Netzwerke für Freiberufliche Musiklehrkräfte

Ein Diskussionsvorschlag · Von Andreas Eschen


(nmz) -
Ein Artikel von Andreas Eschen

Die beruflichen Perspektiven des Instrumentallehrers ändern sich dramatisch. Lange Zeit waren sie als Angestellte Musikschullehrer gefragt. Und selbst in Berlin, wo Stellen, jedenfalls im Westteil der Stadt, immer rar waren und ein Großteil der Arbeit mit Honorarlehrern verrichtet wurde, konnten die Musikschulen ein gewisses Maß an sozialer Absicherung gewährleisten. Nun, mit fast jährlichen Aufnahmestops, regelmäßigen Etatkürzungen und einem vielerorts auch verschlechterten Klima, sind die Musikschulen für viele Lehrer kein verläßlicher Partner mehr. Dazu kommt eine wachsende Zahl von Berufsanfängern, die ihre Chancen, als Honorarlehrer an der Musikschule unterzukommen, schwinden sehen und mit Kleinanzeigen in Veranstaltungsblättern und Hinweisen im Branchenbuch nach Privatschülern suchen müssen.
Mit dieser Situation ergeben sich zwei gravierende Probleme: Zum einen gibt es in mehr und mehr Fällen echte soziale Notlagen, weil bei abnehmenden Schülerzahlen das Einkommen immer weiter sinkt. Hinzu kommen auch für sozial noch bessergestellte Lehrer erhebliche psychische Belastungen: Das Gefühl abhängig und ausgeliefert zu sein und mit der eigenen, langfristig angelegten Arbeit kaum mehr eine langfristige Perpektive verbinden zu können, demoralisiert.

Wir merken das bei der Gewerkschaftsarbeit, wenn mangels Engagement bestehende Chancen zur Veränderung ungenutzt verstreichen. Man kann es ja verstehen. Die Arbeit an der Sicherung der Arbeitsbedingungen nimmt einen viel zu großen Teil der Kräfte in Anspruch. Die politische Tendenz, Entscheidungsspielräume nur mehr in der zeitlichen Streckung von Einsparungsentscheidungen zu sehen, läßt die Aussichten der Musikschulen in schlechtem Licht erscheinen.

Aus Zukunftsangst immer stärkerem Druck weichen, zu immer schlechteren Bedingungen innerhalb und außerhalb der Musikschule seine Arbeit anzubieten, nur um nicht noch mehr zu verlieren, lähmt. Irgendwann ist es besser, nach vorne zu sehen als immer nur von der Vergangenheit Abschied zu nehmen. Der Markt für Instrumentalunterricht ist da, noch kann man auf die Marktchancen von qualitativ hochwertigem Unterricht Einfluß nehmen.

Was kann ein Netzwerk leisten?

Lehrer bilden ein Netzwerk Instrumentalunterricht, keine Musikschule, sondern eine Kooperation von Selbständigen.

Gemeinsam ist ein Name, mit dem man in Erscheinung tritt, der beworben wird, mit dem man identifiziert wird, vielleicht eine Anlaufstelle für Anmeldungen, Informationen und ähnliches. Gemeinsam sind weiter: ein Vertragsrahmen oder ein Vertragsexemplar, ein Rahmen für die Gestaltung der Entgelte und die Präsentation der Arbeit in Veranstaltungen.

Jeder Lehrer ist für Gestaltung und Durchführung seines Unterrichts allein verantwortlich, aber die Lehrer vereinbaren gemeinsame Projekte, mit denen sich das Netzwerk nach außen hin präsentiert: Workshops, Vorspielen, Konzerte und, nicht zu vergessen, Feste. Dies hat mehrere Vorteile. Die Lehrer können besseren Unterricht anbieten, wenn sie nicht im eigenen Saft schmoren, sondern im Austausch und im Kontakt zu Kollegen bleiben. Die Schüler brauchen herausragende Ereignisse und Projekte als Ansporn und Bestätigung für ihre Arbeit. Und die Lehrer brauchen Veranstaltungen als Werbung, genauer gesagt: als Öffentlichkeitsarbeit für ihren Unterricht. Das bedeutet, daß sich möglichst solche Lehrer zusammentun, die auch gemeinsame Projekte durchführen wollen. Einen Marktvorteil entwickeln Netzwerke nur, wenn sie sich einen Namen machen können. Nur dann ist es auch möglich, für das Netzwerk insgesamt zu werben, statt für jeden einzelnen Lehrer. So spart man Kosten und hat eine wesentlich größere Reichweite.

Ein Netzwerk funktioniert am besten, wenn die Beteiligten einander kennen. Viele Musikschulen sind schon viel zu groß und zu anonym. Netzwerke brauchen kleinere Einheiten, damit eine persönliche Zusammenarbeit gelingt.

