Musik bewegt – in jeglicher Hinsicht

Rhythmikstudium an der Musikhochschule Trossingen – jetzt auch mit Jazz-Pop


(nmz) -
Interdisziplinäre Projekte sind ein Markenzeichen der Musikhochschule Trossingen, mittendrin meist Studierende aus dem Fachbereich Music & Movement. Sie erhalten bereits im Bachelor Unterricht in Musik (Richtung Klassik oder Jazz-Pop), Bewegung, Sprache und Szenisches Gestalten.

Performance: Besondere künstlerische Impulse setzen

Interdisziplinäre Projekte sind ein Markenzeichen der Musikhochschule Trossingen, mittendrin meist Studierende aus dem Fachbereich Music & Movement. Sie erhalten bereits im Bachelor Unterricht in Musik (Richtung Klassik oder Jazz-Pop), Bewegung, Sprache und Szenisches Gestalten. Im Master Rhythmik-Performance bilden die Entwicklung und Umsetzung eigener szenisch-musikalischer Konzepte für Bühne und Öffentlichen Raum den Kernbereich des Studiums. Während der ersten drei Studiensemester wird in den jeweiligen Fachunterrichten an der Elaboration der Ausdrucksformen gearbeitet. Daraus entstehen Abschlussprogramme mit einem fachspezifischen Fokus auf Sprache und auf Musikimprovisation. Theoriestunden in Regie und Dramaturgie begleiten den Performanceunterricht.

So können die Studierenden von konkreten Aufgabenstellungen ausgehend, mit offenstehenden Interpretationen und Umsetzungen ihr eigenes künstlerisches Profil in Musik, Bewegung und Sprache entwickeln und fortlaufend schärfen. Ausgangspunkt für die kreativen Prozesse sind häufig bestehende Werke der Bildenden Kunst, der Literatur und der Musik mit Bezügen zu Arbeits- und Denkweisen aus der Darstellenden Kunst und der Performance. Ein Regie-Praktikum bei renommierten Regisseuren und an großen Häusern wie dem Staatstheater Stuttgart, dem Deutschen Nationaltheater Weimar, dem Opernhaus Zürich oder der Berliner Staatsoper Unter den Linden, aber auch bei Performancekollektiven wie She She Pop und God´s Entertainment eröffnet den Studierenden die Möglichkeit, über einen kompletten Produktionszeitraum bei der Entstehung eines Stückes oder einer Performance mitzuarbeiten und mitzudenken. Ihre intermedialen Kompetenzen machen sie zu außergewöhnlichen Künstlern und interessanten Mitarbeitern.

Die Rhythmik wird zumeist als rein pädagogische Disziplin betrachtet. In ihrer Historie finden sich zahlreiche Beispiele für außergewöhnliche künstlerische Impulse, Entwicklungen und Persönlichkeiten. Aus Projekten mit besonderen Zielgruppen der Studierenden im Master Rhythmik-Performance werden beispielhaft oder tatsächlich Festival- und Wettbewerbsbeiträge (vgl. unten stehenden Artikel „Professionell inszenieren…“).

Begabte Jugendliche schon früh gezielt fördern

An der Musikhochschule Trossingen ermöglicht eine seit Jahrzehnten gewachsene Kooperation zwischen der benachbarten Grundschule mit Musikprofil und dem Institut für Musik und Bewegung/Rhythmik Rhythmik-Unterricht in den Räumen der Hochschule: Jede Woche erhalten die 3. Klassen eine der beiden Musikstunden, die im Stundenplan verankert sind, als Rhythmik-Unterricht.
Das Fach setzt sich schwerpunktmäßig mit der Wechselwirkung von Musik und Bewegung in all ihren unterschiedlichen Bezugsformen auseinander. Durch solche Aufgabenstellungen wird die Hör-Differenzierung handlungsorientiert geschult. Diese Herangehensweise eröffnet ein weites Feld immer neuer Beziehungsgefüge zwischen Musik und Bewegung, die sich auf alle Musikstile anwenden lassen und Zugänge zu zeitgenössischer und klassischer Musik sehr lebendig gestalten können.
Geleitet wird der Rhythmik-Unterricht von Studierenden, die von Prof. Sabine Vliex intensiv betreut werden. Besonders begabte Kinder haben die Möglichkeit, sich unter Anleitung von Lehrenden der Musikhochschule auf eine Aufnahmeprüfung im Fach Rhythmik für das seit 2015 in Trossingen bestehende Musikgymnasium vorzubereiten. Hier werden musikalisch besonders begabte Kinder und Jugendliche gezielt gefördert und in ihrer weiteren Entwicklung unterstützt – eine einmalige Chance zur Nachwuchsförderung rhythmikbegabter Kinder und Jugendlicher.

Mittelfristiges Ziel ist ein am Musiklehrplan angelehntes Curriculum für einen Rhythmikunterricht, der bis zum „Musik-Abitur mit Rhythmik“ führt. Bisher fehlen an Musikschulen und Gymnasien genau diese Aufbaustufen im Fach Rhythmik. Hier kann entlang von Bewegungsparametern und bestimmten Musikvorgaben für die Bewegungsumsetzung (aus verschiedenen Epochen, Gattungen, Stilen) gearbeitet werden. Außerdem werden die Schülerinnen und Schüler in Improvisation und bewegungsmusikalischer Gestaltungsfähigkeit geschult – eine ideale Vorbereitung für ein Rhythmikstudium.

