Netz-Illusionen

www.beckmesser.de (2014/02)


(nmz) -
Neulich ereilte uns eine Hiobsbotschaft: Das Internet ist kaputt! Das meint kein Geringerer als Sascha Lobo. Er hat in den letzten Jahren die aufgeklärte Öffentlichkeit netzphilosophisch betreut und sich als Zeichen der Wortführerschaft einen rotgefärbten Haarbusch zugelegt, der nicht weniger respekteinflössend aussieht als der eines römischen Centurio. Durch die NSA-Affäre fühlt er sich nun, stellvertretend für seine ganze Netzgemeinde, tief gekränkt.
Ein Artikel von Max Nyffeler

Aber was hat sich denn geändert? Eigentlich nichts, nur dass man heute mit Sicherheit weiß, was man schon immer ahnte: dass im Netz nicht die Narrenfreiheit herrscht, von der landauf, landab die Basisgruppen einer neuen Welt-Diskursgemeinschaft geträumt haben. Nicht in der Wirklichkeit ist etwas kaputtgegangen, sondern in den Köpfen. Eine Ideologieblase ist geplatzt.

Bei vielen Internet-Usern herrschte offenbar die Illusion, sich in einem herrschaftsfreien Raum zu bewegen, ähnlich einer gemütlichen Runde um das Lagerfeuer oder den Küchentisch, und nun ist das Wehklagen über den Verrat am unschuldigen Netz und die Bedrohung der Privatsphäre groß. Man wollte nicht wahrhaben, dass hier eine bedingungslose Öffentlichkeit herrscht und dass alles, was man von sich preisgibt, auch von jedermann benutzt werden kann. Auch und gerade von staatlichen Schnüffelagenturen, die nun überall am NSA-Standard Maß nehmen werden. Auch bei uns – Brüssel will schließlich mit den USA und China Schritt halten.

Im Kulturbereich wird man einige Illusionen vermutlich noch länger pflegen. Etwa die, dass „so etwas“ in Europa nicht möglich sei. Oder dass das Internet weltweit die Aufklärung fördern und dem künstlerischen Tun ganz neue Perspektiven eröffnen könne. Vor kurzem schwärmten noch alle von der Facebook-Revolution, und Optimisten hoffen nach wie vor, dass Brechts revolutionäre Radiotheorie, die schon bei Radio und Fernsehen nicht funktionierte, nun wenigstens im globalen Netz Wirklichkeit werden könne – unter grotesker Verkennung der Tatsache, dass im Web 2.0 jede Option bereits einprogrammiert ist und keine Botschaft unentdeckt bleibt. Auf Darknet und neue Verschlüsselungstechniken ist kein Verlass.

Es ist die alte Illusion der Fortschrittsgläubigen: Sie meinen Neues zu schaffen und merken nicht, dass dieses technisch sich manifestierende Neue nur ein verspäteter Reflex auf den industriellen technischen Fortschritt ist. Verdrängt wird dann auch, dass dieser Fortschritt schon immer in erster Linie der Festigung der kriegerischen Machtpotenziale diente. Darauf sind schon die Futuristen hereingefallen. Das Tonband, Werkzeug der Nachkriegsmoderne, war ein Erbe aus dem Krieg der Nazis, und die Computersys-teme, die heute die Drohnen steuern, werden vermutlich in zehn Jahren die Avantgarde zu Neuem inspirieren.

Der Glaube, Netz und Computer seien Garanten für das Entstehen einer neuen Kunst, erscheint vor diesem Hintergrund skurril. Das Gegenteil ist wahr: Diese Medien ruinieren die Kunst, wenn sie ihnen vollkommen ausgeliefert wird. In einigen kulturellen Nischen werden die angeblich bahnbrechend neuen Möglichkeiten zwar mit hoher Begriffsvirtuosität diskutiert, doch bezeichnenderweise sind die praktischen Resultate, die daraus hervorgehen, für niemanden von Interesse, außer für die Beteiligten selbst. Ein Fall von Lagerfeuerromantik im digitalen Untergehölz.

Die Gutenberg-Ära neigt sich ihrem Ende zu und mit ihr die unangefochtene Vorherrschaft des gedruckten Worts, von dem Neil Postman sagte, es präge unser Denken „durch seine Betonung der Logik, der Abfolge, der Geschichte, der Erklärung, der Objektivität, des Abstands und der Disziplin“. Bestimmende Merkmale des Internets sind dagegen Geschwindigkeit, chaotische Gleichzeitigkeit und Verfügbarkeit von allem. Das Netz, sagt der Medientheoretiker Nicholas Carr, bietet keine Anreize, innezuhalten und tie-fer über irgendetwas nachzudenken.

Kunst, die den Menschen etwas zu sagen hat, kann aber nur dort entstehen, wo tiefer über etwas nachgedacht wird, und dieses Etwas ist nicht bloß Technik oder banaler Alltag. Doch in und mit dem Internet ist das offenbar kaum möglich. Dazu kommt: Wer sich auf das Netz einlässt, muss sich seiner Logik unterwerfen.
Das ist vielleicht gut fürs Geschäft, aber sicher nicht für die Kunst. Das Netz ist nicht kaputt, sondern robuster denn je – eine gesellschaftliche Realität im Guten wie im Bösen. Auch wenn das den Mann mit dem roten Kamm kränkt.

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