Schiller und Schily als Paten

Preisträger des Deutschen Musikwettbewerbs 2005 stellten sich vor


(nmz) -

Organisten gehören in Deutschland zu den zuverlässigsten Musikern, während Oboisten und Trompeter leicht wegen Indisposition ausfallen. Solche Erkenntnisse lassen sich anhand der Teilnehmerstatistik zum Deutschen Musikwettbewerb 2005 gewinnen. Eine Rekordzahl von 270 jungen Musikerinnen und Musikern hatte sich in diesem Jahr für die verschiedenen Solokategorien von Gesang bis Orgel gemeldet, besonders viele im Bereich Gesang (39 Meldungen) und Violine (38). Dagegen zeigten nur vier Tubisten und zwei Kontrabassisten Wettbewerbsinteresse. Krankheit und andere Probleme reduzierten die Zahl der aktiven Teilnehmer schließlich auf insgesamt 152, wobei es bei den Bläsern viele, bei den Organisten die wenigsten Ausfälle gab. Fünfzehn hatten sich gemeldet und dreizehn erschienen auch tatsächlich zum ersten Durchgang.

Ein Artikel von Albrecht Dümling

Der zwischen Berlin und Bonn wechselnde Deutsche Musikwettbewerb, der nun zum 30. Male stattfand, stellt sehr hohe Ansprüche, wie Wolfgang Gönnenwein, der Vorsitzende des Projektbeirats, zugab. Neben dem international ausgeschriebenen ARD-Wettbewerb brauche Deutschland auch einen hochrangigen nationalen Wettbewerb, um sein eigenes Profil in der Musik zu entwickeln. Die Europäische Union solle nicht zum „Einheitsbrei“ führen, sondern zu kultureller Differenzierung, zu einer „Kultur der Vaterländer“. Hierzu trägt der Deutsche Musikwettbewerb bei, der nicht nur technische Fähigkeiten bewertet, sondern ebenso die Musikerpersönlichkeit. An zwölf Berliner Märztagen wurde musiziert und gesiebt, wobei zunächst die acht Fachjurys für Gesang, Klavier, Streicher, Holzbläser, Blechbläser, Orgel, Harfe und Klavierpartner das Wort hatten. Bei den dritten und vierten Durchgängen mussten die Teilnehmer vor der Gesamtjury auftreten und diese unter übergreifenden Aspekten überzeugen.

Der Deutsche Musikwettbewerb präsentiert aktuelle Spitzenleistungen in den verschiedenen Fächern, wobei einzelne Bundesländer herausragen. Inzwischen gibt es, wie Gönnenwein hervorhob, ein ausgewogenes Verhältnis von alten und neuen Bundesländern. Gerade in Leipzig und Dresden zeigten sich hohe kulturelle Substanzen. Zwei der fünf Preisträger, die Geigerin Sophia Jaffé und der Cellist Nicolas Altstaedt, kommen aus Berlin, während der Cellist Maximilian Hornung als Bayer vorgestellt wurde. Auch unter den 24 Stipendiaten war Berlin eindrucksvoll vertreten, gleichrangig gefolgt von Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Sachsen.

Dass in diesem Jahr drei der fünf Preisträger Streicher sind, spricht für ein besonders hohes Niveau in diesem Bereich. Dies zeigte sich schon beim Kammerkonzert der Stipendiaten, wo Sonja Starke einen Satz aus der G-Dur-Violinsonate von Brahms mit warmer Natürlichkeit und Dramatik spielte und Julian Arp der Cellosonate von Debussy feinste dynamische Nuancen abgewann. Eine herausragende Leistung bot die Harfenistin Ronith Mues, die schon vierjährig auf ihrem Instrument begann und bei einer Fantasie von Louis Spohr große dynamische Bögen und wunderbare Echowirkungen gestaltete. Als eigenständige Persönlichkeit erwies sich der aus Schweinfurt stammende Andreas Mildner; bei einem Divertissement von André Caplet zeigte er mit subtilen Klangfarben und blitzsauberen Passagen, dass die Harfe keineswegs nur eine Frauen-Domäne ist.

