Niederschwellig, erstklassig: Die ganze Welt wird Bühne

Das Jazzfestival Saalfelden geht neue Wege beim audience development


(nmz) -
Gefolgt von einem riesigen Pulk Menschen, stürmt ein mit Kontrabässen bewaffnetes Trio ohne Vorwarnung gegen 22.30 Uhr die örtliche McDonalds-Filiale und legt mit Tieftonsalven mal kurz den Fastfood-Verzehr lahm. Diese Art von Flashmob hat Folgen – er wiederholt sich nämlich in einer öffentlichen Herrentoilette und in einer Apotheke ...
Ein Artikel von Ssirus W. Pakzad

Was der Bassist Lukas Kranzelbinder da mit zwei Kollegen an Spontan-Überfällen initiierte, mag sich wie ein Gag anfühlen. Tatsächlich aber waren seine Blitz-Happenings Teil eines Konzepts, das sich ein Team um Intendant Mario Steidl zur 40. Ausgabe des Jazzfestivals im österreichischen Saalfelden ausgedacht hat. Und das sah vor, die gesamte Gemeinde an den „Ufern“ des „Steinern Meers“ im Pinzgau (Salzburger Land) irgendwie mit einzubeziehen in eine Veranstaltung, die Weltruf genießt. Man erschloss neue Spielstätten für Konzerte, die auf den großen Bühnen schlecht aufgehoben gewesen wären, weil sie einen intimeren Rahmen benötigten. So wurde im alten Bezirksgericht, auf diversen Almen, der „City Stage“, in einem Restaurant, einer Buchbinderei, einer Buchhandlung und in einem Park bei freiem Eintritt musiziert – auch um ein jugendliches Publikum anzulocken, das sich nie und nimmer Tickets für die Hauptkonzerte im Kunsthaus Nexus oder im „Congress“ leisten würde.

Der Besucherandrang bei den Gratis-Events übertraf alle Erwartungen der Veranstalter. Es gab natürlich auch die Kaufkarten-Konzerte. Die sind meist schon ausreserviert, bevor auch nur irgendein Programm-Detail zum Jazzfestival Saalfelden bekannt gegeben wird. Man vertraut Mario Steidl und seinem Gespür für Trends und musikalische Entdeckungen.

Sein deutlich aufgestocktes Budget nutzte er nicht etwa, um mit großen Stars die Korken knallen zu lassen, sondern für das erwähnte Rahmen-Programm und die meist exklusiven, oft unbekannten Haupt-Acts. Im Fokus war diesmal die Londoner Szene – vor allem der Saxophonist Binker Golding zeigte in diversen Konstellationen, warum er in seiner brexitanischen Heimat als das nächste große Ding gehandelt wird – was für ein Talent.

Unglaublich, sein freier und doch so strukturreicher Dialog mit dem Pianisten Elliot Galvin – einem weiteren genialischen Exponenten des florierenden britischen Jazz. Es gab weitere hochintensive Paarungen in Saalfelden – die des österreichischen Trompeters Lorenz Raab mit der Schweizer Pianis­tin Sylvie Courvoisier, die des französischen Geigers Théo Ceccaldi mit dem italienischen Tastenmann Roberto Negro, die, wenn bisweilen auch spröde, mitunter ätherische des Bassisten Manu Mayr und der Bassklarinettistin Susanna Gartmayer.

Auch größere Formationen konnten punkten: das frisch gegründete „Orjazztra Vienna“ um Christian Muthspiel, das zwischen Wucht und Filigranem vermittelnde Septett der Saxophonistin Anna Webber, der „Avant Folk“ des Akkordeonisten Frode Haltli, die umwerfend intensive Formation „Koma Saxo“ um den schwedischen Bassisten Petter Eldh …

Zum Abschluss des Festivals trat dann doch noch ein Star auf: Saxophonist Joshua Redman erinnerte mit Würde und Verve an „Old And New Dreams“, ein Quartett, dem einst sein Vater angehörte.

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