Nichts für Schlafmützen

Neue Musik auf neuen CDs, rezensiert von Max Nyffeler


(nmz) -
Insomnio – Chaya Czernowin – Jesús Rueda – The Best of Malte Burba
Ein Artikel von Max Nyffeler

Insomnio ist der Titel einer CD des Kleinlabels encora, und so heißt auch das junge holländische Ensemble, das hier vorgestellt wird. Es will unter seinem Dirigenten Ulrich Pöhl keine „Schreibtischmusik“ spielen, sondern huldigt einem vitalen Klangideal und meidet auch musikantische Elemente nicht. Die vier Werke belegen das ohrenfällig, von Jukka Tiennsuus „Nemo“, einem klangsatten, bilderreichen Stück mit Elektronik, über die Werke von James Wood und Roderik de Man bis zu „Island“ von Luca Francesconi. Wie der Name sagt: nichts zum Einschlafen. (encora enc-011)

In ihrer 2000 bei der Münchener Biennale uraufgeführten Kammeroper „Pnima… ins Innere“ hat Chaya Czernowin die dunklen Innenwelten der Nach-Holocaust-Psyche erkundet und zu beredten neuen Ausdrucksformen gefunden. Ihre CD „Shifting Gravity“ vereinigt nun sechs Werke, die diese Linie fortschreiben und wiederum neue Horizonte eröffnen. Die zwischen reinem Streicherklang und Geräuschprozessen angesiedelten Klangerscheinungen besitzen eine geheimnisvolle Sprachkraft. Sie können den Hörer anspringen und sich im nächsten Moment wieder in ungreifbare Bezirke der Reflexion zurückziehen – ein Panoptikum unruhiger Traumgesichter. (Wergo 6726 2)

Die drei zwischen 1990 und 2004 entstandenen Streichquartette des Francisco-Guerrero-Schülers Jesús Rueda markieren einen weiten Entwicklungsweg. Das erste wächst organisch und mit impulsiver Gestik aus wechselnden Kerngedanken heraus, das zweite, als Ergänzung zu Haydns „Sieben Letzten Worten“ komponiert, taucht hinab in ein mystisches Schattenreich, das dritte, „Islas“, ist eine bildstarke fantastische Reise. Eine von musikalischer Intelligenz und kraftvoller Emotion geleitete Musik, der das Streichquartett des KNM Berlin zu packender Wirkung verhilft. (Kairos 0013122)

Von der Trompete bis zum Alphorn, vom Arrangement von Bachs „Air“ bis zur raffinierten Geräuschmontage ist alles zu hören in The Best of Malte Burba, der Porträt-CD des lebensfrohen Frankfurter Power-Blechbläsers. Vielfältige Playbacks addieren sich zum Brass-Orchester, im „Solo für Alphorn“ von Nikolaus Heyduck mutiert das Instrument zum elektronischen Klangerzeuger, in „Super Paradise“ von Michael Sell zeigt Burba seine hohe Kunst der experimentellen Instrumentalbehandlung. Das gargantueske Bläser- und Stimmengemansche in „iOSCH“ von Hans-Joachim Hespos ist ein Hochgenuss für alle Liebhaber/-innen des sinnlichen Wühlens im Klang. (Thorofon CTH 2575)

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