Musikschulunterricht als Produkt: Wie Yamaha seine Sparte Music Education aus den roten Zahlen bringen will


(nmz) -
44 Treffer zeigt der „Music School Locator“ derzeit an, wenn man auf der Yamaha Homepage nach Musikschulen sucht, die den Namen des Instrumentenherstellers tragen oder mit ihm kooperieren. Vor zwei Jahren hätten noch über 70 entsprechende Pins in der Google-Karte gesteckt. Noch etwas fällt auf: Die Namen der Einrichtungen variieren zwischen den deutschen Bezeichnungen „Yamaha Musikschule“ und „Kooperationspartner“ auf der einen und den englischen Namen „Yamaha Music School“, „Yamaha Music Point“, „Yamaha Music Class“ und „Yamaha Academy of Music“ auf der anderen Seite. Yamahas Musikschullandschaft muss offenbar neu kartografiert werden.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Die offizielle Sprachregelung hierzu lautet im Netz wie folgt: „Seit diesem Jahr arbeiten Yamaha Musikschulen nach einem neuen Konzept, in dem die Besonderheiten des ‚Yamaha Music Education System‘ besondere Berücksichtigung finden. Schulen, die bereits nach diesem Konzept arbeiten, sind als ‚Yamaha Music School‘ oder ‚Yamaha Music Point‘ gekennzeichnet. Schulen, die in Kürze auf das neue Konzept umgestellt werden, sind als ‚Yamaha Musikschule‘ und ‚Yamaha Class‘ gekennzeichnet.“

Beim Besuch in Hamburg ist Jörn Fischer – als Manager der Yamaha Music School Operations unter anderem für Deutschland, Österreich und die Schweiz zuständig – sichtlich bemüht, den Ball flach zu halten. Den Begriff „neues Konzept“ fasst er nur mit spitzen Fingern an; Anführungszeichen, groß wie Zaunpfähle, schwirren im Raum, wenn er ausführt: „Die generelle Richtung des Yamaha Music Education System bleibt selbstverständlich erhalten, aber in regelmäßigen Abständen überarbeiten wir unsere Unterrichtsprogramme und so auch dieses Mal. Das ‚neue Konzept‘ besteht im Grunde in einer Überarbeitung des Junior Music Courses und in der für das nächste Jahr geplanten Überarbeitung des Folgeprogramms für Kinder ab sechs. Gleichzeitig haben wir Dinge neu eingeführt, die es in Deutschland bisher noch nicht gab, nämlich den Kursus ‚Music Wonderland‘ für Kinder ab dem dritten Lebensjahr sowie den ‚Junior Step Fundamental Course‘ für Kinder ab sechs Jahren.“

Europaweite Standards

Philippe Tirfoin, Director für Yamaha Music Education in Europa, wird da schon deutlicher. Leise, aber bestimmt, spult er ein englisches Managervokabular herunter, das um den Wortstamm „standard“ kreist und sich folgendermaßen zusammenfassen lässt: In der Vergangenheit trugen im europäischen Raum Musikschulangebote sehr unterschiedlicher Art und Qualität den Namen Yamaha. Dies soll sich nun dahingehend ändern, dass in ganz Europa einheitliche Standards für die Ausbildung der Lehrkräfte, für Raumangebot und instrumentale Ausstattung sowie für das verwendete Unterrichtsmaterial eingeführt werden. „Wenn Sie sich ein Klavier oder ein Clavinova ansehen, dann ist es in Deutschland, Spanien, Großbritannien oder Japan das gleiche Produkt. Aber was ist eine Yamaha Musikschule? Hier gibt es unterschiedliche Qualitätslevels, verschiedene äußere Erscheinungsbilder, voneinander abweichende Zielrichtungen. Wir versuchen das zu verbessern und haben neue Verträge entworfen, die für alle Partner in Europa einen Mindeststandard für die Räume, die Ausstattung und den Ausbildungsstand der Lehrkräfte vorsehen.“

Was diese neuen Verträge im Klartext bedeuten, haben die Musikschulen, die durch eines der bisherigen Franchise-Modelle mit Yamaha verbunden waren, nun schon seit einiger Zeit schwarz auf weiß: Sie sehen statt den bisherigen Pauschalgebühren eine prozentuale Abgabe auf die Unterrichtsgebühr vor, die je nach Schülerzahl bei sechs bis zehn Prozent pro Schüler liegt. Dies kann für Schulen mit mehr als 400 Schülern bedeuten, dass sie statt bisher pauschal 1.800 Euro pro Jahr 15.000 Euro und mehr (je nach gewährtem Rabatt) an Yamaha zu zahlen haben. 

