Muntermacher für eine messemüde Branche

Pädagogisch relevante Novitäten von der Frankfurter Musikmesse im Überblick


(nmz) -
Umzüge in andere Hallen und Standverkleinerungen waren 2013 die äußeren Merkmale einer Musikmesse-Skepsis unter den Musikverlagen, die Schott-Chef Peter Hanser-Strecker auf der nmz-Themenbühne gleich zum Messeauftakt formuliert hatte: „Die Messe hat in dieser Weise, wie sie im Moment zelebriert wird, keine Zukunft.“ Auch bei den Gesprächen an den Ständen in Halle 3.1 war wenig Euphorie zu spüren, dafür aber die Zuversicht, mit dem Angebot an Neuerscheinungen das Publikum erreichen zu können.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

 Streicher

In der Streicherpädagogik scheint der Kontrabass im Zuge der Entwicklung kleinerer Instrumente an Bedeutung zu gewinnen. Thomas Großmanns „Kontrabass ABC“ richtet sich freilich ausdrücklich auch an ältere Schülerinnen und Schüler und führt nun mit den Bänden 2 und 3 (Edition Hug 11747/11748) die klar strukturierte Zusammenstellung von Übungen, Studien und Spielstücken fort (der Klavierpart ist separat beigelegt). Weiteren Bedarf an Vortragsliteratur decken Cleopatra Perepelitas „Rumänische Impressionen“ für Kontrabass und Klavier (Chromatic Edition) oder – leichter im Schwierigkeitsgrad – Jürgen D. Michels „Duette nach Songs aus aller Welt im ‚jazzigen‘ Stil für 2 Kontrabässe“ ab – Motto: „Double Bass!“ (Hofmeister FH 3500).
In die höheren Streicherregionen führt Bärenreiter mit den bewährten „Concert Pieces“, wobei Friedrich Seitz’ Schülerkonzert für Violine D-Dur op. 22 nun auch in Arrangements für Bratsche (BA 8986) und Cello (BA 8987) vorliegt. Eine interessante Bereicherung im Bereich anspruchsvoller Konzertliteratur stellen David Geringas’ Bearbeitungen von vier Mahler-Liedern für Violoncello (Hofmeister FH 3509) beziehungsweise Viola und Klavier (FH 3508) dar.

Einen neuen Einstieg ins Violinspiel für Kinder zwischen 5 und 9 Jahren bietet nmz-Autorin Katharina Apostolidis mit „Buntes Geigenwunderland“ bei Bosworth an (BOE 7667), die Behandlung einzelner rhythmischer und technischer Basisherausforderungen anhand kurzer Etüden und Klassiker-Auszüge steht im Mittelpunkt zweier Bände von Robert S. Frost. Seine 2010 bei Kjos in den USA veröffentlichten „String Techniques for Superior Musical Performance“ liefert nun der Musikverlag Joh. Siebenhüner für den deutschsprachigen Markt aus und legt entsprechende Übersetzungs-Blätter bei (Kjos 114VN, „Rhythm Techniques…“ 126VN). Ebenfalls auf Englisch liegt zunächst Simon Fischers „Violin Lesson“ bei Peters vor (EP 72151), eine deutschsprachige Ausgabe befindet sich, so der Verlag, in Vorbereitung. Endgültig ans Eingemachte geht es schließlich mit Zdenek Golas „Violintechnik“ und Martin Wulfhorsts „The Orchestral Violinist´s Companion“ (Volume 1 + 2). Während der tschechische Violinpädagoge Gola in den beiden Heften (Bärenreiter BA 979-0260105911) das ganze Spektrum der Technik für die linke Hand auffächert, präsentiert Wulfhorst ein Ehrfurcht gebietendes Kompendium für den angehenden oder nach Weiterbildung und Auffrischung dürstenden Orchestergeiger, auf das noch zurückzukommen sein wird (Bärenreiter ISBN 978-3-7618-1758).

Auch wenn sie sich nicht auf Streicher beschränkt, sei hier außerdem auf eine höchst instruktive und praktikable CD-ROM hingewiesen, die Matthias Hermann und Maciej Walczak für Breikopf & Härtel realisiert haben. Sie stellt „Erweiterte Spieltechniken in der Musik von Helmut Lachenmann“ in Wort, Bild und in kurzen (qualitativ nicht berauschenden) Videos vor (BHM 297). Die Menüführung (deutsch/englisch) erlaubt die Orientierung nach Instrumentengruppen oder das gezielte Suchen nach einer bestimmten Spielanweisung beziehungsweise nach einem entsprechenden Symbol. Zwei Interviews mit dem Komponisten sind als Videomitschnitte und in transkribierter Form enthalten.

