Mit Vollgas in den Sommer

Pop-Rock-Neuerscheinungen, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Nickelback, Kraftklub, Beth Ditto, 2raumwohnung, The Man und Rise against.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Nickelback. Dekoriert mit Platin und Gold. Millionen Platten verkauft. Muss aber nichts heißen. Die Kanadier, einst grandiose Newcomer mit kantigem Sound und rüdem Sänger, wurden zum Schmusetier des Mainstreams. Auch das neue Album „Feed the Machine“ ist für alle Freunde des Radiorocks gedacht. Oder der Seichtheit. Für diese Zwecke taugt das Album und dementsprechend kann man Nickelback nichts vorwerfen. Sie wollen Geld verdienen und keinen Nobelpreis für Literatur (BMG Rights Management).

Es ist etwas leise geworden um Kraftklub. Sollte sich nun aber ändern. „Keine Nacht für Niemand“ –Was schon irgendwie ein lustiger Albumtitel ist – stellt der Klub sein drittes Album vor. Mit einer großen Stärke: alle Songs sind auf einem Niveau, keiner fällt ab oder flacht ab. Homogenität mag man das nennen, anders gesagt ist es halt ein Album im Wortsinn. Man kann die Songs mit verschiedenen Adjektiven belegen: aufgekratzt, ehrlich, forsch, lakonisch, rebellisch, harmonisch, deutlich, einfühlsam. Und seltsamerweise trifft jedes Adjektiv auf jeden Song zu. Und solchen Alben sind besonders zu mögen. Man muss beim Hören nicht groß nachdenken, wird aber beim Hören zum Nachdenken verführt. Dann ist das wohl gelungen, das Album (Vertigo /Universal).

Beth Ditto, die Stimme und Anführerin von Gossip, macht jetzt „solo“. Zwar ist das Album „Fake Sugar“  ganz allgemein als „alternativ“ angekündigt worden, letztendlich handelt es sich jedoch um ordentlichen Pop. Der natürlich von Beth Dittos markanter Stimme getragen wird und selbstverständlich mehr als Hand und Fuß hat. Dieser Pop ist Weltklasse, fernab der üblichen Klischees. Sicherlich irgendwie durchge­plant, das allerdings kommt nie zum Vorschein. Sehr spontan klingt das, nicht aufgesetzt.  Und auch beruhigend: mit Gossip hat das rein musikalisch wenig gemeinsam (RCA).

2raumwohnung, also Inga Humpe und Tommi Eckart, können es nicht lassen, diese Unruhegeister. Das achte Album. Ganz neue Idee der beiden. Alle Songs von „Nacht und Tag“ wurden in einer Tag beziehungsweise einer Nachtversion eingespielt. Kostenlos gibt es dabei natürlich die unterschiedlichen Tag/Nacht- Stimmungen, die den Songs entweder mehr geben oder das Reduzierte herausarbeiten. Obendrauf wurden offenbar verschiedene Instrumente in den Versionen eingesetzt und sprachlich wechseln sich auch Deutsch und Englisch ab. Ein Album, das man wirken lassen muss. Das erst rein muss. In den Kopf. Sehr fordernd wirkt und gleichzeitig belohnend, wenn man es zulässt. Das Album. Für jeden Hörer eine spannende Reise, die abwechslungsreich und teils szenisch wirkt (It Sounds).

Portugal. The Man haben sich Zeit gelassen. Vier Jahre dauerte es, bis man „Woodstock“ nun fertig hatte. Aber die Frage ist ja dann: War es genug Zeit oder eher doch zu wenig? Sind es die richtigen Song oder eher doch die falschen? Wobei, falsch lagen die Indie-Rocker aus den Staaten ja selten. Und so auch hier. Große Gefühle wechseln sich mit riesiger Erleichterung ab. Sperrige Melodien verwandeln sich wundersam in zarte Wellen. Songs, die nicht auf Anhieb als solche erkennbar sind, werden letztendlich doch als Songs wahrgenommen. Für die Bewunderer der US-Stimmungsrocker wird „Woodstock“ ein verdaulicher Brocken sein (Atlantic).

Rise against bleiben sich auch nach knapp 20 Jahren Musik mit dem Album „Wolves“ treu. Klare politische Statements, deutliche Worte an Entscheider und zuweilen ein kritischer Blick auf die Gesellschaft. Aber auch deutlich hörbar: ein Aufruf an die Hörer. Steht auf, lasst euch nichts gefallen, kämpft für Gerechtigkeit, habt Mut und steht zu eurer Meinung. Dementsprechend kraftvoll, energetisch und stürmisch kommt das Album musikalisch daher. Sicher. Keine Neuerfindung des Rads. Aber klassischer Punkrock oder vielleicht Rock mit blumigen Punkeinflüssen. Immer geht es dabei auf die „Zwölf“, die viel und oft zitierten Kompromisse bleiben löblicherweise aus. Gitarren bestimmen den Kern der Songs und sorgen beim Autofahren für den Gaspedaldurchdrücken-Impuls (Virgin). 

Das könnte Sie auch interessieren: