Orientierung für die Unterrichtspraxis

Ein neuer Leitfaden zum Orff-Schulwerk in drei Sprachen


(nmz) -
Emine Yaprak Kotzian legt mit dem „Handbuch Orff-Schulwerk“ ein mit 160 Seiten noch kompaktes Kompendium in gleich drei Sprachen – türkisch, englisch und deutsch vor. Michael Kugler, selbst führender Orff-Forscher, erläutert im Vorwort unter anderem die Zielgruppe der Veröffentlichung: alle Lehrkräfte, von der Basis bis zur Hochschule, Studierende und die internationale Orff-Community.
Ein Artikel von Renate Reitinger

Der Autorin kommt es zunächst auf eine systematische Darstellung der Grundprinzipien und Einflussfaktoren des Orff-Schulwerks an, vor allem aber möchte sie Orientierung geben für die Unterrichts­praxis in Musik- und Bewegungspädagogik beziehungsweiseElementarer Musikpädagogik, da sie in den bisherigen Publikationen detaillierte Informationen zur Didaktik und Methodik des Orff-Schulwerks vermisst. Zwar wird hier die Literaturlage nicht weiter thematisiert oder konkretisiert, aus den wiederkehrenden Quellenangaben wird jedoch ersichtlich, dass ein Zusammentragen und Verknüpfen erfolgt, das gerade auch die Begründungsansätze für die Orff’sche Grundkonzeption gut sichtbar werden lässt. Dabei geht die Autorin folgendermaßen vor: Zunächst erfolgt eine Klärung des Begriffs der „Elementaren Musik“ bei Orff, anschließend erläutert sie die (historischen) Einflussfaktoren wie etwa reformpädagogischer Strömungen, bevor die Günther-Schule und das eigentliche Orff-Schulwerk behandelt werden. Den weitaus größten Teil der Publikation nehmen gemäß der Zielsetzung des Buches die beiden Kapitel zu den pädagogischen und didaktischen Grundprinzipien ein, die wiederum den Ausgangspunkt für methodische Schlussfolgerungen und die Erläuterungen zur Unterrichtsplanung darstellen. Die einzelnen Kapitel lassen sich auch gut getrennt voneinander lesen, was den Handbuchcharakter unterstreicht. Ansprechend sind die graphisch abgesetzten Originalzitate, auch finden sich neben der zitierten Literatur einige Verweise auf weiterführende und vertiefende Quellen. Auf ein Sach- oder Schlagwortregister wird verzichtet, die Leserschaft muss anhand von Inhaltsverzeichnis und Zwischenüberschriften durch das Buch navigieren, was jedoch problemlos machbar ist.

Inhaltlich gelingen die Erläuterung der zentralen anthropologischen   Grundidee Orffs von der sensomotorischen Einheit des musizierenden Menschen beziehungsweise Kindes und eine griffige Definition des Elementaren. Das Buch liefert sehr gut nachvollziehbare Begründungen für pädagogisches Tun und pädagogische Prinzipien, die sich aus dem Schulwerk ableiten lassen, etwa zur Notwendigkeit eines dramaturgischen Unterrichtsmodells, zur Körperorientierung, zum Einsatz des Instrumentariums und zur Improvisation und Komposition, so dass der Modellcharakter sehr gut herausgearbeitet und zugleich als Herausforderung für die Lehrkraft erkannt und benannt werden kann. Zwar wünscht man sich manch kritisch einschränkende Formulierung oder weiteren Quellenhinweis, zum Beispiel beim Kreativitätsmodell, beim Umgang mit der didaktischen Terminologie oder zu Orffs immer noch kontrovers diskutierter Rolle während des Nationalsozialismus, jedoch gelingt es dafür, mit einigen Missverständnissen bezüglich der Idee und der methodisch wie inhaltlich offenen Handhabung des Orff-Schulwerks aufzuräumen. So traut man diesem Buch durchaus zu, dass es den selbstständigen und flexiblen Umgang mit den Materialien des Orff-Schulwerks tatsächlich befördern kann. Die vorgestellten Grundprinzipien und ihre Herleitung stellen auch für die bereits bewanderte Lehrperson äußerst wertvolle Impulse für das Nachdenken über den eigenen (Musik-) Unterricht und die Gültigkeit der inzwischen doch fast ein Jahrhundert lang erprobten Sichtweisen dar.

Die weniger vorgebildete Leserschaft profitiert von den ausführlichen und verständlichen Darstellungen der vielfältigen möglichen Unterrichtsinhalte und den konkreten Hinweisen zur didaktisch-methodischen Strukturierung von Unterricht. Abschließend ermöglichen hilfreiche Leitfragen und ein Phasenmodell zur (Selbst-) Evaluation der Lehrkraft eine Rekapitulation des Unterrichtsverlaufs. Zu guter Letzt verweist die Autorin sicherheitshalber nochmals auf die selbstverständlich im Sinne Orffs notwendige Handhabung der Materialien im Sinne einer Aktualisierung und Anpassung der Unterrichtsgegenstände und Medien an die heutige Zeit, um so die Qualität des musikalischen Lernens bei allen Teilnehmenden auch in der Zukunft zu gewährleisten. Das Buch eignet sich hervorragend als Lehrgangsunterlage und Studienbuch, als Einführung in das Orff-Schulwerk und die Elementare Musikpädagogik für (angehende) Lehrkräfte – auch anderer instrumentaler und vokaler Fachrichtungen – in Musikschule, Schule und freier Unterrichtstätigkeit.

  • Emine Yaprak Kotzian: Handbuch Orff-Schulwerk. Grundlagen der Elementaren Musik- und Bewegungspädagogik, Schott, Mainz 2018, 160 S., € 22,50, ISBN 978-3-7957-1513-7

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