Neuentdeckte Soloklänge für Doppelrohr und Blatt

Lohnenswerte Raritäten für Holzbläser aus der Edition Molinari – Teil 1


(nmz) -
„Molinari“ steht für: Müller. Wie es sich für Musiker schon fast gehört, haben sich Ralf und Uwe Müller − ihres Zeichens Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Regensburg − namentlich „italienisiert“, und gründeten Anfang der 1990er-Jahre ihren eigenen Notenverlag, um Kammermusik für Holzbläser zu erschließen: Die Edition Molinari war geboren.
Ein Artikel von Birigit A. Rother

Es „müllerte“ fleißig und die Edition kann, Stand heute, auf eine ganze Reihe an Publikationen blicken, die aufführungspraktisches Material von etwa 30 verschiedenen Komponisten wie auch musikpädagogische Werke umfasst. Zur Fortführung dieser Arbeit gaben der Fagottist und der Oboist ihre Gründung im Jahre 2009 weiter, nein, nicht an einen weiteren „Müller“, aber selbstverständlich an einen Holzbläser. Benedikt Dreher, Musikwissenschaftler, Musikpädagoge sowie Fagottist und Blockflötist, übernahm die Geschicke des Verlags und führt seither die Ziele der „Molinari“ fort. Das im Folgenden kurz vorgestellte Werk ist eines von drei Erstdrucken, deren zugrunde liegenden Handschriften aus Regensburger Bibliotheken stammen. Zwei Besprechungen von Molinari-Sololiteratur für Holzbläser folgen in der nächsten Ausgabe. In allen Editionen wurden „neue“ Kompositionen aus der (Vor-)Klassik sowie der Moderne in sehr klarem, übersichtlichem Notenbild zugänglich gemacht.

Gertraud Kaltenecker (1915−2004): Suite für Fagott und Klavier, op. 38, herausgegeben von Benedikt Dreher, Edition Molinari, € 14,20, ISMN M-50062-087-7

Den Anfang soll ein Werk des 20. Jahrhunderts machen, es entstammt der Feder der Regensburgerin Gertraud Kaltenecker (1915−2004), die unter anderem von Max Jobst und Joseph Haas ausgebildet wurde. Die Sängerin und Komponistin erreichte überregionale Bekanntheit und schuf ein umfangreiches musikalisches Œuvre (u.a. für Tasteninstrumente, gemischten Chor, instrumentale Kammermusikbesetzung). In ihren Tonschöpfungen orientierte sich „die gemäßigte Moderne“ gerne an alten Meistern und kreierte tonal gebundene Werke, denen „Klarheit, Format und weniger homophone als vitale kontrapunktische Art“ (Raimund W. Sterl) zugeschrieben werden. Attribute, die auch auf Kalteneckers Suite für Fagott und Klavier, op. 38 zutreffen. Das vor 40 Jahren entstandene und uraufgeführte anspruchsvolle Werk nutzt die Form der Suite, um im Verlauf von sechs Sätzen musikalische Vielfalt sowie die ganze Bandbreite des Fagotts zu demonstrieren. Farbenreich und reizvoll wird mit Harmonien (die vorwiegend im Bereich der Molltonarten verankert sind und teils für eine etwas ernst anmutende Charakteristik sorgen), mit Dissonanzen und Auflösungen gespielt. Dementsprechend wird das Fagott bei seinen abwechslungsreichen Läufen, kantilenen Linien und teils großen Intervallen von einem klangvollen, flüssigen Klaviersatz begleitet. Kalteneckers Kunst- und Sachverstand zeigen sich nicht zuletzt darin, wie die Komponistin mit den gewählten Suite-Formen umgeht und spielt, kein Titel ist willkürlich gewählt, die kompositorische Ausdeutung ist stets stimmig und charakteristisch umgesetzt: So eröffnet das Präludium in einem „Andante semplice“ in g-Moll fließend mit einem Motiv aus drei Sechzehnteln, das bereits einmal quer durch das Fagott-Register führt und einen ersten Einblick auf das Spektrum des Instruments gibt. Dieser wird in der darauf folgenden Chaconne im Dreivierteltakt vertieft, indem ein großintervalliges Thema als chaconnetypischer Ostinato die stellenweise chromatischen Achtel- und Sechzehntelbewegungen des Mittelteils umrahmt. Der dritte Satz, Air, entspricht ganz der Überschrift: „Cantabile e con expressione, larghetto“, und kontrastiert zum „gioccoso, brillante“ des sich anschließenden Scherzo, das mit A-Dur überrascht und im Sechsachteltakt mit tänzerisch-melodiösem Charakter und abwechslungsreicher Gestaltung erfreut. Festlich und „quasi eroicamente“ kehrt bereits Satz fünf, „Andante maestoso“, zu g-Moll und zum Viervierteltakt zurück, zwei Elemente, die auch im Finalsatz bestimmend bleiben. Die Suite lohnt also eingehenderer Beschäftigung und ist für fortgeschrittene Fagottisten eine absolute Bereicherung.

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