 Konsequenzen

Dies ist nur einer der Gründe, warum Alexander Blume, von 1992 bis 2010 mit seiner Musikschule in Eisenach einer der wichtigsten Yamaha-Partner, die Trennung vollzogen hat. Schwerer noch wiegt für ihn die in seinen Augen verfehlte pädagogische Neuausrichtung: Programme, an denen er selbst konzeptionell mitgewirkt hat, sollen – so Blumes Einschätzung – durch einen internationalen Standard ersetzt werden: „Yamaha will, dass ein Lehrer, der heute hier Stunde 18 unterrichtet, theoretisch übermorgen in Paris Stunde 19 unterrichten kann. Aber die Kinder kommen ja nicht zu mir, um gleichgeschaltet oder bespaßt zu werden, die haben individuelle Wünsche und Fähigkeiten, auf die man eingehen muss.“

Als der Musikschulleiter begann, sich gegen diese Entwicklungen zur Wehr zu setzen und Yamaha daraufhin, so Blume, „seine vertragliche Verpflichtung, pädagogische und betriebswirtschaftliche Unterstützung zu leisten, nicht mehr erfüllte“, kam es zu Auseinandersetzungen, die beinahe vor Gericht gelandet wären. Alexander Blume hat daraus nicht nur die Konsequenz gezogen, seine Musikschule seit dem 1. Juli 2010 Yamaha-frei zu betreiben, er hat außerdem eine Firma gegründet, die – ohne ein Franchise-System zu sein – unter anderem ehemalige Yamaha-Partner gezielt anspricht, ansonsten aber offen ist für eine Zusammenarbeit etwa mit privaten und kommunalen Musikschulen oder auch Kindergärten. Der Name „conmusica – Institute for Modern Music Education“ signalisiert ambitionierte Ziele, zu denen Blumes Geschäftspartner den Schlüssel in der Hand haben könnte, denn der ist ein alter Bekannter: Asmus Hintz, seit 1974 konzeptionell und ab 1980 in leitender Funktion für Yamaha tätig, war von 1989 bis 2009 General Manager für den Bereich Yamaha Music Education und hat im Januar 2009 nach Erreichen seines 60. Lebensjahres den Konzern auf eigenen Wunsch verlassen.

Das Königreich des Prof. Hintz

Aus seiner Sicht ist es kein Zufall, wenn bei Yamaha nach seinem Ausscheiden neue Entwicklungen Einzug halten: „Nachdem unter meiner Führung lange Jahre erfolgreich für viele europäische Länder spezifische Unterrichtsprogramme entwickelt wurden, die den jeweiligen kulturellen Hintergrund und die spezifischen Bedingungen im Umfeld berücksichtigten, will man nun von der japanischen Zentrale aus die reine Lehre durchsetzen, was in der Vergangenheit unter anderem in Spanien und Frankreich mit mäßigem Erfolg versucht worden ist.“ Bei Yamaha herrsche die Meinung, so Hintz, dass das, was im asiatischen Raum wirtschaftlich funktioniere, auch hier funktionieren müsse. Hintz’ Bemühungen um einen Dialog mit den pädagogischen Fachverbänden, seine gemeinsamen Initiativen mit dem Deutschen Musikrat, darunter der von 2004 bis 2008 jährlich vergebene „INVENTIO Preis für Innovationen in der Musikalischen Bildung“, und die aus seiner Sicht erfolgreiche länderspezifische Differenzierung der Arbeitsmaterialien standen diesem strategischen Ziel offenbar im Weg. Dies wird auch von Alexander Blume bestätigt. Er zitiert den seinerzeit verantwortlichen Präsidenten von Yamaha Europe mit der vor einigen Jahren geäußerten Bemerkung: „Das Königreich von Prof. Hintz muss zerschlagen werden.“

Versteht sich von selbst, dass man in der Yamaha Zentrale solche Zusammenhänge weit von sich weist. Schließlich habe Asmus Hintz seine Altersteilzeit lange im Voraus geplant, so Jörn Fischer, der außerdem betont, Yamaha bleibe weiterhin offen für Kooperationen. Was die „Stiftung 100 Jahre Yamaha“ betrifft, die beispielsweise den INVENTIO finanzierte, so ruhten die Initiativen derzeit aus dem Grund, weil man prüfe, wie die Aktivitäten der beiden Stiftungen – der „Stiftung 100 Jahre Yamaha“ und der Stiftung „Yamaha Music Foundation Europe“ – unter dem Dach der Yamaha Music Europe vereint werden könnte.

