Sich von amerikanischen Träumen bewegen lassen

Mouvement. Festival für Neue Musik 2009: Die New York School of Music zu Gast in Saarbrücken


(nmz) -
Neue Musik – für viele Hörer immer noch ein rotes Tuch. Geschmackliche Gewohnheiten ändern sich nur langsam, und weil die gängigen Konzertprogramme zeitgenössische Klänge nur selten anbieten, ist Schneckentempo angesagt. Damit nun Neue Musik nicht völlig in ihrer Nische versauert, haben sich seit einiger Zeit etliche Festivals etabliert, die helfen wollen, das Ohr zu schärfen und unbekannte Ton-Kontinente zu erkunden. Wir denken etwa an „UltraSchall“ (DeutschlandRadio Berlin und RBB), die Wittener Kammermusiktage, die Darmstädter Interna­tionalen Ferienkurse oder die Donaueschinger Musiktage. Seit 1970 widmet zudem der Saarländische Rundfunk (SR) in Saarbrücken jährlich ein Maiwochenende der Neuen Musik.
Ein Artikel von Peter Schroeder

Dieser Zeitpunkt erschien dem Intendanten Fritz Raff besonders schlüssig, „denn gerade im Monat Mai spüren wir den Aufbruch der Natur, ihre Kraft und ihre Bestimmung zur Erneuerung am stärksten“. Und da Neue Musik (laut Raff) wegen ihrer stets „neuen klanglichen Ausdrucksideen“ immer wieder „der Unterstützung durch fördernde und vermittelnde Kulturinstitutionen wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ bedürfe, sei der SR nach wie vor „trotz finanzieller Engpässe“ bemüht, sein traditionsreiches Engagement aufrechtzuerhalten.

Mouvement. Festival für Neue Musik nennt sich dieses saarländische Avantgarde-Spektakel. An fünf Tagen vom 20. bis 24. Mai 2009 sollten unter dem Motto „American Dreams – Amerikanische (T)räume“ unter der künstlerischen Leitung von Wolfgang Korb in Konzerten, Klanginstallationen, Gesprächen und Performances charakteristische Einblicke in die zeitgenössische amerikanische Musikszene ermöglicht werden. Die Anregung zu diesem Thema kam von Robert Leonardy, dem künstlerischen Leiter der Musikfestspiele Saar, die sich in diesem Jahr ebenfalls mit der Musik der USA beschäftigen („Welcome America!“).

Um ein sinnvolles Konzept zu entwickeln, die heterogene und vielfältige zeitgenössische Musikpalette der USA einigermaßen repräsentativ darzustellen, konzentrierte man sich auf die Präsentation der „New York School of Music“, eine Gruppe von stilistisch selbstständigen Komponisten um John Cage, Earl Brown, Morton Feldman und Christian Wolff. 1958 hatte Cage bei den Darmstädter Ferienkursen mit dem Vortrag seiner neuen Kompositions-Ästhetik  „Indetermination“ (Unbestimmtheit) für Furore gesorgt, als er sich bewusst provokativ gegen das herrschende serielle Musikverständnis des europäischen Komponisten-Estab­lishments stemmte. Das begeisterte und schmiedete zusammen.

Diese historischen Wurzeln der New York School of Music waren denn auch die programmatische Grundlage für den Festival-Prolog am 21. Mai im Konzertsaal der Musikhochschule Saar. Kammermusikalische Pralinés von John Cage, Elliott Carter (1908) und Morton Feldman in der Interpretation von Dozenten und Studenten: eine sympathische Idee, deren leidenschaftliche Ausführung vom Saarländischen Rundfunk auf SR2 KulturRadio zeitversetzt direkt übertragen wurde.

Den eigentlichen Einstieg ins amerikanische Gegenwarts-Musizieren erlebte man am Freitag, 22. Mai, mit drei Konzerten an verschiedenen Standorten in Saarbrücken. Mitglieder des Ensembles L’Art pour l’Art (Matthias Kaul/ Schlagzeug, Astrid Schmeling/ Flöte und Michael Schröder/ Gitarre), das als solistische Gastgruppe das Festival insgesamt begleitete, traten erstmals in Aktion. Etliches war nur mit einem Augenzwinkern zu ertragen – wie etwa Phill Niblocks halbstündiges ohrenbetäubendes Schaben auf einem Electric-Bass. Man darf solchen Jux nicht für ernsthafte Kunst halten, denn auch die Kreissäge wäre, unter dem Gesichtspnkt der Beliebigkeit der Mittel, ein wunderbares Musikinstrument. Man saß also in der Saarbrücker Stadtgalerie und schmunzelte über Steve Reichs Pendel-Zufalls-Geknacke, das durch elektronische Übersteuerung lautlich noch verätzt wurde. Wie überhaupt akustische Radikalismen der Normalfall waren – Lois V. Vierks „Go Guitars“ konnte einem durchaus den letzten Nerv rauben.

