Sind wir fit für den Musikberuf?

Zum Stand der musikalischen Aus- und Fortbildung


(nmz) -
Berufliche Ausbildung vermittelt Inhalte der Vergangenheit, im Idealfall bis zur Gegenwart. Zukunft ist nicht vermittelbar, Zukunftsfähigkeit hingegen schon: durch die Anregung zu steter Aufmerksamkeit, Neugierde, Flexibilität, Kreativität und Bereitschaft zum Dazulernen und zur Neuorientierung. Dass diese Basisqualifikationen auch in der Musik immer wichtiger werden, bedingen schon die rasanten Veränderungen der jüngeren Vergangenheit.
Ein Artikel von Edmund Wächter

Die Musikhochschulen haben sich mit einem breiten Lehrangebot einem erweiterten Berufsfeld angenähert. Neben dem traditionellen Fächerkanon gibt es nun Jazz-, Popular- und Filmmusik, Alte und Neue Musik inklusive Elektronik, Instrumental- und Gesangspädagogik, Elementare Musikpädagogik, Volksmusik und Musikethnologie, Musikwissenschaft und -journalismus, Rechtliche Grundlagen, Tontechnik, Neue Medien, Musikmanagement und -vermittlung, Selbstmanagement, Musiktherapie und vieles mehr. Das ist gut so, und die Studierenden sollten dieses Angebot nützen, es könnte noch relevant werden für ihren Werdegang.

Selbstverständlich: Wer einen renommierten Wettbewerb gewinnen oder ein Orchesterprobespiel bestehen will, muss besser sein als die Konkurrenz. Das führt zu einem Wettbewerb, bei dem die Messlatte mittlerweile so hoch liegt, dass nur das Alles oder nichts zählt und kaum Raum für den Blick nach links oder rechts bleibt. Und solange sich Professoren und Hochschulen in erster Linie über internationale Preise und bestandene Probespiele definieren, wird sich daran auch nichts ändern und weiterhin am Bedarf vorbei ausgebildet, wie die Statistiken, die das deutsche Musik-Informations-Zentrum (MIZ) zur Verfügung stellt, ernüchternd belegen: 2200 Absolventen im Bereich Instrumental- und Orchestermusik (die Zahlen sind der Übersichtlichkeit halber gerundet) verließen 2013 deutsche Musikhochschulen (im Jahr 2000 waren es noch etwa 1500). Demgegenüber sank die Zahl der Stellen in deutschen Orchestern im selben Zeitraum von rund 10800 auf rund 9800. Für ein Zehntel der Absolventen gibt es Orchesterplätze, um die auch Bewerber ausländischer Ausbildungsstätten konkurrieren.

Von einer solistischen oder kammermusikalischen Laufbahn können die wenigsten leben, eher schon von Orchesteraushilfen, Muggen (und da teilen sich immer mehr den kleiner werdenden Kuchen), Unterrichten … Manche schließen sich zu freien Orchestern oder Spezialensembles zusammen, von denen das MIZ seit dem Jahr 2000 über 200 Neugründungen verzeichnet. Das ist aber letztlich keine berufliche Option, da die meisten dieser Ensembles nur projektweise existieren und höchstens symbolische Honorare zahlen können. Vielleicht reicht es zum Leben von der Hand in den Mund, führt aber unweigerlich unter die Armutsgrenze und in die Altersarmut.

Vergleichbare Honorare erhalten selbständige Musikpädagogen und freie Mitarbeiter an privaten und öffentlichen Musikschulen, mit dem Vorteil, dass sich hier zumindest mittelfristig planen lässt. Wer allerdings eine feste Stelle an einer öffentlichen Musikschule hat, genießt alle Vorzüge einer Anstellung, wenn auch die Entgeltgruppe nicht der aufwendigen Hochschulausbildung entspricht. Aber auch da gehen die Vollstellen zurück.

Der Deutsche Tonkünstlerverband (DTKV) sieht es als eine seiner zentralen Aufgaben, das Bewusstsein für den Wert von Musik und Musikunterricht zu schärfen, der zumindest die menschenwürdige Lebensgrundlage der Akteure gewährleistet. Einiges ist gelungen wie die Einrichtung der KSK, bei der der DTKV maßgeblich beteiligt war und die durch die erfolgreiche Petition von 2013 gesetzlich bestätigt wurde. Ebenso geht die Befreiung von der Umsatzsteuer für freie Musikpädagogen und Musiker auf die Initiative des DTKV zurück. Aber es bleibt noch viel zu tun! Tarifverhandlungen scheitern immer wieder daran, dass in allen Bereichen genügend Konkurrenten Schlange stehen, die es auch billiger machen würden.