Ohne Asmus Hintz direkt zu erwähnen, redet Philippe Tirfoin dann auch Klartext in Sachen Wirtschaftlichkeit: „Von außen betrachtet, mag die Arbeit erfolgreich gewesen sein, aus Sicht des Unternehmens war sie es nicht. Die Sparte Yamaha Music Education war in Europa immer defizitär, wobei es in Deutschland die größten Verluste gab. Das ist für ein Wirtschaftsunternehmen nicht akzeptabel.“

Unklar bleibt bei dieser Formulierung, warum man Asmus Hintz unter diesen Vorzeichen jahrzehntelang die Entwicklungen als General Manager hat gestalten lassen. „Ich bin geplant und freiwillig mit 60 aus dem Unternehmen ausgeschieden“, betont Hintz. „Meine Leistung wurde nie kritisiert. Es ging zu meiner Zeit hauptsächlich um Imagebildung durch Musikpädagogik und nicht um ‚Profit & Loss‘.  Dazu gehörte auch meine Kooperation mit dem Deutschen Musikrat und den Fachverbänden. Das geschah alles im vollen Einverständnis mit der Konzernleitung. Die japanischen Yamaha-Progamme waren und sind hauptsächlich für die negativen betriebswirtschaftlichen Ergebnisse verantwortlich zu machen. Die von mir entwickelten Programme waren nachweislich wirtschaftlich sehr erfolgreich. In Deutschland waren die Verluste deswegen größer als in anderen europäischen Ländern, weil wir gezwungenermaßen die ideologisch verbrämten und kostenintensiven Anforderungen aus Japan realisieren mussten. Das gab uns andererseits den Freiraum für unsere musikpädagogische Arbeit.“

Für Philippe Tirfoin stellt sich eine grundsätzliche Frage: „Machen wir die Musikschularbeit, um ein bestimmtes Image zu pflegen? Dann ist der Erfolg so wenig messbar wie bei Werbung. Oder glauben wir, dass das seit 1954 entwickelte Yamaha Education System einen Wert darstellt, der auf der ganzen Welt anwendbar ist? Wenn dem so ist, können wir unser Produkt dann nicht genauso stolz mit dem Namen Yamaha verkaufen wie unsere Klaviere?“

Die neuen, nach Designvorstellungen aus der japanischen Zentrale gestalteten Räumlichkeiten im Hamburger Stadtteil Eppendorf, sollen diese neue Strategie signalisieren. „Wenn Sie ein Fünf-Sterne-Hotel buchen, erwarten Sie ja auch gutes Design, eine schöne Eingangshalle, ein gutes Restaurant…“, so Tirfoin, während er durch dunkel vertäfelte Gänge führt, die zusammen mit der Raumluft in der Tat die Atmosphäre einer Hotelkette ausstrahlen. In den Unterrichtsräumen selbst wird der Gast je nach Bereich von den Keyboards der neuesten Generation oder einer auf dem Heizkörper liegenden Plüschrobbe empfangen.

 Übergangslösungen

Die standardisierten Vorgaben für die Ausstattung der Partnerschulen würden aber, das unterstreicht Jörn Fischer, flexibel gehandhabt. Man sei immer bereit, im Gespräch Übergangslösungen zu finden, Gleiches gelte für den abzuführenden Anteil an den Unterrichtsgebühren. Bezogen auf die Veränderungen im Bereich der Unterrichtsprogramme will Fischer besonders eines betont wissen: „Es ist nicht so, dass jede Niederlassung irgendwelche Unterrichtmaterialien produzieren kann. Dazu bedarf es der Genehmigung der Yamaha Music Foundation. Zum Beispiel dürfen die in Deutschland entwickelten Kurse ‚Robbie und Kraki‘ oder der aus England stammende Kursus ‚Guitar Encounters‘ nunmehr auch international eingesetzt werden. Das Yamaha Music Education System war immer ein weltweites System mit internationalen Songs, auch daran hat sich nichts geändert.“

Zum Unterrichtsmaterial des nunmehr überarbeiteten „Junior Music Course“ – Eltern kaufen für 100 Euro ein mehrteiliges Set inklusive CD, DVD und Magnetnotentafel – gibt es ein Elternheft mit den deutschen Übersetzungen, das derzeit überarbeitet wird. Übersetzt sind auch die Texte der überwiegend von japanischen Komponisten stammenden Lieder, die auf CD und DVD dann auch auf Deutsch eingesungen sind.

