zum anderen die vielen Multiplikatoren und Akteure, die sich mit musikalischer Bildung beschäftigen, also Lehrerinnen und Lehrer an allgemeinbildenden Schulen und Musikschulen, Lehrende und Studierende an Hochschulen sowie Verbände, Institutionen und Medien in diesen Bereichen.

nmz: Welche zentralen Formate gibt es?

Weyand: Das „Gesamtevent“ Musikmesse teilt sich in drei Hauptstränge. Zum einen die viertägige Musikmesse als Messeveranstaltung im engeren Sinne, die sich vor allem am Mittwoch und Donnerstag klar an professionelle Besucher richtet. Zum anderen die angesprochene „Musikmesse Plaza“, die an den Publikumstagen Freitag und Samstag gezielt Endkunden anspricht: mit Instrumenten, Tonträgern und Lifestyle-Artikeln zum Direktverkauf, aber auch mit einem randvollen Programm an musikalischen Events. Als dritter Bestandteil geht das „Musikmesse Festival“ in seine mittlerweile fünfte Runde. Erneut wird die gesamte Stadt zur Bühne – mit dutzenden Highlight-Konzerten in den Frankfurter Clubs sowie auf dem Messegelände.

Diese dreigliedrige Markenstruktur gibt uns die Möglichkeit, „out of the box“ zu denken, neue Partner zu gewinnen und Formate umzusetzen. Ein Beispiel ist die von der internationalen Schlagzeugindustrie initiierte Veranstaltung „Home of Drums“ im Rahmen der Musikmesse Plaza: ein neuer Treffpunkt mit klarem Musiker-Fokus, der Produktpräsentation von Top-Marken, Wissenstransfer sowie Performances internationaler Künstler vereint. Ebenso Teil der Musikmesse Plaza sind Sonderausstellungen wie „Cuvée Darling“, die hochwertige Geigen und Bögen präsentiert, sowie der „Sinfonima Klangraum“: Hier erleben Besucher eine kuratierte Ausstellung ausgewählter Holzblasinstrumente. All diese Formate wären in der „klassischen“ Form der Musikmesse nicht realisierbar gewesen.

Selbstverständlich finden auch die etablierten Highlights 2020 wieder statt, darunter Preisverleihungen wie der Frankfurter Musikpreis, der Deutsche Musikinstrumentenpreis oder der Internationale Deutsche Pianistenpreis – aber auch der Europäische Schulmusikpreis, der Musikeditionspreis „Best Edition“, der Schülerband-Wettbewerb „School Jam“ oder der im letzten Jahr erfolgreich gestartete „European Songwriting Award“ Unser Anliegen ist es, für viele Zielgruppen ein attraktives Programm zu bieten: vom Nachwuchsprojekt „Music4Kids“ für die jüngsten Besucher über die „International Vintage Show“ für anspruchsvolle Liebhaber bis hin zu speziellen Vorträgen und Netzwerkmöglichkeiten für den Handel und Branchenexperten.

nmz: Gibt es wieder Clinics, Workshops, Interviews und Kurzauftritte (etwa in der „Circle Stage 3.0)? Wie will man mit dem Lautstärkeproblem in der Hall 3.1. umgehen?

Weyand: Selbstverständlich! Das Programm füllt sich bereits, und viele prominente Namen werden mit an Bord sein. Zu den bestätigten Künstlern zählen unter anderem Deep-Purple-Keyboarder Don Airey, Whitesnake-Gründungsmitglied Bernie Marsden, die langjährige Michael-Jackson-Gitarristin Jennifer Batten, der bekannte deutsche Soul-Sänger Andreas Kümmert sowie Drum-Legende Pete York, die sowohl bei Workshops und Clinics als auch bei einem gemeinsamen Konzert das Publikum begeistern werden.

Eine Europa-Premiere ist die Memorial Show „Randy Rhoads Remembered“, bei der weltbekannte Musiker dem viel zu früh verstorbenen Ozzy-Osbourne-Gitarristen gemeinsam ein musikalisches Denkmal setzen. Mit dabei sind unter anderem Brian Tichy und Phil Soussan, die ebenfalls der Band um den „Prince of Darkness“ angehörten. Weiterhin geben sich unter anderem Judas-Priest-Mitglied Richie Faulkner, der ehemalige Guns-n‘-Roses-Gitarrist Ron „Bumblefoot“ Thal sowie Christian Brady von der Metal-Supergroup „Hellyeah“ die Ehre. Auch diese Künstler geben darüber hinaus ihr Wissen bei Workshops weiter.

Nicht weniger prominent sind die Musiker beim neuen Community-Event „Home of Drums“. Hier erleben Besucher wahre Schlagzeug-Schwergewichte wie Ash Soan (Adele), Chris­toph Schneider (Rammstein), John Riley (Miles Davis, Woody Herman), Felix Lehrmann (Dendemann, Samy Deluxe) sowie die Local Heroes Claus Heßler und Daniel Schild.

Das von Ihnen angesprochene Circle-Stage-Konzept mit multifunktionalen Bühnen direkt in der Halle führen wir 2020 fort. Tagsüber setzen wir ganz auf Vorträge und Wissensvermittlung – lautstärkeintensivere Veranstaltungen wie Konzerte oder Empfänge finden am Abend im Rahmen des Musikmesse Festivals statt.

nmz: Mit wie vielen Ausstellern rechnen Sie und mit welchem Publikumszustrom?