Unterschiedliche Darstellungsformen waren beim Klavier zu erleben. Während Gerhard Vielhaber den ersten Satz aus Schumanns C-Dur-Fantasie aus innerem Erleben gestaltete, näherte sich Hinrich Alpers der zehnten Skrjabin-Sonate gleichsam von außen, auf analytische Gliederung und Plastizität jedes Details bedacht. Drei Bläser erhielten Stipendien: die Oboistin Sandra Schumacher, die die Melodiebögen der drei Schumann-Romanzen mit makelloser Atemtechnik gestaltete, Stefan Albers, der bei B.A. Zimmermann zwischen großen und kleinen Flöten wechselte, und der Posaunist Michael Zühl.

Nicht weniger als 39 Sängerinnen und Sänger hatten sich gemeldet, von denen niemand einen Preis, aber drei ein Stipendium erhielten. Im Vergleich zu den Streichern fiel die Ausbeute damit eher bescheiden aus. Wie Wolfgang Gönnenwein bestätigte, gibt es Probleme mit dem Sängernachwuchs, wofür er dem schulischen Musikunterricht eine Mitverantwortung gab. Der Auftritt der aus Moldavien stammenden koloraturbegabten Anna Palimina beim Kammerkonzert der Stipendiaten war somit auch ein Beleg für die ungebrochene Potenz der russischen Schule. Ebenfalls aus Russland stammt die heute in Köln lebende Eleonora Reznik, die im Fach Klavierbegleitung einen Hauptpreis erhielt.

Die übrigen vier Preisträger bestritten im Konzerthaus am Gendarmenmarkt das Abschlusskonzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Der jüngste von ihnen, der 1986 in Augsburg geborene Maximilian Hornung, hatte schon im Vorjahr mit seinem Klaviertrio den Preis des Deutschen Musikwettbewerbs gewonnen. Schumanns Cellokonzert spielte er nun mit edlem, schlank und klar zeichnendem Ton und makelloser Höhe. Dass der Blick dabei mehr auf die Details als auf das Ganze fiel, mag auch am Dirigat von Matthias Foremny gelegen haben. Keinerlei Orientierungsprobleme gab es dagegen beim a-moll-Violinkonzert von Schostakowitsch mit der wahrhaft souveränen Solistin Sophia Jaffé. Sie begann mit melancholischer Verinnerlichung, steigerte sich dann im Duett mit dem Solohorn in einem großen Entwicklungsbogen zu einem zunehmend kraftvollen und intensiven Spiel, das bei gemeißelten Oktaven sogar beschwörenden Charakter annahm. Mit der großen Kadenz zog die junge Berlinerin den ganzen Saal in ihren Bann.

Eine eher diskrete Bühnenerscheinung ist Nicolas Altstaedt, der das Es-Dur-Cellokonzert von Schostakowitsch betont gelassen und schlicht darbot. Den heroischen Charakter der Tonart dementierend gab er seinem Instrument im Wechsel mit der Celesta einen gläsernen Ton, wobei er in der Kadenz gerade aus der Stille Spannung erweckte. Sogar das wilde Finale wirkte unter seinen Händen ebenso perfekt wie selbstverständlich. Nach diesem Fest der Streicher rettete zum Schluss Andreas Hofmeir, der erste Tubist unter den Wettbewerbsgewinnern, die Ehre der Bläser. Wer gedacht hatte, dieses gewaltige Instrument erfordere ähnlich dimensionierte Spieler, den belehrte das Erscheinungsbild des schlacksigen Musikers eines Besseren. Dabei war Hofmeir im Tubakonzert von John Williams fast pausenlos im Einsatz; im Allegro molto-Finale brachte er die Luftsäule zum Springen und Tanzen.

Der Deutsche Musikwettbewerb, ein Förderprojekt des Deutschen Musikrates, steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Gönnenwein verwies bei der Preisverleihung auf zwei weitere „Paten“: auf Friedrich Schiller und Otto Schily. Der eine hatte einst den hohen Stellenwert der ästhetischen Erziehung hervorgehoben, was der andere so konkretisierte: „Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit.“ Musikalische Bildung, das beweist gerade der Deutsche Musikwettbewerb, ist auch Persönlichkeitsbildung mit nachhaltiger Wirkung. Die diesjährigen Preisträger erwecken Hoffnungen, die frühere Preisträger wie Gerhard Oppitz, Peter Seiffert, Sabine Meyer und das Artemis Quartett längst erfüllt haben.

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