Leise Zweifel daran, ob eine DVD mit lieblichen bis schrillen Bebilderungen von Instrumentalstücken, Liedern und kleinen Einheiten zur Musiklehre für Vier- bis Sechsjährige geeignet seien, nimmt Philippe Tirfoin ungläubig zur Kenntnis. Patrick Onrust, pädagogischer Leiter bei Yamaha Music Education, verbindet eine kleine Vorführung mit dem Hinweis: „Wenn die DVD eingesetzt wird, um die Kinder ruhig zu halten, dann schießen wir völlig über’s Ziel hinaus. Sinn und Zweck der DVD ist, dass sich die Kinder gemeinsam mit den Eltern bestimmte Stellen ansehen, um anhand kurzer Clips von 20 bis 40 Sekunden Unterrichtsthemen zu festigen. Es sind auch Lieder enthalten, um den Kindern ein bestimmtes Bild klar zu machen. Die DVD ist eine Hilfe, den Kindern das Verständnis von Musik nahe zu bringen, aber alles mit Maßen.“

Wirtschaftliche Perspektive

Schließlich kommen auch die betriebswirtschaftlichen Ziele zur Sprache. Um den „Break Even“ zu erreichen, brauche man in Europa 120.000 Schüler, rechnet Philippe Tirfoin vor. Momentan liege man bei 62.000. Zur zeitlichen Perspektive äußert sich Jörn Fischer: „Es geht nicht darum, diese Zahl kurzfristig zu erreichen. Wir wollen das System so balanciert aufstellen, dass wir sagen können: Wir haben jetzt ein Basis, um in zehn Jahren kostendeckend arbeiten zu können.“ Aus den jüngsten Erfahrungen – bisher haben in Deutschland zehn Partner die neuen Verträge unterschrieben – hat man bei Yamaha diese Zielvorgabe offenbar nachjustiert. Asmus Hintz zufolge war im November 2008 davon die Rede, sich mit dem Bereich Music Eduaction in fünf Jahren aus Europa zurückzuziehen, wenn es bis dahin nicht gelungen sei, diesen profitabel zu machen, wobei seinerzeit von 150.000 Schülern für das Erreichen des „Break Even“ ausgegangen wurde.

Zu den nunmehr fehlenden Pins auf der Yamaha-Landkarte zählt auch eine kleine Musikschule, deren Leiterin ihren Namen lieber nicht in der Zeitung veröffentlicht sehen will. Sie ist, wie viele ihrer Kollegen, von der Behandlung durch Yamaha enttäuscht. Die im neuen Vertrag vorgesehene Gebührenerhebung und den damit verbundenen bürokratischen Aufwand empfindet sie als eine Zumutung. Sie hat viel Geld in die Materialien und in die Fortbildungen bei Yamaha investiert (letztere sind im Zuge der neuen Regelungen mittlerweile kostenlos, heißt es bei Yamaha) und hat nun auf andere Programme umstellen müssen. Das „Robbie“-Material hat sie beispielsweise durch Lieder von Detlef Jöcker ersetzt. 

Bleibt nachzutragen, dass Yamaha zwei Fragen unbeantwortet ließ. So sehen nach Informationen, die der neuen musikzeitung vorliegen, die neuen Verträge keinen Gebietsschutz mehr vor, der früher die Konkurrenz der Partner untereinander verhinderte. Aus diesen Informationen geht außerdem hervor, dass die an Yamaha zu zahlenden Gebühren nicht auf der Basis der von den Schulen tatsächlich erhobenen Unterrichtsgebühren berechnet werden, sondern bezogen auf den von Yamaha empfohlenen Satz, der aufgrund der Situation vor Ort möglicherweise gar nicht verlangt werden kann. Gemessen an den tatsächlichen Einnahmen würde der von Yamaha geforderte Prozentsatz somit im Einzelfall bei kleineren Partnern auch über zehn Prozent hinausgehen. 

Yamaha äußert sich hierzu wie folgt: „Um der Gefahr von Missverständnissen vorzubeugen, bedürfte es im Hinblick auf unseren neuen Vertrag einer umfassenden Darstellung aller vertraglich relevanten Punkte, was an dieser Stelle sicherlich zu weit führen würde. Darüber hinaus wären hierbei auch Informationen eingeschlossen, die ausschließlich unseren Geschäftspartnern vorbehalten sind wie zum Beispiel zu unseren Einkaufskonditionen. Aus diesem Grund bitten wir Sie um Verständnis, dass wir in Bezug auf Details unseres Vertrags hier keine Angaben machen können.“

Asmus Hintz bei einem von Yamaha initiierten Symposium auf der Frankfurter Musikmesse 2006. Foto: Juan Martin Koch

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