Paraphrasen auf sattsam bekannte Handlungen

Halbzeit für den Stuttgarter „Ring“ auf DVD


(nmz) -

Als „Ring für das neue Jahrtausend“ wird – nach dem auf DVD wiederveröffentlichten „Bayreuther Jahrhundert-Ring“ in der Inszenierung von Patrice Chéreau – der „Ring“-Zyklus der Staatsoper Stuttgart von Euroarts, TDK, SWR und Arte beworben. In der Tat hat seit der Centenarinszenierung der Bayreuther Festspiele keine andere Produktion von Richard Wagners Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend so viele Kontroversen ausgelöst und letztlich so viel Lob geerntet wie dieser von Intendant Klaus Zehelein bewusst auf vier Regieteams verteilte „Stuttgarter Ring“, mit der erklärten „Ästhetik der Verausgabung“ in jedem Teil der Tetralogie.

Ein Artikel von Peter P. Pachl

Den Vorabend siedelt der Schweizer Choreograph Joachim Schlömer im Einheitsraum einer Trinkwasseranstalt an, – mit Bezug auf Adliswil in der Schweiz, wo Wagner sich zur Zeit der „Ring“-Konzeption einer Kur unterzogen hat. In der geschlossenen Anstalt gibt es für die heutig gewandeten und agierenden Personen im fatalen Mit- und Gegeneinander der Geschäftswelt kein Entrinnen.

Donner hat zwar noch einen kleinen Hammer, aber Wotan verfügt über keinen Speer mehr; anstelle des Riesenwurms hält Alberich ein zitterndes weißes Kaninchen in Händen, Freia empfindet Gegenlieb für den „Riesen“ Fasolt, und die Rheintöchter sind die bestohlenen Bediensteten der Wasseranstalt. Korruption und Verrat herrscht zwischen Geschäftsleuten, bis die Götter das Santorium durch ein Kanalsystem zu verlassen suchen (und damit wie bereits in Wieland Wagners Inszenierung des Jahres 1965 in eine weitere Zwangsbehausung hinabsteigen). Doch dieser Fluchtweg erweist sich in den letzten Takten als ein Irrweg, der wieder an den Ort des Geschehens zurückführt.

Ungewohnte Bilder und Aktionen auch in Christof Nels Inszenierung der „Walküre“: Karl Kneidls karger Bühnenraum verzichtet auf „romantische“ Utensilien. Siegmund, im Trainingsanzug, leckt Sieglinde bei seinen Worten „Ein Quell“ an der Scham. Sichtbar mischt Sieglinde das Gift in den Schlaftrunk ihres Gatten. In Ermangelung der Esche zieht Siegmund Nothung aus den Armen seiner Schwester, ein unverhohlener erotischer Akt, wie überhaupt der erste Aufzug vor Geilheit der entwöhnten Geschwister überbordet. Im zweiten Akt lümmelt Wotan auf einer Luftmatratze inmit-ten von Heldenstatuetten-Miniaturen. Statt des Speeres hält er eine Weidenrute in Händen.

Nach der Todverkündung küsst die abgehärmte Brünnhilde den Halbbruder Siegmund lange auf den Mund. Siegmund hinterlässt der schlafenden Sieglinde eine Notizzettel-Nachricht. Den Zweikampf bestreiten übergroße Puppen, während der Zuschauer die Sänger durch die vom Komponisten vorgeschriebenen Sprachrohre singen sieht. Erst nach dem Abgang Brünnhildes mit Sieglinde erdolcht Hunding den waffenlosen Siegmund. Beim Walkürenritt fahren Heldenpuppen über ein Förderband, kommentiert von den Pinup-Walküren mit Pappflügeln an den Armen und ebenfalls mit Sprachrohren. Wotan verfolgt seine Töchter auf dem TV-Bildschirm. Auch mit Brünnhilde, die sich in einem anderen Raum befindet, verhandelt er mehr medial als realiter, so dass er schließlich statt der Tochter den Monitor umarmt und küsst. Statt des Feuerzaubers brennen ein paar armselige Kerzen auf jenem Tisch, auf dem der Kopf der schlafenden Brünnhilde gesunken ist, während Wotan die potenziellen Freier mit einem fahrbaren Verfolger in Schach hält.

Der Live-Charakter der von der TV-Regie in zahlreichen Nahaufnahmen und raschen Schnitten sowie akustisch Dolby Digital eingefangenen Produktion bestätigen auch einige Rhythmus- und Textfehler der Solisten. Aber das musikalische Gesamtniveau bewegt sich auf sehr hohem Qualitätslevel. Überdurchschnittliche Sängerleistungen bieten bereits das Terzett der Rheintöchter mit Catriona Smith (Woglinde), Maria Theresa Ullrich (Wellgunde), Margarete Joswig (Flosshilde), der Fasolt von Roland Bacht und der Loge von Robert Künzli. In der „Walküre“ ist Angela Denoke eine stimmlich und darstellerisch exzellente Sieglinde, Robert Gambill ein beachtlich kraftvoller und strahlender Siegmund, Renate Behles verhärmte, aber selbstsichere Brünnhilde läuft, wie auch Jans-Hendrik Rooterings Wotan, erst im dritten Aufzug gesanglich zur Hochform auf.

