Rechte Töne – einfach links liegen lassen?

Rechtsorientierte Musik auf dem Schulhof: ein Thema für Gesellschaft und Gesetzeshüter


(nmz) -

Frühsommer 2004: Sachsen-Anhalts Innenminister Jeziorsky warnt erstmals öffentlich vor einem rechtsextremen „Projekt Schulhof“. „Rechtsextreme wollen Jugendliche mit CD ködern“ meldet die ARD am 29. Juni, „Faschos nehmen Schulen ins Visier“ titelt besorgt die taz, und der PDS-nahe Jugendverband Solid stellt im „Neuen Deutschland“ sein Gegenprojekt „aufMUCKEn gegen rechts“ ausführlich vor. Der Hintergrund: Pünktlich zum Schuljahresende – so verlautete aus rechten Kreisen – werde eine kostenlose Schulhof-CD mit Rechtsrock von „Noie Werte“ über „Stahlgewitter“ bis „Spirit of 88“ oder „Frontalkraft“ in sechsstelliger Auflage an Schüler verteilt. „Anpassung ist Feigheit“ – dieses einende Motto der Herausgeber, eines Zusammenschlusses von 56 rechtsorientierten Vertrieben, Initiativen, Gruppen und Organisationen, darunter viele so genannte „Freie Kameradschaften“, gibt der CD den Titel. Die Kooperation innerhalb der Szene habe – so stellt das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e. V. (apabiz) fest – „mit dem CD-Projekt ,Aktion Schulhof’ eine neue Dimension erreicht“. Politik, Justiz, Gesellschaft reagieren bestürzt, entrüstet, verunsichert. Der Beschlagnahmebeschluss der Staatsanwaltschaft Halle vom 4. August 2004 wegen schwerer Jugendgefährdung zeugt vom Handlungswillen des Staates, doch ein Widerspruch dagegen hat zumindest teilweise Erfolg: Die meisten der Musiktitel sind seither auf einem rechten Internetportal als mp3-Datei abrufbar.


Jetzt – Anfang 2007 – hat sich die ganz große Aufregung um dieses Thema wieder gelegt. So etwas lässt sich dann immer mehrperspektivisch deuten: Die auslösende Erscheinung könnte ursprünglich überbewertet worden sein, sie könnte sich inzwischen tatsächlich erledigt haben oder – man hat sich einfach daran gewöhnt. Da bei dieser sensiblen Thematik vor allem letzteres nicht eintreten darf, will ich ein wenig hinter die Kulissen schauen.

Rechtsorientierte Musik (die sich vor allem in eher außermusikalischen Kriterien wie Text, Habitualisierung der Interpreten, Kontext der Darbietung beziehungsweise Distribution und so weiter manifestiert) beschäftigt Gesetzeshüter und Gesellschaft seit Jahrzehnten. Gerade in den letzten Jahren lassen sich allerdings aufschlussreiche Veränderungen erkennen. Dominierte in den 80ern und den frühen 90er-Jahren noch der relativ leicht zu identifizierende und stigmatisierende dumpfe „Rechtsrock“ mit deutlicher Nähe zur gewaltbereiten Skinheadszene und juristisch verwertbaren Inhalten, so sind die Erscheinungsformen inzwischen wesentlich differenzierter geworden. Die medialen (und damit wohl auch die emotionalen) Kanäle, die der Verbreitung mehr oder minder deutlich rechten Gedankenguts dienen, wurden sozusagen multipliziert und aufgeweicht und zielen insgesamt (dies ist ja auch eine Tendenz des gesamten Rechtsextremismus in der Gegenwart) auf die so genannte bürgerliche Mitte der Gesellschaft. So problematisch dieser unscharfe Begriff zu Zeiten von Hartz IV, Neuer Armut und Unterschichtsdebatten auch sein mag, kennzeichnet er doch das offenkundige Bemühen rechter Ideologen und Drahtzieher, kommunikative und diskursive Defizite unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung für eigene Zwecke und Ziele auszunutzen. Politologen sehen darin zudem den „Versuch, die kulturelle Zugangsschwelle zum eigenen Lager zu senken“, also hoffähig zu werden, auch wenn äußerliche Gewaltabsagen eher als taktisches Verhalten einzustufen sind. Kenner der Szene berichten zunehmend „von ganz ,bürgerlichen’ Aktivitäten Rechtsextremer“3, die einhergehen mit einem betont moderaten Auftreten und einem Trend zur Tarnung, der die Kenntnis der im rechten Spektrum verwendeten Symbole und Codes natürlich nicht überflüssig macht, aber zugleich den Blick eben nicht darauf verengen darf.