Netzwerke sind entweder so eng regional begrenzt, daß über Nachbarschaftskontakte neue Schüler gewonnen werden, oder inhaltlich so spezialisiert, daß sie für alle, die an diesem Thema interessiert sind, zu einem Begriff werden können: als Netzwerk für Instrumentengruppen (Holzbläser), musikalische Ausrichtung (Alte Musik), Zielgruppen (Hobbymusiker, die Kammermusik machen wollen). Natürlich sind auch mehrere Spezialangebote nebeneinander möglich.

Ziel sollte sein, sich einen Namen zu machen, identifizierbar zu sein mit einem bestimmten Qualitätsanspruch, der Atmosphäre, die in der Arbeit herrscht, vielleicht musikalischen Schwerpunkten. Qualitätsstandards erkennt man nicht zuletzt im Heraustreten aus der Unterrichtssituation: in Projekten wie Ensemblespiel, Vorspielen und Festen zeigt sich der inhaltlichen Zusammenhalt des Netzwerks.

Finanzierung: Verwaltung, Räume, Steuern

Das Netzwerk ist keine Institution, es ist ein Netz von Vereinbarungen zur gegenseitigen Arbeitsentlastung. Unterrichtsverträge schließen Schüler und Lehrer ab. Wenn ein Netzwerk zerfällt, beipielsweise weil die Beteiligten sich streiten, ist die Unterrichtsbeziehung zwischen Lehrer und Schüler nicht betroffen, der Unterricht wird dennoch fortgesetzt.

Je weniger langfristige Organisation das Netzwerk braucht, desto besser. Verwaltungsaufgaben (Raumbeschaffung, Werbung) wären unter den einzelnen Lehrern aufzuteilen oder, um Doppelarbeit zu vermeiden, auf Zeit zu delegieren. So kann man die unterschiedlichen Fähigkeiten der Lehrer optimal nutzen und endlose Sitzungen vermeiden. Funktionen gibt es nur projektweise. Eine knapp protokollierte Vereinbarung sichert denen, die Projekte organisieren, eine gemeinsame Finanzierung des Projektes. Man braucht kurze Rückkopplungszeiten, damit jeder frühzeitig weiß, welche Angelegenheiten wirklich von anderen erledigt werden und um welche man sich besser selber kümmert.

Wirtschaftlich ist Unterricht in den eigenen Räumen auf jeden Fall das Günstigste. Wo das nicht möglich ist, wird man sich mit Kollegen gemeinsam angemietete Unterrichtsräume teilen. Für Unterrichtsräume in Schulen oder öffentlichen Gebäuden werden oft Phantasiepreise verlangt, man muß auch Kontakt mit Kirchengemeinden, Privatschulen, eventuell auch mit Gewerbetreibenden aufnehmen.

Steuerrechtlich gibt es einen entscheidenen Unsicherheitsfaktor: Es droht eine 16prozentige Verteuerung, wenn der Unterricht umsatzsteuerpflichtig wird. Das Umsatzsteuerrecht ist soeben geändert worden, und man muß erst Erfahrungen mit der Anwendung der Neuregelung sammeln. Immerhin war es erklärte Absicht, mit dieser Änderung die Marktchancen von Freien Instrumentallehrern zu verbessern.

Soviel scheint klar zu sein: Nur ein Unterricht in einer Einrichtung, die zur Berufsvorbereitung geeignet ist, kann von der Umsatzsteuer befreit werden. Es gibt von daher einen starken finanziellen Anreiz zur Qualitätssicherung. Netzwerke betreten hier Neuland: Können sie wie die Musikschulen die entsprechende steuerbefreiende Bescheinigung von der Kulturverwaltung erhalten? Welche Anforderungen müßten sie dafür erfüllen? Müßten sie vielleicht doch stärker institutionalisiert werden, um als „juristische Person“ zu gelten?

Ein Laie kann die unternehmensrechtlichen, steuerrechtlichen und arbeitsrechtlichen Folgen einer stärkeren Institutionalisierung nicht überschauen, deswegen sind Schritte in diese Richtung nur mit kompetenter Beratung sinnvoll.

Kein sozialer Auftrag: Netzwerk oder Musikschulen

Die Frage bleibt nicht aus: Was bedeutet solch ein Vorschlag für die Kommunalen Musikschulen? Ist das nicht die Absage an die Institution mit ihrer Verwaltung, ihrer Hierarchie, ihren großen Lehrerzahlen? Die Antwort ist eindeutig: Qualitativ und sozial können Netzwerke die Kommunalen Musikschulen nicht ersetzen.