Eine solche Initiative zur Weiterentwicklung des Faches verbessert insgesamt die Nachwuchssituation in den Fächern Rhythmik und EMP und wäre auch anderswo wünschenswert.

Professionell inszenieren mit besonderer Projektgruppe

Ein Jahr lang beschäftigten sich acht Frauen mit der Zeitfrage, theoretisch und praktisch, in Musik, Tanz und Sprache. Sophia Waldvogel, Master Rhythmik-Performance, leitete die Gruppe an, deren Teilnehmerinnen alle an Multipler Sklerose (MS) erkrankt sind. Hier ihr Bericht:

Zu Beginn der gemeinsamen Arbeit fragte ich die Frauen, was sie von mir erwarteten. Choreografien lernen oder improvisieren, sich mit unbekannten Musikstilen beschäftigen, selbst Musikmachen, mit Texten und Stimme arbeiten, mit persönlichen Themen oder gesellschaftlichen … eher individuell oder als Gruppe? Sie antworteten mir unisono: „Alles!“ Darin spiegelt sich die große Begeisterung, Neugier und Motivation dieser Frauen. Und das, obwohl sie sich ein Ausdrucksmedium ausgesucht hatten, welches direkt von ihrer Krankheit betroffen ist: ihren Körper.

Die MS ist bei den Frauen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Ihre körperlichen Fähigkeiten sind sehr verschieden und schwanken oft unvorhergesehen. Und da ihre Einschränkungen zunahmen, entwickelte ich eine spezifische Projektidee: Der positive Bezug zum eigenen Körper und zur eigenen Kreativität soll durch das Erlernen neuer Ausdrucksweisen – Musik, Sprache und das Verbindungsglied des Rhythmus - gestärkt werden. Weitere Ziele waren ein bidirektionaler, kollektiver Schaffensprozess – Stichwort Empowerment. Lebensfreude und Sinnstiftung durch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Das spielte insofern eine wichtige Rolle, als dass sieben der acht Frauen nicht mehr erwerbstätig sind und teilweise das Gefühl haben, der Gesellschaft zur Last zu fallen. Meine wichtigste Intention waren Inklusion und kulturelle Teilhabe: Ich wollte den Frauen einen Zugang zum professionellen künstlerischen Arbeiten ermöglichen sowie zu künstlerischen Techniken und Fähigkeiten. Andererseits sollten Kulturinteressierten Perspektiven eröffnet werden, die viele sonst nicht erleben. Daher führten wir das Projekt öffentlich auf.  
Wir arbeiteten im Workshop-Format, um intensiv in die Prozesse eintauchen zu können. Es gab keine vorgefertigten Szenen, sondern Explorationsräume für eigene Ideen. Von mir bekamen sie sowohl Inspiration als auch Handwerkszeug.

Die körperlichen Einschränkungen der Teilnehmerinnen nahm ich als solche sehr ernst, regte aber auch einen kreativen Umgang damit an. In der Performance sollten sie nicht im Vordergrund stehen, aber auch nicht überspielt werden, um keinen vermeintlich wohlwollenden Bonus-Blick zu wecken!
Wir arbeiteten prozessorientiert, mit Humor und Spontanität, gemeinschaftlich, ohne Stress aber mit künstlerischem Anspruch. In meinen Augen haben die acht Frauen nicht nur neue Musik, Stimm- und Sprechkunst für sich entdeckt und darin diverse Fähigkeiten erlernt, sondern vor allem auch an Selbstbewusstsein und Freude gewonnen, mit dem eigenen Körper zu arbeiten. Mit ihrer Kraft und Kreativität machen sie anderen Menschen Mut, das Leben selbst zu gestalten. Und mit ihrer sehr authentischen und persönlichen Kunst bereichern sie unsere Kulturlandschaft.

Jazz-Pop oder Klassik

Music & Movement gehört zu den Studienschwerpunkten in Trossingen. Grundlage des Studiums bildet das Fach Rhythmik, das sich intensiv mit den Wechselwirkungen von Musik und tänzerischer Bewegung auseinandersetzt: Explorieren, Improvisieren und Gestalten in Komposition, Choreographie und Szene.

Im Bachelor-Studiengang Music & Movement erhalten die Studierenden neben Musiktheorie- auch Einzelunterricht auf ihrem Instrument oder in Gesang, entweder in klassischer Richtung oder mit dem Schwerpunkt Jazz/Pop. Im Hauptfach werden Gelegenheiten zur differenzierten Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Werken der Klassik oder den Klangwelten und Sounds von Jazz und Pop in Musik und Bewegung geschaffen, abseits tänzerischen und musikalischen Mainstreams, auf der Suche nach individuellen künstlerischen Ausdrucksformen für innovative Bühnen- und Unterrichtsgestaltungen.

Wer gerne mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Bereich der musikalisch-tänzerischen Bildung und Entwicklung arbeiten möchte, wird im Music & Movement-Studium mit den entscheidenden Kompetenzen ausgestattet.

Weitere Informationen:
mh-trossingen.de/Music&Movement
youtube: musicandmovementacad
Instagram: musicandmovement_trossingen

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