Im politischen Bereich sind die Erfolge rechtsextremer Parteien bei Wahlen auf Landes- und kommunaler Ebene wohl nicht zuletzt mit ihrem (dort offensichtlich gelingenden) Versuch zu erklären, unmittelbar am Frust, an der Unzufriedenheit oder auch nur der zunehmenden Verunsicherung des einfachen Mannes auf der Straße, der natürlich auch die Frau von nebenan sein kann, anzuknüpfen und diesen dabei das Gefühl zu vermitteln, hier setze sich jemand vorbehaltlos für sie ein, der schon deshalb vom Staat und seinen tragenden Organen als Bedrohung empfunden werden muss, weil er eben nicht – wie den etablierten Parteien häufig unterstellt wird – in einen Filz politischer Machenschaften verstrickt ist und also nur um die eigenen Pfründe fürchtet.

Hier ist sicher nicht der Ort, sich mit derartigen Argumenten intensiv auseinanderzusetzen; angemerkt sei aber, dass dieser Befund in Bezug auf das politische System der Bundesrepublik und insbesondere auf dessen mediale Darstellung und öffentliche Wahrnehmung durchaus Brisanz besitzt, die gerade mit Blick auf junge Menschen nicht unterschätzt werden darf.

Neue Qualität der Einflussnahme

War rechte Musik also noch vor wenigen Jahren eine informelle und gewollt illegale Szene, so stellen jene Tonträger, die da inzwischen unter dem Sammelbegriff „Schulhof-CDs“ firmieren, eine eindeutig neue Qualität der gezielten Einflussnahme auf Jugendliche dar. Sichtbares Indiz dafür ist die öffentlichkeitswirksame Ankündigung dieser CDs. Die Initiatoren erreichen so mit Hilfe der Medien schon vor dem eigentlichen Erscheinen der Tonträger die gewünschte Aufmerksamkeit. Hinzu kommt das flexible Reagieren auf das Bemühen des Staates, die Verbreitung der CDs einzuschränken: Konnte die erste CD „Anpassung ist Feigheit“ noch auf Grund einiger Liedtexte durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) indiziert und ihre Verbreitung staatsanwaltlich verboten werden, so bewegen sich die beiden von der NPD initiierten Nachfolger „Schnauze voll? Wahltag ist Zahltag!“ (Einsatz mit Blick auf Jungwähler im sächsischen Landtagswahlkampf 2004) und „Schulhof-CD: Hier kommt der Schrecken aller linken Spießer und Pauker“ (verbreitet im Vorfeld der Bundestagswahl vom September 2005) inhaltlich auf einem Terrain, das – nach juristischer Prüfung – gerade noch durch die Meinungsfreiheit abgedeckt sei. Natürlich können – wie Sachsen-Anhalts Kultusminister Olbertz jüngst in einem Interview betonte – die Schulen „in solchen Fällen von ihrem Hausrecht Gebrauch machen“. Olbertz erwartet, „dass entsprechendes Schrift- und Tongut sofort eingezogen wird“ – eine Forderung, die bei den NPD-Schulhof-CDs eben formaljuristisch nicht überzeugt und das Problem insgesamt ja auch nicht löst.

Also eher die argumentative Auseinandersetzung suchen beziehungsweise annehmen? Durchaus, doch keineswegs unvorbereitet! Auch die ist in diesem Fall nämlich nicht ganz einfach, da die Initiatoren mit den CDs (insbesondere der im Bundestagswahlkampf eingesetzten NPD-Schulhof-CD) ganz bewusst versuchen, „an die Lebenswelt Jugendlicher anzuknüpfen und sich als deren Stimme und als die Interessenvertretung des ,kleinen Mannes’ darzustellen“. Schon das Booklet der Schulhof-CD führt in einem vierseitigen Comic der jugendlichen Hauptfigur Alexander drastisch vor Augen, dass die einzige Chance in dieser Gesellschaft darin besteht, die Ziele der NPD zu übernehmen und sich von ihr vertreten zu lassen; dies macht ihm die blondbezopfte (!) Propagandistin Tina am Wahlstand der Partei vor dem Arbeitsamt (!) klar. Die Liedtexte des Samplers arbeiten mit zahlreichen Andeutungen, die zwar in der Szene (und bei ihren Sympathisanten) gut verstanden werden, aber keine rechtliche Handhabe abgeben. Sie bemühen zahlreiche Metaphern und Symbole, bewegen sich im ideologisch Nebulösen oder auf der abstrakten Ebene eines Gut-Böse-Schemas. Ihre verbalen Rundumschläge zielen auf „die Macht des Kapitals“, auf „das System“, auf „eine Einheitswelt a la Washington“, auf „die Herrscher“ und ihre „Medienmafia“, auf Bonzen und Bürokraten. Beschworen werden Kameradschaft und Treue, der Stolz, anders zu sein, und die Gewissheit, dass „die Bombe tickt/niemand hält uns auf“. Germanenkult und verquaste Mystik (Titel „Ein Krieger“ der Gruppe „Nahkampf“) treffen auf unverhohlenen Revisionismus (etwa die „Vertriebenenballade“ von „Noie Werte“, der langjährigen und noch immer sehr aktiven Band des Rechtsanwalts Steffen Hammer, oder „Das Mädchen mit der Fahne“ des bekanntesten braunen Barden Frank Rennicke), kaum verdeckte Judenfeindlichkeit („Die Macht des Kapitals“ von „Faustrecht“) und offenen Anti-Amerikanismus („Wenn der Wind sich dreht“ von „Faktor Widerstand“, einem gemeinsamen Projekt der auch solistisch auf der CD vertretenen NPD-Liedermacherin Annett Moeck mit „Noie Werte“, oder „Frieden durch Krieg“ von „Odem“). Gerade letztgenannter Titel zeigt im direkten Bezug auf den Irak-Kriegder USA, wie inzwischen selbst vormals „linke Positionen“ instrumentalisiert werden können, was übrigens auch auf den Antisemitismus zutrifft, der – so das Ergebnis einer aktuellen Studie – insgesamt „privater geworden“ ist, „während Antizionismus auch im linken politischen Lager geäußert wird“.