Das Bindeglied zwischen den amorph monolithischen, szenischen Deutungen der vier Abende ist das von Lothar Zagrosek mit der Fähigkeit zu großen Steigerungen sicher geleitete Stuttgarter Staatsorchester, das – in langjähriger Tradition unter anderem als Wieland Wagners „Winter-Bayreuth“ – für das häufig gewöhnungsbedürftige Bühnengeschehen den tragenden Unterbau schafft.

Richard Wagner: Das Rheingold; Wolfgang Probst (Wotan), Motti Kastón (Donner), Bernhard Schneider (Froh), Robert Künzli (Loge), Esa Ruuttunen (Alberich), Eberhard Francesco Lorenz (Mime), Roland Bracht (Fasolt), Phillip Ens (Fafner), Michaela Schuster (Fricka), Helga Rós Indridadóttir, (Freia), Mette Ejsing (Erda), Catriona Smith (Woglinde), Maria Theresa Ullrich (Wellgunde), Margarete Joswig (Flosshilde), Staatsorchester Stuttgart, Lothar Zagrosek; Regie: Joachim Schlömer, Bildegie: János Darvas, Thorsten Fricke
TDK (2 DVDs) DV-OPRDNR

Richard Wagner: Die Walküre; Robert Gambill (Siegmund), Attila Jun (Hunding), Jan-Hendrik Rootering (Wotan), Angela Denoke (Sieglinde), Renate Behle (BrünnhiIde), Tichina Vaughn (Fricka), Eva-Maria Westbroek (Gerhilde), Wiebke Göetjes (Ortlinde), Stella Kleindienst (Waltraute), Helene Ranada (Schwertleite), Magdalena Schäfer (Helmwige), Nidia Palacios (Siegrune), Maria Theresa Ullrich (Grimgerde), Margit Diefenthal (Rossweiße); Staatsorchester Stuttgart, Lothar Zagrosek, Regie: Christoph Nel; Bildregie: Janos Darvas, Thorsten Fricke
TDK (2 CDs) DV-OPRDNW

Richard Wagner: Siegfried; Jon Fredrick West (Siegfried) Heinz Görig (Mime, Wolfgang Scgöne (Wanderer) u.a.; Staatsorchester Stuttgart, Lothar Zagrosek; Regie: Jossi Wieler Dramaturgie: Sergio Morabito, Ausstattung. Anna Viebrock, Bildregie: János Darvas, Thorsten Fricke
TDK (2 DVDs) DV-OPRDNS

Der Frage, ob „Siegfried“ in der Vierteilung des in Stuttgart sehr bewusst auf vier Regieteams aufgeteilten „Ring für das neue Jahrtausend“ als Scherzo anzusehen ist, beantwortet die Inszenierung von Jossi Wieler (für Regie und Dramaturgie stets als Team gemeinsam mit Sergio Morabito genannt) sehr drastisch. Eine sehr böse Comedy. Das musikalische Gesamtniveau bewegt sich auf sehr hohem Qualitätslevel. Überdurchschnittliche Sängerleistungen bieten bereits das Terzett der Rheintöchter mit Catriona Smith (Woglinde), Maria Theresa Ullrich (Wellgunde), Margarete Joswig (Flosshilde), der Fasolt von Roland Bacht und der Loge von Robert Künzli. In der „Walküre“ ist Angela Denoke eine stimmlich und darstellerisch exzellente Sieglinde, Robert Gambill ein beachtlich kraftvoller und strahlender Siegmund, Renate Behles verhärmte, aber selbstsichere Brünnhilde läuft im dritten Aufzug gesanglich zur Hochform auf. Das Bindeglied zwischen den amorph monolithischen szenischen Deutungen der vier Abende ist das von Lothar Zagrosek mit der Fähigkeit zu großen Steigerungen sicher geleitete Stuttgarter Staatsorchester.

Tags in diesem Artikel

Ähnliche Artikel

  • Fragwürdige Auswahlkriterien, gute Ausbeute - Die Opernedition der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: ein Gelingen mit Abstrichen
    01.03.2005 Ausgabe 3/2005 - 54. Jahrgang - Rezensionen - Juan Martin Koch
  • Einsamkeit fühle ich ohne Flügel - Zehn Jahre nach Irene Langemanns „Wunderkinder“ kommt „Die Konkurrenten“ ins Kino
    15.06.2010 Ausgabe 6/2010 - 59. Jahrgang - Rezensionen - Ursula Gaisa
  • Was ist fotogener als seine Musik? - „Wagner Kino“ oder Spuren des Meisters in der Filmkunst
    08.12.2013 Ausgabe 12/2013 - 62. Jahrgang - Rezensionen - Viktor Rotthaler
  • Kranfahrten und Verbeugungen - Neue Komponistenporträts mit Strauss, Strawinsky, Penderecki, Lauridsen und Kox
    31.08.2014 Ausgabe 9/2014 - 63. Jahrgang - Rezensionen - Juan Martin Koch
  • „Und wer ist Maria?“ - Gelungene Callas-Hommage des französischen Fotografen Tom Volf jetzt im Kino
    17.05.2018 Ausgabe 5/2018 - 67. Jahrgang - Rezensionen - Katharina Granzin