Sehnsucht nach dem Unbekannten

Ingo Metzmacher zur Aufgabe von Rundfunksinfonieorchestern und Musikvermittlung


(nmz) -
Nach den international gefeierten Weltpremieren der Opern „SONNTAG aus LICHT“ 2011 in Köln und „MITTWOCH aus LICHT“ 2012 in Birmingham präsentiert dieses Jahr die musica viva-Konzertreihe des Bayerischen Rundfunks Karlheinz Stockhausens „SAMSTAG aus LICHT – Oper in einem Gruß und vier Szenen“ als Deutsche Erstaufführung in München (26. Juni bis 1. Juli). Lesen Sie dazu das Interview von nmz-Chefredakteur Andreas Kolb mit Ingo Metzmacher über dessen erste Begegnung mit Karlheinz Stockhausen, über die langjährige Zusammenarbeit mit dem Komponisten und über die Probenarbeit mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der musica viva-Beilage in dieser Ausgabe. Einen dort nichtveröffentlichten Teil dieses Gesprächs finden Sie auf dieser Seite.
Ein Artikel von Andreas Kolb, Ingo Metzmacher

neue musikzeitung: Nach Ihrer Zeit beim Ensemble Modern sind Sie in eine neue Welt aufgebrochen: Dirigent, Orchesterchef, Opernarbeit. Gibt es keine Sehnsucht mehr nach dem EM?

Ingo Metzmacher: Da bin ich etwas traurig darüber, dass ich den Kontakt dahin verloren habe. Die großen Visionäre, Stockhausen oder Nono. Diese beiden würde ich nennen. Wieder an das anknüpfen, wieder ein Projekt zu machen, das diesen Visionen Rechnung trägt, brodelt immer noch in mir. Warten Sie ab, ich versuche was!

nmz: Will die Gesellschaft noch die Orchestermusik? Was sind Ihrer Ansicht nach die Aufgaben eines Rundfunksinfonieorchesters?

Metzmacher: Als junger Dirigent kam ich vom Ensemble Modern. Als ich damals von dem einen oder anderen Orchester eingeladen wurde, Neue Musik zu dirigieren, war das für mich ein Kulturschock. Die Bereitschaft und die Fähigkeit, diese Musik zu spielen, war sehr viel niedriger als beim Ensemble Modern. Aber das hat sich natürlich gewaltig geändert in den vergangenen 25 Jahren. Orchester sind sehr viel flexibler geworden und offener gegenüber dem Neuen.

Ich war immer der Meinung, dass sich Orchester für die Zukunft flexibler aufstellen müssen. Da bin ich ganz sicher. Die Tatsache, dass man jetzt ein Orchester wie das SWR-Rundfunksinfonieorchester Baden-Baden-Freiburg mit seiner großen Geschichte einfach opfert, ist skandalös – ein verheerendes Zeichen. Ich höre aber auf der anderen Seite immer: Donaueschingen ist im Gegensatz zu früher immer überlaufen und ausverkauft. Es gibt also ein Interesse am Neuen. Ich beobachte im Konzertbetrieb einen verhängnisvollen Kreislauf analog zum Fernsehen: Das Programm wird immer flacher. Immer wird mit der Quote argumentiert. Dabei gibt es eine interessierte Öffentlichkeit für andere Musik, das Interesse an Musik an sich ist gewachsen. Man muss neue Konzertformen, neue Vermittlungswege, neue Orte finden. Das interessiert mich.

Ob die Orchester selber diesen Weg mitgehen, hängt von ihnen ab. Das hat auch mit der Struktur, in der sie organisiert sind, zu tun: Die Musiker würden sicher gerne innerhalb des Orchesters eine Gruppe für Neue Musik, für Kammermusik etc. aufmachen. Aber es ist nicht wirklich vereinbar mit dem Tarifgefüge. Das kostet wahnsinnig viel Geld und das kann sich niemand erlauben.

nmz: Sie wollen das Publikum neugierig machen auf die neuen Töne. Ihnen die Angst nehmen, wie sie es ja auch in Ihrem Buch „Keine Angst vor neuen Tönen“ machen.

Metzmacher: Das ist der Punkt. Wenn Sie sie erst mal reinkriegen in den Saal, dann sagt ein Teil der Besucher mit Sicherheit: Das interessiert mich. Musik lebt davon, dass man anwesend ist.
Oper oder Konzert – man muss da sein. Unsere Welt ist sehr visuell, man müsste stärker betonen, dass Musik fürs Ohr da ist. Man müsste Orte schaffen, die fürs Ohr gemacht sind, nicht für die Augen. Wir werden von morgens bis abends bombardiert mit Bildern. Es gibt eine Sehnsucht nach einer Welt fürs Ohr – wie die Sehnsucht nach dem einfachen Leben…

nmz: Zurück zum Hören, könnte man auch sagen?

Metzmacher: Das Ohr ist ein äußerst sensibles und empfindliches Organ.. Es hat anders als das Auge 360 Grad Wahrnehmungsfähigkeit. Ich kann nicht sehen, was hinter mir ist, aber ich kann es hören. Und man kann die Ohren nicht „zu machen“ wie die Augen. Das Ganze würde mich interessieren. Ich hatte und habe zu diesem Themenfeld schon alle möglichen Ideen: künstlerische und veranstalterische – kostet natürlich alles immer Geld. 

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