Die Analyse der Texte ergibt rasch weitgehende Übereinstimmungen in der stereotypen Darstellung von Vorbild, Selbstbild und Feindbild. Fast allen Texten gemeinsam ist die Tatsache, dass sie die Erscheinungen für das Wesen nehmen, Ursache-Wirkungs-Mechanismen versimplifizieren und populistisch argumentieren, doch zeigt sich, dass diese oberflächlichen Muster für viele durchaus Attraktivität besitzen und nicht wirkungslos bleiben, weil sie scheinbare Klarheit in eine komplexe, unübersichtliche Welt bringen.

Wer sich als Musiklehrer (oder auch fachübergreifend) der Thematik stellen will, der findet inzwischen vielfältige Hilfe, Beratung und Unterstützung (nicht nur in Sachsen-Anhalt, wo derzeit „ein Fortbildungsprogramm zum Umgang mit Tendenzen von Rechtsradikalismus und Rassismus“ vorbereitet wird, das „zunächst von Mai bis Dezember laufen und für Schulleiter verpflichtend sein“ soll, so Kultusminister Olbertz). So stellt das Portal „Lehrer online“ mehrere Unterrichtsmodelle vor, die Bundeszentrale für politische Bildung hält Material zum Download beziehungsweise zum Bestellen bereit, die Arbeitsstelle Neonazismus der FH Düsseldorf hat eine „Argumentationshilfe gegen die ,Schulhof-CD’ der NPD“ ins Netz gestellt, jugendschutz.net veröffentlicht eine Synopse zum Thema – überall findet man weiterführende Links. Die Landeszentralen für politische Bildung, die Stiftungen der demokratischen Parteien und die für Fortbildung zuständigen Pädagogischen Landesinstitute haben das Thema ebenfalls seit längerem ganz oben auf ihrer Agenda. Damit darf zumindest der Behauptung, man könne sich dem Thema im Unterricht mangels Informiertheit, Unterstützung und Hilfsangeboten nicht stellen, deutlich widersprochen werden!

Anmerkungen:
1 Rassenkrieg ganz legal. Zahlen und Fakten zu Rechtsrock 2004, Handreichung von apabiz e. V., Berlin 2005 (online unter www.apabiz.de).
2 Karl-Heinz Baum: Politologen machen bei Rechtsextremen Trend zur Tarnung aus. In: Frankfurter Rundschau vom 2.3.2006.
3 Ebenda.
4 Bildung ist die beste Prävention gegen Rechtsextremismus. In: Volksstimme, Magdeburg, 1.2.2007 (auch online: http:///vsm/nachrichten/sachsen_anh…).
5 Ebenda.
6 Arbeitsstelle Neonazismus der FH Düsseldorf: Argumentationshilfe gegen die „Schulhof-CD“ der NPD, S. 2. Dort sind auch alle Liedtexte, auf die ich mich im Folgenden beziehe, enthalten.
7 Frindte, Wolfgang: Inszenierter Antisemitismus. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006.
8 Kingma, Renate: Antisemitismus in neuem Gewand. In: Psychologie heute, Februar 2007, S. 12f.
9 Bildung ist die beste Prävention gegen Rechtsextremismus. A.a.O.

Zu den Abbildungen:
Wölfe im Schafspelz. Eine Kampagne gegen Rechtsextremismus und seine vielfältigen Erscheinungsformen; DVD, Plakat und Begleitbroschüre, hrsg. Vom Programm Polizeiliche Kriminalprävention, Stuttgart 2005, zu bestellen über: info@polizei-beratung.de

Archiv der Jugendkulturen (Hrsg.): Reaktionäre Rebellen. Rechtsextreme Musik in Deutschland, Sonderauflage für die Bundeszentrale für politische Bildung, Berlin/Bonn 2001, zu bestellen über:

Archiv der Jugendkulturen (Hrsg.): Reaktionäre Rebellen. Rechtsextreme Musik in Deutschland, Sonderauflage für die Bundeszentrale für politische Bildung, Berlin/Bonn 2001