Rotziger Blues, schaumiger Rock und krude Alternativen

Neuerscheinungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Clueso. Aus Erfurt. | The Black Keys, die rotzigste Rockband der Welt, machen auf „Cover“. | Zu Morcheeba muss man wenig sagen. | Weezer, die punkigen Alternativen. | Für St. Vincent muss man etwas ausholen. | Sophia Kennedy steht ihrer Vorgängerin St. Vincent in nichts nach.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Clueso. Aus Erfurt. Versorgt uns mit der EP „Leider Berlin“. Beziehungsweise der neuen Single „Leider Berlin“, die digital um ein paar zusätzliche Songs aufgehübscht wurde. Cluesos Weg zu verfolgen ist seit mehr als einem Jahrzehnt einfach hochspannend. Ja, Clueso bleibt immer Pop. Und jeder Song bleibt massenkompatibel. Doch die Art, wie Clueso das angeht, erweist sich trotz aller Kompatibilität im deutschsprachigen Raum einzigartig. Und natürlich ist es abgedroschen zu behaupten, Clueso erfinde sich mit jedem Album, jedem Song, jeder EP neu. Leider ist das aber so. Neue Pfade, keine Experimente. Textlich sowieso über die Konkurrenz erhaben. Nie wurden die Belange des Lebens einfacher, aber treffender, trivialer, aber profunder oder ehrlicher, aber schmerzlicher ausgedrückt. „Leider Berlin“ als Song macht Spaß, lässt schwelgen. Und auf ein Album hoffen. (Epic)

The Black Keys, die rotzigste Rockband der Welt, machen auf „Cover“. „Delta Kream“ ist dem Zufall zu verdanken. Die Jungs treffen den Gitarristen Kenny Brown und den Bassisten Eric Deaton, die bereits mit Blues-Legende R.L. Burnside diverse Jahre auf dem Buckel haben. Man spielt zusammen ein paar Blues-Klassiker ein. In zehn Stunden, sagt die Presseabteilung. Egal. Denn mehr Black Keys und mehr Blues, mehr Kaputtheit, mehr Trotzigkeit und mehr Gefühl geht nicht. „Delta Kream“ ist ein Standard an Lässigkeit, Zwanglosigkeit und unfassbarer Spontaneität. (Nonesuch Records)

Zu Morcheeba muss man wenig sagen. Zwei Eckpunkte seien erwähnt: Downbeat und Soul. „Blackest Blue“ ist so gesehen nicht nur das, was man vom Morcheeba erwartet, sondern ein paar Etagen drüber. Sicher. Songs entschleunigen können viele. Aber oft mit Reibungsverlusten. Morcheeba erheben diese Entschleunigung jedoch zum Alleinstellungsmerkmal und Stilmittel. Das ist quasi die DNA der Band. „Blackest Blue“ bewegt sich eher in die lakonisch-verhaltene Richtung, murmelt sich in Schwermut ein, ohne aufs Gemüt zu drücken (Sounds of Blue, Say it’s all over). Ein Album, über das man behaupten darf: zehn ziemlich geniale Songs. (Fly Agaric / Indigo)

Weezer, die punkigen Alternativen. Jede Achtelnote mit Biss, Ironie oder Schalk. „Van Weezer“ bringt zehn Songs mit. Das Schema „F“ bleibt: Dynamische Wechsel zwischen laut und leise (Strophe / Chorus), die Gitarrenverzerrung nicht unter zwölf geschraubt und die Melodien respektive Harmonien kratzen sich irgendwo zwischen Softeis und Cola-Lutscher einen Reststolz zusammen. Man muss das nicht mögen. Wenn es jedoch so charmant und selbstironisch wie von Weezer rezitiert wird, klopft man sich gerne auf den Schenkel und freut sich über den klebrigen Pop-Punk. (Crush Music)

Für St. Vincent muss man etwas ausholen. Annie Erin Clark ist St. Vincent, studierte an der Berklee School Of Music und verdingte sich irgendwann auch beim völlig irren (positiv gemeint!) „The Polyphonic Spree“-Chor als Gitarristin und Sängerin. „Daddy‘s Home“ ist ihr sechstes Album und heißt so, weil Papa nach einer Gefängnisstrafe eben wieder nach Hause kam. Wen der stark verkürzte Lebenslauf verwirrt, dem sei das Album dringend empfohlen. Orientierungsloser geht es nicht. Jede Note scheint frivol und provozierend. Ein roter Faden stellt sich, wenn überhaupt, nur durch ein völlig unzuverlässiges Songwriting ein. „Daddy‘s Home“ ist eine berechnende Gratwanderung. Zwischen „wirf das Album aus dem Fenster“ und „vergolde dir das Album“ entstand ein großartiges Stück Musik. (Loma Vista Recordings)

Sophia Kennedy steht ihrer Vorgängerin St. Vincent in nichts nach. „Monsters“ zu hören gleicht dem Versuch, auf einem Drehscheiben-Kirmesfahrgeschäft Halt zu suchen. Dreizehn Songs lang fühlt man sich bedroht, unwohl und suchend. Kurz vermutet man, Pop zu hören, schon drängeln tiefe Streicher Richtung Höllenvorhof. Selten bekommt man es mit Hoffnung zu tun, noch weniger oft mit Licht. Und genau diese krude Mischung macht „Mons­ters“ zu einem wahren Alternativ-Album. Keine Konventionen schreiben Sophia Kennedy vor, was wann zu tun ist. Es sind ambivalente Welten, seltsame Töne und noch groteskere Arrangements. Am Ende steht ein cooles Album. Und das zählt. (City Slang)

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