Das Erhabene steht oft hautnah neben dem Albernen. Gerade hatte noch Malcolm Goldstein sich in seinem Violin-Solostück „My feet is tired, but my soul is rested“ redlich bemüht, keinen einzigen Laut rein zu intonieren oder sauber zu streichen – da atmete man auf bei sehr poetisch-sensiblen „Garden Songs“ für Dobro, Altflöte, Schlagzeug und aufgezeichnete Stimme von Marco Sabat. Sein Stück war eine Auftragskomposition der Deutschen Radio Philharmonie (DRP) Saarbrücken  Kaiserslautern (SR/SWR), die sich als große Stütze des Festivals erwies. Sie vergab nicht nur eine Reihe von Kompositionsaufträgen, sondern war auch wichtiger Garant für SR-Eigenproduktionen symphonischer Größenordnung. Der Kompositionsauftrag „Matrix II – und doch frei“ an Günter Steinke für Flöte, E-Gitarre, Schlagzeug und Schülerorchester wurde am Samstag, 23. Mai, im Großen Sendesaal des SR vom Saarländischen Schülerorchester unter Ewald Braun uraufgeführt.

Ein anschließende Lange Nacht bis weit in den neuen Tag illustrierte an einer Menge kammermusikalischer Extravaganzen die Bandbreite der zeitgenössischen Musikproduktion: Marc Feldmans halbstündiges Violin-Solo, Elliott Sharps ebenso lange Gitarren-Soloperformance, Walter Zimmermanns seufzerkurze Gitarren-Solo-„Sentenz“ oder etwa James Tenneys 10-minütiges Schlagzeug-Solo, das stolpersteinlos in Matthias Kauls „The Mellow Quark“ mündete, in dem sich Flöte, E-Gitarre und Schlagzeug eine virtuose Auseinandersetzung lieferten.

Überhaupt erwies sich der Schlagzeuger Matthias Kaul, ein auf allen „Pötten“ flink wirbelnder Künstler, als die Seele der Gruppe L’Art pour l’Art. Er harmonierte prächtig mit seinen Kolleginnen und Kollegen auf Cello, Violine, Bass, Gitarre oder Flöte und geizte in den mitunter ausgedehnten Stücken nicht mit langem Atem. Dan J. Wolfs „Neglected Topiary“ schillerte sanft in den Klangfarben von Flöte, Klarinette und Gitarre – Norbert Walter Peters „beau son.ge“ elektrisierte durch an Minimal-Musik geschulten Klang- und Rhythmus-Techniken. 

Da wurde denn endlich auch die Seele der Musik entdeckt. Die Zunahme an Gefühl erweiterte die Ausdruckspalette der Solisten um wichtige Tiefenregionen. Das ließ Peters’ fast einstündige Komposition und Christian Wolfs nachfolgende „Edges“ zu aussagekräftigen Kunstwerken wachsen, die mehr bieten als reinen Nervenkitzel. So rundete sich das SR-Festival Mouvement zu einem abwechslungsreichen und stilistisch schillernden Einblick in eine Musikwelt, in der sich Banales, Tiefgründiges, Hilfloses, Ernsthaftes, Langweiliges und Mitreißendes jederzeit die Hand reichten.

Die abschließende symphonische Matinée in der Saarbrücker Congresshalle mit der DRP Saarbrücken Kaiserslautern unter Emilio Pomarico bewies eindrücklich, dass auch heute die großen musikalischen Formen künstlerisch meisterhaft bewältigt werden. Morton Feldmans sensibles „Coptic Light“  und Elliott Carters ungemein dynamische fast einstündige „Symphonia: sum fluxae pretium spei“ erdrückten den Hörer fast in ihrer Unerbittlichkeit.

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