Mit Worten in der Welt wirksam sein

Das Essener NOW-Festival im Rückblick


(nmz) -
Mit der Ursonate fing alles an: Kurt Schwitters vermählte in den 1920er-Jahren sprachliche Zeichen mit musikalischen Formelementen. Laute und Silben, schließlich ein rückwärts-zitiertes Alphabet wurden einer konsequent durchdachten Sonatenform einverleibt. Das Ergebnis wirkte humoristisch, verfolgte aber auch ein tiefernstes künstlerisches Anliegen. Und so gehörte Kurt Schwitters’ Meilenstein für die Dada-Bewegung zu den unverzichtbaren, am letzten Tag aufgeführten Bezugspunkten auf dem Essener NOW-Festival. Unter dem Motto „Word up!“ wurde zwei Wochen lang gezeigt, wie die musikalische Avantgarde mit zum Teil ungeahnten Beziehungen zwischen Worten und Musik landläufige ästhetische Konnotationen gerne hinter sich lässt.
Ein Artikel von Stefan Pieper

Die Sphäre der Tonschöpfer und ihrer Interpreten ist in der Szene der Neuen Musik immer sauber voneinander getrennt? Nicht immer – die polnische Vokalistin/Komponistin Agata Zubel trat in Essen einen Gegenbeweis an. Zubel macht sich ihr selbstkomponiertes Stück „Not I“ für die eigene Darstellungskunst passend. Ein rezitativischer Monolog nach einem Text von Samuel Beckett kreist hier um Sprache als existenzielles Medium für die eigene Wirksamkeit in der Welt. Agata Zubels lautmalerischer Sprechgesang kulminiert in emotionalen, harschen Ausbrüchen, während ein Schlagzeuger gnadenlos den Puls des schneller werdenden Lebens vorantreibt. Das menschliche Ich ist doch so klein angesichts der Lautheit in der Welt, die man im RWE-Pavillon durch die vom E-Mex-Ensemble in bedrängender Dichte entfesselten Instrumentalklänge hautnah spürte. Auf ähnliche Weise erzeugte Beat Furrers „Aria“ ein gestenreiches, klaustrophobisches Psychodrama für Sopran und Instrumental­ensemble. Auch hier vollführten Agata Zubel und die Spieler des E-Mex-Ensembles den subtilen Spagat zwischen mehr oder weniger aufgelösten sprachlichen Idiomen und einer frei tonalen Klangwelt.

Suche nach neuen Darstellungsformen

Bei der ständigen Suche nach neuen Darstellungsformen wurde auch schon mal die Situation des „Konzertes“ hinter sich gelassen: Georges Aperghis porträtiert in seinen „Retrouvailles“ auf situationskomische Weise einen Moment im sozialen Mikrokosmos. Zwei Menschen treffen sich wieder, umarmen sich, reden wie Wasserfälle, da es so viel zu erzählen gibt. In Essen schlüpften zwei „Schlagzeuger“ in diese Rolle, die aber höchs­tens mal den Körper des anderen in einer stilisierten Begrüßungsumarmung traktierten. Wie einst die Ursonate produziert auch Carola Bauckholts „Schraubdichtung“ eine gewisse verspielte Leichtigkeit bei der musikalischen Dekonstruktion sprachlicher Zeichen. Die Kagel-Schülerin hat sich dabei des heimischen Werkzeugkastens angenommen. Was gibt es dort nicht alles für Dinge aufzustöbern und was für einen Klang haben all die lus-tigen Bezeichnungen dieser Kleingegenstände!

Pluralistische Schnittstellen im Publikum

Auch kommt in Essen jene sagenhafte „Air Machine“ von Ondrej Adámek zum Einsatz. Falsch liegt, wer es als Spielerei abtut, wie sich hier mittels eines Staubsaugergebläses Einmalhandschuhe, Ballons und Luftrüssel im Rhythmus der Luftströme aufrichten und wieder erschlaffen. Adámek, ein junger in Berlin lebender Tscheche, zeigt, dass mit seinem Instrumentarium viel mehr geht, wenn man nur konsequent genug zu Werke geht. In diesem Fall generiert die Maschine eine skurrile Traum-Choreografie. Ondrej Adámeks unverbrauchte, von der musique concrète beeinflusste Ästhetik setzt sich in dem Gesamtkonzept seiner Ensemblestücke fort, welche im Essener Salzlager der Kokerei Zollverein zu erleben waren. Sie transportieren an mitreißender Sogwirkung genau das, was die Konzertbühnen der Neuen Musik dringend brauchen.

Die Programm-Macher beim NOW-Festival haben erkannt, dass man mit breit gestreuten Angeboten die pluralistischen Schnittstellen beim Publikum am besten bedient. Innenansichten im Schaffensprozess von Neuer Musik bot ein Mitmach-Seminar des Perkussionisten Melvyn Poore. Und dass die wohl virulentesten Beziehungen zwischen Worten und Musik in der Popkultur, vor allem im Rap leben, wurde im behaglichen Rahmen des charmanten Essener Clubs „Hotel Shanghai“ zelebriert: Begeisterten Support erhielt das Hamburger Rap-Projekt Neon-Schwarz, mit ansteckender Liveshow und Textbotschaften, die gegen Ignoranz und Rechtspopulismus Flagge zeigen.

Seine besondere Energie entfaltet dieses Festival nicht zuletzt durch das Miteinander von aufstrebenden jungen Ensembles, gerne auch aus den Reihen der Folkwang-Hochschule und spektakulären Gastspielen internationaler Spitzenensembles: In dieser Hinsicht setzte etwa das Ensemble Intercontemporain unter der bewährten Leitung von Matthias Pintscher mit einer weiteren frühen Pioniertat der Wort-Musik, nämlich Schönbergs Pierrot Lunaire ein Glanzlicht.

Pendereckis Lukas-Passion

Das finale Konzert der diesjährigen Festivalausgabe wurde am Ende frenetisch gefeiert: Krzysztof Pendereckis 1966 in Münster uraufgeführte Lukas-Passion. Dieses gigantische Werk setzt auf intuitiv hörbare Weise die biblische Leidensgeschichte mit heutigem tragischen Weltgeschehen in einen Bezug – was auch ohne religiösen Hintergrund auf Anhieb deutlich wird. Über strenge Zwölftonreihen erhebt sich die Architektur. Clusterhafte Flächen- und Schwebeklänge überlagern historische Formen wie Passacaglia und immer wieder eine Tonfolge, welche die Buchstaben B-A-C-H als ewigen Referenzpunkt beinhaltet – womit einmal mehr Musik und sprachliche Zeichen miteinander kurzgeschlossen scheinen. Das Folkwang Symphony Orchestra sowie mehrere Chöre aus Köln und Essen formten im vollbesetzten Alfried-Krupp-Saal einen überwältigenden emotionalen Fluss, während das Solistenquintett ebenso viel intensive Dramatik aufbot. Diese Aufführung geriet dem persönlich anwesenden Krzysztof Penderecki bestens zur Ehre, der sich am Dirigentenpult jedoch durch Maciej Tworek vertreten ließ.

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