 Klavier

„Tastsinn“ vermittelt weiterhin Eike Wernhard (Band 2, Bärenreiter BA 8753, mit CD). Seine „Klavierschule für jugendliche und erwachsene Anfänger“ stellt nach den in Band 1 vermittelten Grundlagen nun die musikalische Gestaltung anhand methodisch geordneter kurzer Spiel- und Übungsstücke in den Mittelpunkt. Manfred Schmitz dagegen möchte mit seinem „Ersten Weg zum Spielen nach Akkordsymbolen“ (Band 1, AMA 610456) dazu anregen, sich mit der in Pop und Jazz üblichen Notationsform des „Leadsheet“ zu beschäftigen. Spielmaterial mit klarer pädagogischer Ausrichtung kommt von Walter Langer, dessen „Ich spiele Klavier“, neu herausgegeben von Martina Schneider, mit den Bänden „Lieder, Tänze, Reime“ (Doblinger 01050) und einer „Stücksammlung“ (Doblinger 01053) vorliegt. Werkinformationen und Übehinweise enthalten außerdem Mike Cornicks an den ersten Band des „Piano Coach“ anschließendes Heft „Piano Repertoire – Level 1“ (UE 21563) mit leicht arrangierten Hits vom Barock bis zum Jazz und die ersten beiden, von Nils Franke herausgegebenen Bände der Serie „Urtext Primo – Leichte Klavierstücke mit Übetipps“. Die Sammlungen überzeugen durch die Mischung aus Standardwerken und weniger geläufigen Stücken, die auch bei Klavierlehrern/ -innen für willkommene Abwechslung sorgen dürften (Bach – Händel – Scarlatti  Wiener Urtext Edition UT 52001; Haydn – Mozart – Cimarosa UT 52003). Ähnliche Repertoireabsichten verfolgt der Band „Russische Klaviermusik“ (Sikorski 2409), der, im Schwierigkeitsgrad passend zum zweiten Band der „Russischen Klavierschule“, viele melodisch und harmonisch reizvolle Werke vereint.

Lose mit dem Jahreskreis verbunden zeigen sich Katerina Ruzickovas Bearbeitungen tschechischer, mährischer und slowakischer Volkslieder, die sie zu einem mittelschweren „Kalender für Klavier“ zusammengefasst hat (Hofmeister FH 3502), während Vytautas Barkauskas’ Kinderstücke leicht bis mittelschwer zu bewältigen sind (Hofmeister, Bd. 1, FH 3490, Bd. 2, FH 3491). Unverhohlene Anklänge an bekannte Stücke macht Michael Proksch mit seiner „Piano Poetry“ zum Programm. In den 34 Klavierstücken „für alle Lebenslagen“, (Edition Breitkopf 8840, mit CD) lassen Bach (1. Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier), Pachelbel (Kanon) oder Satie (1. Gymnopédie) grüßen, wobei diese aber meist leichter zu spielen sind als die Originale. Eine andere Annäherung wählt Martin Widmaier, der in 24 achttaktigen Etüden an die technischen Herausforderungen von Chopins op. 10 und op. 25 heranführt (Edition Peters EP 11230). Cleopatra Perepelitas „Lateinamerikanische Impressionen“ variieren folkloristische Themen und Rhythmen (Chromatic Edition), wer sich am Klavier einsam fühlt, mag zu Igor Jussims Stücken für Klavier zu vier Händen greifen, die der Verbindung von „Städten & Rhythmen“ nachgehen (Ed. Breitkopf 8835).

 Bläser

Quantitativ weniger ergiebig war die Messe-Ausbeute in Sachen Bläser, wobei zwei Novitäten herausstechen: Tilman Dehnhard präsentiert mit „The New Flute“ (UE 35320) moderne Spieltechniken wie „Fluteboxing“, Kombinationen von Singen und Spielen oder Multiphonics, nicht nur mit ausführlichen Anleitungen im Arbeitsbuch, sondern auf der beigelegten 90-minütigen DVD auch im anschaulichen Bewegtbild. Jürgen Kessler legt den ersten Band der AMA-Posaunenschule vor (AMA 610452, mit CD), die sich an Anfänger ab einem Alter von etwa 11 Jahren richtet und in einem Zeitraum von zwei bis drei Jahren den Tonumfang bis zum f1 (Naturton 6) erkundet.
Zwei Blockflötenhefte erschließen beliebte Werke für junge Spieler: Paul Hertels Kinderoper „Rabautz“ für Blockflöte und Klavier bei Sikorski (SIK 1598 A) und Jörg Hilberts und Felix Janosas „Ritter Rost für 1 bis 2 Sopranblockflöten“, wobei die beliebten Sticker nicht fehlen dürfen (Edition Conbrio/Hug ECB 6113).