Das Netzwerk hat keinen sozialen Auftrag. Es sucht zahlungskräftige Kunden. Was aus den anderen wird, interessiert wirtschaftlich nicht. Das ist der Preis für Instrumentalunterricht außerhalb öffentlicher Einrichtungen. Infolgedessen lassen sich solche Netzwerke nicht überall realisieren, schon gar nicht als Versorgung für alle Musikinteressierten. Es handelt sich also keineswegs um eine Alternative zur Musikschulversorgung.

Qualitativ können Musikschulen ein wesentlich breiteres Spektrum abdecken, können mit ihrer Größe beispielsweise Orchesterarbeit oder Musical-Projekte durchführen, Aufgaben, mit denen ein Netzwerk hoffnungslos überfordert wäre. Und die Musikschule erreicht mit Angeboten für Musik anderer Kulturen, mit kostengünstigen Früherziehungskursen in Kindertagesstätten, mit Unterrichtsangeboten für Behinderte Zielgruppen, ohne danach zu fragen, ob das wirtschaftlich gewinnbringend ist oder nicht.

Umgekehrt können Musikschulen eine Konkurrenz durch Netzwerke gut brauchen. Überall tritt ihr als Konkurrenz das Billigangebot von Franchise-Unternehmen entgegen, die mit pädagogisch zweifelhaften Angeboten vom guten Image der Musikschulen profitieren. Da wäre es von Nutzen, wenn die Musikschule aus der Preiskonkurrenz auch in eine Qualitätskonkurrenz geriete, die Ergebnisse ihrer Arbeit mit denen anderer guter Unterrichtseinrichtungen vergleichen lassen müßte. Auf den Musikschulen lastet ein Einsparungsdruck, der allzuoft Qualitätseinbußen in Kauf nehmen läßt. Hier fehlt ein Konkurrenzdruck in der anderen Richtung, nämlich zu besserem Unterrichtsangebot. In der politischen Diskussion sollte nicht mehr allein die Frage vorherrschen, wie lange man sich die Kommunalen Musikschulen noch leisten kann. Zunehmend sollte auch die Frage in die Diskussion geraten, wie lange man sich noch Verschlechterungen des Musikschulangebots leisten kann, angesichts privater Konkurrenz. Für Fächer mit hohem Bedarf an Leihinstrumenten wird ein beträchtlicher Kapitalaufwand erforderlich. Hier wären vielleicht Sponsoren zu suchen, eventuell auch Schülereltern, die ihrerseits Instrumente als Leihinstrumente zur Verfügung stellen. Das Netzwerk kann als Vermittler zwischen Lehrern beziehungsweise Schülern und dem Handel auftreten: Rabatte aushandeln sowie zu Beispiel Kauf- und Leihverträge abschließen. Dafür gibt es bereits erste ermutigende Erfahrungen.

Der Marktfaktor „Selbstbewußtsein“

Mit Erfolg lassen sich neue Wege beschreiten, wenn sie offensiv und selbstbewußt eingeschlagen werden. Man stelle sich die Demoralisierung vor, wenn dieselben Lehrer, die durch die Sparbeschlüsse der Bezirke aus den Musikschulen herausgedrängt werden, nun als Privatlehrer noch an die Bezirkskasse Raummiete zahlen müßten! Der Schritt in die Selbstständigkeit braucht auch das Selbstbewußtsein gegenüber den kommunalen Einrichtungen.

Selbstbewußtsein setzt auch voraus, die eigene Arbeit so machen zu können, wie es mit dem Berufsethos vereinbar ist. Dies ist durchaus nicht bei allen privatwirtschaftlich organisierten Anbietern der Fall. Und zum Selbstbewußtsein gehört auch, sich nicht immer dafür entschuldigen zu müssen, daß man gewinnorientiert arbeitet. Es ist skandalös, wenn der Sozialstaat und Kulturstaat Deutschland Kindern keine adäquate musische Bildung bietet. Jeder, der die Musikschule als staatliche Einrichtung fördert, verdient volle Unterstützung. Aber wo dies nicht gelingt, haben Lehrer dennoch das Recht, von ihrer Berufsausübung wirtschaftlich zu existieren, ohne auf eigene Kosten Sozialermäßigungen oder Stipendien zu gewähren.

Die Musikerzieher wollen ihre Arbeit so verrichten, daß sie damit Ansehen und eine angemessene Vergütung erwerben. Die Fachgruppe Musik der IG Medien ist die Interessenvertretung aller Mitglieder: ob sie nun in der Musikschule arbeiten oder nicht. Sie kann ihren Mitgliedern die Entscheidung nicht abnehmen. Aber sie sollte sich zur Aufgabe machen, an der Entwicklung ihrer beruflichen Perspektiven mitzuwirken, soweit es durch politische und organisatorische Schritte möglich ist – und soweit es von den Mitgliedern durch Engagement und Solidarität getragen wird.

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