Musikmusterländle – bald Muster ohne Wert

Zur Hochschulsituation in Baden-Württemberg


(nmz) -
Im Musterland der Musik Baden-Württemberg geht es zurzeit nicht gerade musterhaft zu. Dort gibt es allein fünf Musikhochschulen, 20 Prozent der kommunalen Musikschulen Deutschlands sowie 40 Musikgymnasien; 38 Prozent aller „Jugend musiziert“-Teilnehmer kommen aus BW. Nun liegt ein Vorschlag des Rechnungshofs vor und Chaos breitet sich aus.
Ein Artikel von Wolfhagen Sobirey

Im Musterland soll an den Musikhochschulen kräftig gespart werden. Die „Beratende Äußerung“ des Landesrechnungshofs wird vom zuständigen Ministerium noch verschärft. Zwischenzeitlich zerbricht die Kollegialität der fünf Hochschulen. Drei davon (Stuttgart, Freiburg, Karlsruhe) meinen, nichts einsparen zu können, zeigen dagegen auf die beiden anderen (Trossingen, Mannheim), riskieren damit das faktische Aus der Trossinger Hochschule, die zur Akademie herabgestuft werden soll, und den Verlust der Klassikabteilung in Mannheim. Die Mannheimer Hochschule soll stattdessen die Pop-Akademie übernehmen, die damit (verdientermaßen) einen Hochschulstatus bekäme. Die drei Hochschulen führen Gespräche mit dem Ministerium augenscheinlich unter Ausschluss der zwei anderen.

Die „Beratende Äußerung“ des Rechnungshofs Baden-Württemberg schlägt für die fünf Musikhochschulen eine Haushaltskürzung um fünf Millionen vor, „Verschlankung aller Standorte“ heißt es da noch, zu realisieren unter anderem durch den Abbau von 500 Studienplätzen. 2.000 statt bisher 2.500 sollen es zukünftig sein.  

Dagegen erklärt das Wissenschaftsministerium: Nicht an allen Standorten, vielmehr im Wesentlichen an der Trossinger und Mannheimer Hochschule soll gespart werden. Nun wird gestritten. Die Musikhochschulen Stuttgart, Freiburg und Karlsruhe verweigern Studienplatzverringerungen, das schade der Qualität. Wie viele Studienplätze muss eine Musikhochschule haben, um mit Blick auf Exzellenz und Qualität funktionsfähig zu sein? Eine Zahl von 350 bis 400 Studierenden steht im Raum. Es gibt berühmte Musikausbildungsstätten, die weit weniger Studienplätze haben, zum Beispiel Philadelphia, Yale, Seoul, mit jeweils weit unter 300 Studierenden.

Hochschulbeobachter sagen, dass die Zahl der Studienplätze durchaus reduziert werden müsse, weil unsere Musikhochschulen zu viele junge Leute ausbilden. Tatsächlich, geschätzt sechs- bis siebentausend junge Leute bewerben sich jährlich um zirka 120 Stellen, die pro Jahr bei unseren Orchestern frei werden. Viele Hochschulabsolventen finden keine Anstellung, auf dem freien Markt gibt es teils schlechte Verdienstmöglichkeiten.

Hochschulvertreter halten dagegen, es gehe nicht in erster Linie um Anstellungen, sondern zunächst um Pflege und Weiterentwicklung der Musik und um eine exzellente Qualität der Ausbildung. Bei steigendem öffentlichem Interesse an Konzerten biete der freie Markt sogar wachsende Verdienstmöglichkeiten.

Manche staunen auch über die hohe Zahl ausländischer Studierender an deutschen Musikhochschulen. Durchschnittlich 44 Prozent der Musikstudierenden in BW kommen aus dem Ausland, 29 Prozent aus Nicht-EU-Staaten. Nur so wenige Plätze für Bildungsinnenländer? Sind unsere Jugendlichen weniger begabt?

Hochschulvertreter erklären, dass die ausländischen Studierenden kämen, weil das Musikland Deutschland und seine Hochschullehrer so angesehen sind, dass sie qua Exzellenzauftrag die weltweit besten Talente zu gewinnen bemüht sein müssen. Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrats, (DMR Newsletter 26/2013) sieht noch einen anderen Grund, der zur hohen Zahl ausländischer Studierender führt. Immer weniger junge Leute, die hierzulande ihr Instrumentalspiel erlernt haben, sind in den Eignungsprüfungen erfolgreich. Sie sind nicht ausreichend vorgebildet.

Es spricht sich herum: Trotz zahlloser Musikevents und Projekte schwächelt das „Musikland Deutschland“ an seiner Basis. In immer weniger Elternhäusern gibt es die Musikanregungen, die wir brauchen. Diese Eltern haben keinen Musikunterricht mehr erlebt. In den Kitas arbeiten Erzieherinnen, die in ihren Ausbildungen kaum Musik erfahren haben. In den Schulen fehlen die Schulmusiker. Musikstunden fallen aus oder werden gleich abgeschafft. Die Chöre und Jugendorchester haben Nachwuchsprobleme. Die Entwicklung zur Ganztagsschule nimmt den Kindern und Jugendlichen in zunehmendem Maße nachmittags die Zeit, zum Instrumentallehrer und zum Orchester zu gehen – oder auch nur zu üben. Und in den Musikhochschulen geht es immer noch meist vor allem um künstlerische, nicht auch um pädagogische Exzellenz. Aber wir haben sicher mehr junge Leute, die auch das Zeug haben, zu den Besten zu gehören! Leider werden sie augenscheinlich nicht gut genug ausgebildet.  Geht die Auseinandersetzung der Musikhochschulen Stuttgart, Freiburg und Karlsruhe mit oder gegen die in Trossingen und Mannheim in Wahrheit nicht auch um Inhalte der Ausbildung? Geht es nur um die Besten der Welt und um das künstlerische Potenzial oder brauchen wir nicht erheblich mehr engagierte und exzellent ausgebildete Musikpädagogen, die die musikalische Bildung und Ausbildung im Land wieder steigern?

Uninteressant für Hochschullehrer der alten Schule, die sich nur für Solisten interessieren, nicht für das Orchesterspiel, nicht für die Bildungspyramide im Musikland Deutschland? Ist das der Hintergrund des Verdrängungsversuchs in BW? Das alte elitäre Denken der Elfenbeinturmdünkler gegen Hochschullehrer, die erkannt haben, was die Musik, was auch die Menschen in unserem Land brauchen?

Denn bekanntlich sind die Musikhochschulen in Trossingen und Mannheim pädagogisch besonders engagiert. Streit nur deshalb, weil manche die Pädagogik für eine quantité négligeable halten, die nichts zur Exzellenz beitragen könne, – ebenso die augenscheinlich genauso traditionell-elitär denkende grüne Kunst-Ministerin?

Musterländle

Die Harmoniebedürftigkeit von Musikern drückt sich nicht nur in fehlendem politischen Engagement aus, sie ist auch der Grund warum es so leicht fällt, bei dieser Gruppe von Arbeitnehmern den Rotstift anzusetzen. Künstler fühlen sich noch immer als Zierrat der Gesellschaft und sind dankbar, wenn nicht mehr genommen wurde. Ihr Anspruch auf individuelle Entfaltung verhindert gleichzeitig die Weitergabe von Solidarität. Besonders fatal erlebbar am Verhalten der kulturellen Institutionen untereinander. Solange sie sich nicht gemeinsam als notwendige Kraft gegen die mittlerweile unser ganzes Leben bestimmende Ökonomisierungsidiotie verstehen, ist mit weiteren Verdüsterungen zu rechnen.


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