Was also wäre ein Ausweg aus dem Abseits, in das zunehmend Musiker aller Sparten geraten? Fortbildung ist ein entscheidender Faktor, der an eine Mentalitätsfrage anknüpft: Bin ich bereit, dem eingeschlagenen Berufsweg Neues hinzuzugewinnen, Gewohntes zu überdenken und neue Wege einzuschlagen? Vielleicht finde ich Nischen, in denen ich mich etablieren kann, entdecke Neigungen, die zu einer überraschend attraktiven beruflichen Wende führen. Fortbildung heißt zuerst, sich informieren. Das kann über Medien geschehen, im Austausch mit Kollegen, über Fachliteratur und Fortbildungskurse oder einfach durch Neugierde am aktuellen Geschehen. Auch in der Musik ist alles im Fluss, es gibt keine unumstößlichen Wahrheiten, weder ästhetische, interpretatorische, methodische und pädagogische, noch was Vermittlung und Aufführungsformen betrifft. Ein heutiger Interpret kommt nicht umhin, sich mit historischen Quellen auseinanderzusetzen, denn es gilt nicht mehr unbedingt das, was man im Studium noch gelernt hat. Auch müssen Interpreten und Veranstalter neue Aufführungsformen entwickeln, die selbst ein reizüberflutetes und medienverwöhntes Publikum faszinieren.

Die Bedingungen für den Instrumental- und Vokalunterricht ändern sich mittlerweile schon innerhalb einer Schülergeneration. Hörgewohnheiten, Freizeit- und Übeverhalten, Medienhörigkeit, Ganztagsschule und so weiter sind Stichworte, die klar machen: Mit den Methoden der eigenen Jugend wird man seine Schülerinnen und Schüler nicht mehr erreichen. Den Komplex der neuen Medien und der digitalen Welt müssen wir nützen, auch wenn es manchem schwerfällt: Ein Komponist findet mit handgeschrieben Manuskripten nur noch schwerlich Interpreten oder Verlage, ein Computer-Notensatz hingegen ermöglicht vielfältige Verbreitungswege. Wer in den neuen Medien nicht präsent ist, verpasst den Anschluss. Audience Development im Internet ist im Rock-/ Popbereich längst ein bewährter Karriereweg. Hier zählen Klicks statt Eintrittskarten, CD-Verkäufe oder Zeitungskritiken. In der klassischen Musik wird/muss das ebenso kommen. Die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker oder The Met: Live in HD zeigen, was bereits möglich ist. Aber auch in der Musikpädagogik hält die digitale Welt immer mehr Einzug. Metronom oder Stimmgerät gibt es als App fürs Smartphone, Noten aus dem Internet lädt man auf sein Tablet oder druckt sie aus, hört sich das Stück auf YouTube an und findet die Mitspielversion in flexiblem Tempo ebenfalls online. Und wenn die Zeit knapp und der Weg zum Unterricht zu lange ist, kommen Lehrerin oder Lehrer via Skype ins Haus…

Nicht nur eine sich ändernde Arbeitswelt, auch Krankheiten und Verletzungen führen zu Brüchen im Berufsleben. Um dennoch berufsnah weiterarbeiten zu können, ist oft eine kostspielige Fortbildung oder Umschulung nötig. Der DTKV ist bemüht, ergänzend zur Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung, die Arbeitslosenversicherung in das Künstlersozialgesetz aufzunehmen, so dass KSK-Versicherte Anspruch auf die gleichen Leistungen der Bundesagentur für Arbeit im Bereich Fortbildung und Arbeitsvermittlung haben wie die „normalen“ gesetzlich Sozialversicherten.

Manches jedoch trifft uns völlig unvorbereitet. Hätte sich vor wenigen Monaten jemand die vielen Flüchtlinge vorstellen können? Können wir bedenken, welche Herausforderungen auch für Musikberufe hier auf uns zukommen? Wie werden wir diejenigen, die völlig anders sozialisiert sind, in unser soziokulturelles und damit auch musikalisches Leben integrieren? Sicher nicht dadurch, dass wir ihnen überstülpen, was in Europa in Jahrhunderten gewachsen ist… Wer kann Flüchtlinge unterrichten, auch in ihrer traditionellen Musik und zwar in einer Weise, die unseren pädagogischen Idealen von persönlicher Entwicklung und Individualität entspricht und trotzdem niemanden vor den Kopf stößt? Wird es erfolgreiche Konzepte geben, diese an Musikschulen anzubinden? Wie werden Schulmusiker mit diesem Thema umgehen? Nur mit Respekt vor deren religiösem und kulturellem Hintergrund werden wir uns herantasten können, Erfahrungen sammeln und austauschen und in einigen Jahren sehen, was gelungen ist. Fortbildung ist immer auch „trial and error“ und „learning by doing“.

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