Musikalisches Bilderbuchkino

Kitakinder in der Landesmusikakademie Berlin


(nmz) -
In eine Sofaecke eingekuschelt, bei schönem Licht und in ruhiger Atmosphäre – so lassen sich Bilderbücher am allerbesten gemeinsam genießen. Doch das ist mit einer Kitagruppe nicht allzu oft zu verwirklichen, denn da möchte gleich ein Dutzend Kinder auf einmal in das Buch fast hineinkriechen, um alles genauestens sehen zu können. Genau aus diesem Grund ist sowohl das aus Japan stammende Kamishibai als auch das digital geprägte Bilderbuchkino in den letzten Jahren immer beliebter geworden.
Ein Artikel von Beate Robie

In beiden Formen ist die Illustration gut sichtbar, sei es über Projektion oder über den charmanten hölzernen Guckkasten. Werden diese Mittel eingesetzt, hat die Fachkraft die Hände frei, niemand muss verkehrt herum auf das Buch schauen, alle können gut sehen und unbequeme Drängeleien werden weniger. Und plötzlich entstehen noch andere Möglichkeiten, um eine besondere Atmosphäre zu schaffen! Der Erzählton, die Bewegungen bei der Präsentation, ein Singen und Summen, die zauberisch oder grotesk anmutenden Melodien eines Instruments vertiefen das Erlebnis der Geschichte. Just an dieser Stelle setzt die Verwandlung zum musikalischen Bilderbuchkino ein, das für die Landesmusikakademie Berlin entwickelt wurde: Texte werden gesungen, die immer gleiche Antwort einer Figur verwandelt sich in einen musikalischen Kehrreim, zu tanzenden Figuren wird die Musik hörbar. Mehr noch: Alle Kinder stehen auf und tanzen wie der Bär. Singen mit. Untersuchen das Instrument vom Siebenschläfer. Geben rhythmische Klopfzeichen. Spreizen die Flügel wie der Adler…. Auf diese Weise entfaltet sich ein Bilderbuch zum interaktiven Musiktheater en miniature, zu einer sprachlich-musikalischen Schatzkiste für Kitagruppen. Mehrere Leitgedanken prägen den Charakter des musikalischen Bilderbuchkinos in der Landesmusikakademie Berlin.

1. Ein Instrument steht klanglich im Mittelpunkt: Einerlei, ob das Instrument im Bilderbuch auftaucht oder nicht – klanglich durchzieht immer ein Soloinstrument die Performance, ist von Nahem zu sehen und zu hören und zeigt seine Vielfalt. Das Instrument steuert mit Geräuschen, Leitmotiven, Liedbegleitung und Bewegungsimpulsen eine klangfarbenreiche Palette bei. Je nach Zeit, Andrang und Instrument kann es am Ende noch genauer untersucht oder sogar kurz ausprobiert werden.

2. Sprachliche und musikalische Beteiligung ist erwünscht: Die Kinder können das Bilderbuch interaktiv miterzählen und die musikalischen Aktionen mitmachen. Lieder, Hörbeispiele, Tänze, rhythmische Reime, Bodypercussion, Bewegung – all dies bereichert die Erzählung des Bilderbuchs. Eigens komponierte Lieder oder rhythmische Reime fassen die Geschichte in eine neue musikalisch-sprachliche Einheit, die gut zu erinnern ist. Über Bodypercussion oder Bewegung können sich Kinder in verschiedene Charaktere einfühlen; Hörbeispiele eignen sich oftmals, um Gefühlsschwingungen einzufangen; in etlichen Kinderbüchern wird das Happy End durch ein Fest gekrönt - hier im musikalischen Bilderbuchkino kann sich die Spannung in Tanzenergie verwandeln!

3. Das Nachspielen in der Kindertagesstätte wird angeregt: Erzie­he­rinnen und Erzieher erhalten Material, um das Erlebte in der Kita nachzuspielen und fortzuführen. So kann das Ereignis tiefere Wirkung bei den Kindern entfalten. Das Material liefert professionell nutzbare Impulse für die Bildungsbereiche Literacy und Musik und kann leicht zu ganzen Projekten erweitert werden.

Wenn bei den begleitenden Erzieherinnen und Erziehern der Spaß und das Interesse wächst, die eigenen musikalischen Potentiale zu wecken oder zu vertiefen, entsteht vielleicht der Wunsch, eine Fortbildung zum Thema zu besuchen. In den Kursen entwickeln die Teilnehmer*innen dann auch eigene Ideen, um diejenigen Bilderbücher musikalisch auszugestalten, die in der Gruppe gerade besonders beliebt sind.

Die Grundideen und Leitlinien des Musikalischen Bilderbuchkinos wurden von der Autorin entwickelt und während der Realisierung begleitet. Wichtig ist beispielsweise, bei der Bilderbuchwahl auf einen möglichst diversitätssensiblen Ansatz zu achten.

Durch die Unbekanntheit des Formats waren bei der Suche nach Performer*innen intensive Gespräche notwendig, um die Idee zu transportieren und die Verbindung von analoger und digitaler Präsentation vorstellbar zu machen. Und auch darüber hinaus sind die Aufgaben der Performer*innen alles andere als banal! Sie steuern nicht nur die Ideen bei, wie man das Bilderbuch musikalisch anreichern kann. Wie in einem Musiktheater erzählen und singen sie, spielen noch dazu ein Instrument, interagieren mit den Kindern und führen sie durch viele Mitmachaktionen

Bei der Realisation ist aber nicht nur der künstlerische Teil zu beachten. Im Vorfeld ist mit den Verlagen die Frage der Rechte zu klären und die Bilderbücher müssen digitalisiert werden. Oftmals kann man auf bereits erstellte, kostenlose Dateien auf Verlagsseiten zurückgreifen; Medienzentren der Länder und Bibliotheken halten Medienpakete zur Ausleihe bereit. Anbieter wie onilo oder Matthias Film stellen gegen Gebühr ebenfalls digitale Boardstories bzw. Medienpakete bereit und vergeben Lizenzen.

Ist das alles geklärt, muss noch geprüft werden, ob es passende Sitzgelegenheiten gibt, die den Wechsel zwischen Aktionsfläche und Platz leicht erlauben; ob genügend Garderobenkapazität da ist; ob das Licht auf einen guten Kompromiss zwischen Leinwand- und allgemeiner Bühnenhelligkeit einzustellen ist; ob es einen klar erkennbaren Bühnenrand gibt, damit die Kinder nicht - wie magisch angezogen - langsam in Richtung Performer*in rutschen.

Belohnt wird der Organisationsaufwand, die eingebrachte Kreativität und Performancekunst durch das spürbar intensive Miterleben der Kinder: überraschte Gesichter, wenn die Geige von Nahem tönt; feurig mitgespielte Rhythmen am imaginierten Schlagzeug; selbstvergessenes Lauschen und ein Summen beim Hinausgehen, das verrät, welches Lied bereits jetzt zum Ohrwurm wurde!

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