Weyand: Grundsätzlich halten wir uns mit Prognosen zu Ausstellerzahlen zurück. Wir freuen uns aber, dass zahlreiche Unternehmen unsere neuen Formate zum Anlass genommen haben, um wieder als aktive Teilnehmer nach Frankfurt zurückzukehren. So sind zum Beispiel bei der angesprochenen „Home of Drums“ viele Top-Brands der Schlagzeug-Branche vertreten, darunter DW, Mapex, Natal, Paiste, Pearl, Sabian und Zildjian. Gerade im Bereich der Verlage können wir zudem einige Neuaussteller und Rückkehrer vermelden: Neben dem ConBrio-Verlag sind das zum Beispiel Sikorski, Musikverlag Intermezzo sowie die National Library of Norway.

Auch bei Besucherzahlen können wir nicht in die Glaskugel schauen – mittelfristig möchten wir durch die Öffnung für die breite Musikszene natürlich auch neues Publikum erreichen.

nmz: Wie viele und welche der großen Hallen bespielen Sie?

Weyand: Dreh- und Angelpunkt der Musikmesse sind erneut die Hallen 3.0 für Tasten-, Schlag-, und Blasinstrumente, E-Gitarren und Bässe sowie Halle 3.1 für Streich-, Zupf- und Harmonika-Instrumente sowie Verlage. Erneut arbeiten wir mit akustischen Trennungen zwischen besonders lauten Instrumentengruppen. Die Musikmesse Plaza wird in Halle 4.1 ihr Epizentrum haben – hinzu kommt die „Home of Drums“ im Forum.0 und Forum.1, das Nachwuchs-Projekt „Music4Kidz“ in Halle 4.0 und der „Sinfonima Klangraum“ im Blauen Saal der Festhalle Frankfurt. Natürlich ist auch das große Freigelände „Agora“ Teil der Show. Im Mittelpunkt: die Fes­tival Arena mit einer Kapazität von über 2.000 Personen. Darüber hinaus bespielen wir die Festhalle mit Abendveranstaltungen.

nmz: Welche anderen zentralen Themen haben Sie im Fokus?

Weyand: Neben den bereits genannten Schwerpunkten rückt die deutsche und internationale Chorlandschaft stärker in den Mittelpunkt der Veranstaltung. Wir kooperieren mit zahlreichen Verbänden und Vereinen und organisieren Chorevents, spontane Kurzkonzerte und „Flashmobs“ in der Stadt und auf dem Messegelände.

Neu in diesem Jahr sind darüber hinaus Programmhighlights, die den positiven Einfluss der Musik auf das soziale Miteinander thematisieren. Hierzu wird es täglich eine Keynote von renommierten Speakern geben, die mit ihrem Wirken einen wertvollen Beitrag für die musikalische Kultur und die Gesellschaft geleistet haben. In diesem Zusammenhang planen wir den internationalen Aktionstag „Brass gegen Hass“ am Samstag, den 4. April 2020. Zahlreiche Blasmusikkapellen aus dem In- und Ausland sowie internationale Stars der Szene sollen hier gemeinsam ein musikalisches Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz und Ausgrenzung setzen.

nmz: Spüren Sie die Existenz günstigerer Mitbewerber wie musicpark Leipzig oder anderer spezialisierter Mitbewerber? Oder die Abwanderung von Händlern und Herstellern in die Lounges umliegender Hotels?

Weyand: Wie viele andere Branchen unterliegt die Messeindustrie einer hohen Dynamik, und einige kleinere, zumeist regionale Veranstaltungen versuchen, ihre Nische zu finden. Das ist keine neue Erscheinung und ein völlig normaler Prozess in einem freien Markt. Wichtig ist es, eine klare Positionierung und ein klares Versprechen an die Branche zu haben. So ist die Musikmesse die einzige Plattform in Europa, die alle Facetten der Musikwirtschaft abdeckt und das internationale B2B- wie auch das B2C-Publikum an einem Ort versammelt.

Was das Kostenargument anbelangt: Mit einer deutlichen Preissenkung sind wir der Branche in diesem Jahr stark entgegengekommen. Zudem bieten wir günstige All-inclusive-Angebote, mit der sich eine Präsenz schon für 1.000 EUR inklusive Standbau realisieren lässt. Damit bewegen wir uns auch im internationalen Vergleich am unteren Ende der Preis-Skala und geben auch kleineren und jungen Unternehmen die Möglichkeit zur Messeteilnahme.

nmz: China ist heute die Werkbank der Welt – inzwischen auch bei den Musikinstrumenten. Liegt die Zukunft der Musikmesse Frankfurt in Shanghai?

Weyand: Die Zukunft der Musikmesse liegt in Frankfurt, denn viele Branchenakteure bestätigen uns, dass eine ganzheitliche Plattform im Herzen von Europa von essenziellem Wert für die Musikwirtschaft ist. Als Organisator der Music China, die eine internationale Veranstaltung innerhalb des Musikmesse-Brand ist, freuen wir uns natürlich über deren positive Entwicklung. Sie ist jedoch anders positioniert als die Musikmesse in Frankfurt, ist stärker auf die Themen Großhandel und Sourcing sowie auf die lokalen Musikkulturen ausgerichtet. Für den europäischen Einzelhandel sowie selbstverständlich für Musiker und Musikbegeisterte aus Deutschland und den Anrainerländern spielt sie eine geringere Rolle. In den Kernzielgruppen der Musikmesse ist sie daher nicht als Konkurrenz zu sehen. 

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