Musik und Haltung(en)

Neuerscheinungen der Phonoindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Element Of Crime, Hans Söllner, Greta Van Fleet, Cat Power, Bosse.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Ja, ja und ja. Bosse ist mit „Alles ist jetzt“ wieder da. Das ist erneut Musik, die konsequent zu Ende gedacht ist. Die trotz ihrer Strukturiertheit aus dem tiefsten Bauch kommt. In jeder Sekunde berührt. Alle Gefühlswelten und emotionale Lagen abdeckt und dann – jetzt kommt es – auch noch textlich ganz exakt beim Hörer andockt. Mal ein wenig verklausuliert, mal gar nicht so hinterlistig und ziemlich direkt. „Alles ist jetzt“ läuft ab der ersten Hörsekunde durch, ist vielseitig einsetzbar (Autofahrt, Weinabend, Hipster- und Afterworkparty). Bosse macht Freude und nachdenklich. Vielen Dank. Mehr wollten wir gar nicht (Vertigo Berlin). Anspieltipps: Hallo Hometown, Wanderer, Die Befreiung.

Cat Power, eine der talentiertesten Songwriterinnen der letzten zehn Jahre, hat sich rar gemacht. „Wanderer“ ist somit ein „Hallo–ich bin noch hier“- Album, das man sich gönnen sollte. Warum? Es gibt einen tollen Überblick über Cat Powers künstlerisches Repertoire. Ob Alternative Country, Bluesfolk oder Songwriter-Ballade. Cat Power stemmt das locker weg. „Wanderer“ ist ein stimmiges Album, das neben tiefen Seelenqualen und traurigen Lebensansichten reichlich kribbelige und bejahende Momente bereit. Musikalisch immer am Maximum des Minimalen. Aber auch so etwas wollen wir ja. Uns abarbeiten an Musik. Sie hinterfragen. Auf uns anwenden. Gelingt mit Cat Power fast allzu gut (Domino Recording). Anspieltipps: You Get, Black, Horizon.

So. Wenn es je das nächste große Ding gab, dann sind das die Jungs von Greta Van Fleet. Knapp um die 20 Jahre sind die Burschen, aber was da bisher als EP/Album kam („From the Fires“) war unfassbare Rockmusik, die – Achtung, Plattitüde – seit 25 Jahren nicht mehr zu hören war. Grunge war nett, Techno überfordert, aber Greta van Fleet sind Rockmusik. Und nein. Sie klingen nicht wie zeitreisende Led Zeppelin. Greta Van Fleet klingen definitiv einzigartig. Riffrock, sägender Gesang, der sämtliche miesen, aus dem Verstärker getretenen Sounds blass aussehen lässt. Solideste Schlagzeug- und Bassarbeit, die jedoch das gesamte Fundament trägt und in dieser Band unersetzbar sind. Jede Lobeshymne auf Greta Van Fleet und ihr Album „Anthem Of The Peaceful Army“ ist gerechtfertigt. Jeder Song ein Spektakel. Stets unwägbar und doch so präg­nant in seiner Intention. Gibt es einen Plural von Messias? Diese Band hätte ihn verdient. Es gibt hier keinen Anspieltipp. Nur die Drohung, alles sofort anzuhören und die Band bei ihren spärlichen Deutschlandkonzerten 2018 und 2019 live zu sehen. Und jetzt legen wir die Messlatte richtig hoch: Greta Van Fleet werden den Rock retten aus seiner aktuellen Bedeutungslosigkeit zwischen austauschbaren Künstlern und routinerten Songs (Republic Records). Anspieltipps: alles.

Hans Söllner meinte es nie ernster als auf „Söllner“. Allein der Albumtitel drückt das aus. Sein 25. Album ist an Bitterkeit, Klarheit und Wahrheit nicht zu übertreffen. Söllner findet die Worte, die sich die Mehrheit nicht auszusprechen traut. Oder nur hinter vorgehaltener Hand. Hans Söllner hält nicht nur uns, die feige sind oder nicht können, gnadenlos den Spiegel vor. Klingt banal und ausgelutscht. Ist aber exakt der Fall. Politische Themen schildert Söllner exakt, in aller Härte und nicht zimperlich in der Wortwahl. Aber wenigstens spricht er sie an. Und trotz des vermeintlichen politischen Themas, lässt er in jeden Song anklingen, was wir, die Hörer, eigentlich gedenken, gegen all diesen Wahnsinn (AfD, Ungerechtigkeiten, Rassismus, Rechtsruck usw.) zu unternehmen. Und am Ende des Tages stehen wir mit Söllners Album da und müssen zugeben: Nichts tun wir. Oder nicht genug. Selten war Musik so durchschauend (Trikont). Anspieltipps: alles.

Element Of Crime. Reicht ja prinzipiell als Ansage. „Schafe, Monster und Mäuse“. So ähnlich wie der Titel rumpelt es auch musikalisch. Ein genialer Brei aus chaotischen Gitarren, aus richtigen Liedern, aus verträumten Klecksen. Wunderbar stimmig, textlich sowieso vorbildlich. Element Of Crime lassen es laufen. Und so wird „Schafe, Monster und Mäuse“ ein unvergessliches Stück Musik, das man nicht näher beschreiben sollte. Es darf wirken (Vertigo Berlin). Anspieltipps: Ein Brot und eine Tüte, Stein/Schere/Papier, Karin, Karin.

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