 Ensemblespiel/Schulmusik

Die „umfassende Bläsermethode“ von Bruce Pearson und Ryan Nowlin („Tradition of Excellence“, englisch, mit deutschen Übersetzungsblättern, Kjos/Siebenhüner) führt in den Bereich des Klassenmusizierens. Die Einsteigerhefte für sämtliche Blasinstrumente münden in ein gemeinsames Bandrepertoire; Play-Alongs, Videolektionen sowie Ergänzungsbände zu Musiktheorie und Orchesterleitung komplettieren das umfangreiche Paket. Das Pendant dazu im Streicherbereich sind die „String Basics“ von Terry Shade und Jeremy Woolstenhulme, mit denen Siebenhüner das ebenfalls bei Kjos erschienene, in den USA entwickelte Streicherklassensystem für den deutschen Markt anbietet. Brigitte Wanner-Herren und Evelyne Fisch führen unterdessen ihre „Schneckenklasse“ fort. Ihr Unterrichtswerk für Streicherklassen (Edition Hug 11763) ist im zweiten Schuljahr angekommen, wobei einzelne Stücke auch die Möglichkeit bieten, die Schüler des ersten und zweiten Jahrgangs zu kombinieren. Eher kammermusikalisch gedacht und in diesem zweiten Band schon deutlich anspruchsvoller sind Ursula Erhart-Schwertmanns „Erste Geigentrios“ (Partitur und Stimmen, Doblinger 03129), Volkhard Stahl wiederum hat bei Schott 25 „Schulorchester-Hits“ von Bach bis Ravel dreistimmig arrangiert (Schott ED 21513); die Einzelstimmen für die flexibel zu handhabende Besetzung gibt es als PDF-Dateien zum Download.

Für den Unterricht an allgemein bildenden Schulen hat Rudolf Nykrin seinen Band „Basiswissen Musik“ konzipiert (Schott/Klett ED 21515). Er ist als begleitendes Unterrichtsmaterial ab der Mittelstufe gedacht, ausführlich illustriert und mit Hörbeispielen auf CD versehen. Mit seinem Arbeitsbuch zu den Grundlagen der Musiktheorie lädt Holger Spegg „Musikdetektive“ ab 10 Jahren ein, im Instrumental- und Theorieunterricht knifflige Fälle spielerisch zu lösen. Band 2 (Edition Conbrio/Hug ECB 6109) führt von der Feinbestimmung von Intervallen bis hin zu dreistimmigen Kadenzen.

 EMP/Musiktherapie

Die gewichtigsten Neuerscheinungen im Bereich der elementaren Musikpraxis haben zur Messe die Verlage Schott und Bosse herausgebracht. Björn Tischler zieht zusammen mit Ruth Moroder-Tischler die Summe seiner über 40-jährigen Tätigkeit in den Bereichen Schule und Therapie. „Musik spielend erleben“ heißt der Band (Schott ED 21613, mit CD), der auf den drei Säulen integrativ-ganzheitliches Erleben, fachorientiertes Lernen und Entwicklungsförderung aufgebaut ist und sich sowohl an Lehrkräfte in Primar- und Sekundarstufe I richtet, als auch Aspekte der Sonderpädagogik und Therapie beinhaltet. In Form eines Grundlagen- und Praxisbuches schließen sich an einen reflektierenden Teil drei den genannten Säulen entsprechende Praxisabschnitte an. Angelika Jekic und Inge Henrich regen mit ihrem Band „Musik tut gut“ Senioren zum Musizieren an. Stundenbilder zu zehn Themengebieten mit über 60 Liedern geben musikalisch engagierten Betreuern oder Fachkräften viel Material für die eigene Umsetzung in verschiedenen Gruppenkonstellationen an die Hand (Bosse BE 2646, mit CD). Ergänzen ließe sich dieser Band mit dem Liederbuch „Spiel mir eine alte Melodie“. Es vereint über 80 alte Schlager und Volkslieder und möchte – dahinter steckt die Initiative „Singen kennt kein Alter!“ – vom Repertoire her und im Großdruck die ältere Generation zum Singen ermuntern (Carus/Reclam ISBN 978-3-89948-181-5).

Wer sich schließlich den Termin für die Musikmesse 2014 vormerken will (12. bis 15. März), kann dies im Liederkalender „Die Singlok“ tun (Schott 21614).
  

Foto: Juan Martin Koch

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.

Ähnliche Artikel

  • Frosch und Biene singen ad libitum - Es könnte eng werden an der Tastatur: Klaviermusik für zwei bis acht Hände
    10.11.2009 Ausgabe 11/2009 - 58. Jahrgang - Rezensionen - Klaus Börner
  • Brillante Klänge, scharf gezeichnet - Neue Noten für Flöte und Klavier
    30.03.2013 Ausgabe 4/2013 - 62. Jahrgang - Rezensionen - Gabriele Sebald
  • Geigerische Trink-Zeremonien - Tee, Prosecco und Rachenputzer für Violine
    07.03.2011 Ausgabe 3/2011 - 60. Jahrgang - Rezensionen - Katharina Apostolidis
  • Noten für Klarinette und Saxophon - Für die Ausbildung von Klarinettisten wärmstens empfohlen …
    07.03.2011 Ausgabe 3/2011 - 60. Jahrgang - Rezensionen - Frank Klüger
  • Noten-Tipps 2011/03 - Vorgestellt von Eckart Rohlfs
    07.03.2011 Ausgabe 3/2011 - 60. Jahrgang - Rezensionen - Eckart Rohlfs