Noten-Tipp

Camille Saint-Saens: Oratorio de Noël – Bärenreiter Verlag


(nmz) -
Es ist Anfang Dezember im Jahr 1858. Gaspard Deguerry, Priester der Pfarrkirche La Madeleine im 8. Arrondissement von Paris, bittet Camille Saint-Saëns um Musik zur Begleitung der Mitternachtsmesse für das Weihnachtsfest desselben Jahres. Saint-Saëns, gerade einmal 23 Jahre jung und bereits seit einem Jahr Organist in der prunkvoll-klassizistischen Madeleine-Kirche, stürzt sich sofort in die Arbeit… Nur zwölf Tage dauerte die Entstehung der ersten sechs Sätze des „Oratorio de Noël“ op. 12, welches nun, 100 Jahre nach dem Tod von Camille Saint-Saëns am 16. Dezember 1921, in einer kritischen Ausgabe von Bärenreiter erscheint.
Ein Artikel von Philipp Lojak

Dieses zauberhafte Weihnachtsoratorium für Chor (SATB), fünf Solisten, Harfe, Streichorchester und Orgel hat in Frankreich eine lange Tradition und wird auch in Deutschland immer beliebter. Die Gründe dafür liegen wohl in der würzigen Kürze von 40 Minuten, der verhältnismäßig einfachen Umsetzbarkeit für einen durchschnittlichen Kirchenchor und der pas­toralen Serenität, bei der das Vorbild Bach hindurchschimmert.

Eine wissenschaftlich aufbereitete Ausgabe schien indes überfällig: Saint-Saëns selbst fügte später vier weitere Sätze hinzu und legte immer wieder Hand an dieses „kleine Weihnachtsoratorium“. Die Editionsgeschichte ist bes­tenfalls mit „durchwachsen“ beschrieben – bisher jedenfalls. Die Musikwissenschaftlerin Christina M. Stahl hat nun auf Basis der vielen vorliegenden Quellen eine Ausgabe vorgelegt, die sowohl unter aufführungspraktischen wie unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten maximalen Nutzen bringt. Neben einem Vorwort zur Entstehungsgeschichte umfasst der Band auch eine ausführliche Einweisung zur speziellen „gallikanischen“ Aussprache lateinischer Texte. Die korrekte Aussprache war Saint-Saëns sehr wichtig. Die Edition umfasst auch Übersetzungen (dt., engl., frz.) des lateinischen Textes sowie einen äußerst umfassenden (wenn auch etwas unübersichtlichen) Kritischen Bericht auf Englisch. Der originale Klavierauszug von Eugène Gigout aus dem Jahr 1863 wurde von Stahl an diese Ausgabe angepasst. Leider ist der Notensatz hier manchmal etwas unübersichtlich und eng geraten. Insgesamt jedoch beweist der Bärenreiter Verlag aufs Neue, dass er nicht nur auf fachlicher Ebene, sondern auch hinsichtlich der Papier- und Druckqualität, Goldstandard darstellt.

  • Camille Saint-Saens: Oratorio de Noël, hrsg. von Christina M. Stahl.Partitur, XXXI, 86 S. Bärenreiter BA 11304, € 32,95; Klavierauszug BA11304-90, €12,95

Das könnte Sie auch interessieren: