Slapstick, Fußball, Pepephon

Die Messe jazzahead! präsentierte erstmals Showcase-Konzerte für Kinder


(nmz) -
Pepe Auer ist mal wieder zu spät dran – wie immer, wenn er mit seinem Kumpel Speedy auftritt. Auf offener Bühne muss er seine Klarinette auspacken und entdeckt dabei, dass man mit dem Reißverschluss tolle Grooves erzeugen kann. Ritschratsch – Pepe mag gar nicht mehr aufhören, und das Publikum, 360 Kids aus Kitas und Grundschulen in der Kesselhalle des Bremer „Schlachthofs“, geht begeistert mit. Abends spielen hier „Rising Stars“ im Rahmen der alljährlichen Messe „jazzahead!“ kurze Showcase-Konzerte, nicht zuletzt in der Hoffnung, von einem Veranstalter entdeckt und gebucht zu werden. Aber am ersten Vormittag ging es um Musik für die ganz jungen Zuhörer.
Ein Artikel von Klaus von Seckendorff

Nachdem 2018 bei der zweiten Fachtagung „Improvisation und Jazz für Kinder“ Schüler das Ergebnis eines Workshops auf die Bühne brachten, ging man 2019 noch einen Schritt weiter in Richtung „machen, statt ewig drüber reden“: mit drei professionellen Konzerten à 20 Minuten vor insgesamt 650 Kindern. Ein perfekter Einstieg, um anschließend auf der dritten Tagung mit diversen Vorträgen zu Theorie und Praxis über unterschiedliche Herangehensweisen zu diskutieren.

„Pepe & Speedy“ waren als Opener ein besonders interessantes Beispiel, schon deswegen, weil sie bewusst auf Sprache verzichten. Keine „kindgerecht“ pädagogischen Erläuterungen zu den Instrumenten, zu Improvisation oder gar der Frage „Was ist Jazz?“. Die Kinder sollen sich ihren eigenen Reim darauf machen können, wenn Pepe mit den Klappen seiner Bassklarinette Percussion spielt oder sein „Pepephon“ zusammensetzt, eine witzig verwinkelte Plastiktröte, auf der er aber auch „richtige Musik“ zustande kriegt.

Die Kleinen hörten sich durchaus konzentriert auch mal einfach ein schönes Stück an, das Thomas „Speedy“ Mauerhofer auf seiner Gitarre spielte. Besonders begeistert reagieren Kinder aber, wenn Musiker „Quatsch“ machen, mit ihren Instrumenten aufeinander losgehen oder sie anderweitig missbrauchen. Sind also Clownerien der Königsweg in Sachen Jazz für Kids? Der einfachste sind sie allemal, unverzichtbar auch für „Pepe & Speedy“, aber die wollen vor allem durch Musik überzeugen. Sie setzen eher auf Überraschungen, als auf Slapstick. Ihr bestens funktionierendes Konzept, bei dem die Kinder mitmachen, ohne dazu verbal aufgefordert zu werden, haben sie in Zusammenarbeit mit einer erfahrenen Musikvermittlerin entwickelt.

Solches Coaching sollte vor allem dafür sorgen, dass eine Grundidee richtig funktioniert. Nicht so ganz geklappt hat das bei „Jazz mit Kick“, einer seit 2005 bestehenden, musikalisch bestens besetzten Truppe aus Köln mit der Pianistin Laia Genc am Klavier. Gute Einfälle gab es zwar durchaus, wenn die Kinder zum Beispiel bei Soli pantomimisch mit­mischten: Statt Luftgitarre spielten sie Luftsaxophon oder -trompete. Aber die Rahmenhandlung des aufwendigen Projekts mit zwei Moderatorinnen („Melodie“ und „Rhythmus“) ließ sich nur schwer überzeugend durchziehen. Musikweltmeisterschaft statt Fußball-WM? Unterwegs ging dieser rote Faden öfter ganz verloren (oder lag’s an der Verkürzung des Programms?).

Die Kinder blieben am Ball, aber als am Schluss behauptet wurde, das Ergebnis sei „besser als eine Fußball-WM“, gab es dafür zwar Beifall, aber nicht wenige Fußballfans riefen auch ein empörtes „Nein“.

Auf unterschiedliche Weise erwiesen sich die Kinder so als „das beste Publikum der Welt, ebenso neugierig und offen wie ehrlich und anspruchsvoll“, wie Markus Lüdke, Geschäftsführer des Mitveranstalters Musikland Niedersachsen, den Jazzmusikern die Zielgruppe nahezulegen pflegt. Die Bremer Kids stiegen auch auf eine eher konservative Showcase-Variante ein, auf „Das verrückte Jazzkonzert“ mit einem Sextett aus Österreich, dessen jazzhalber souveräne Herren sich mit der Rolle als „leicht verrückte“ Darsteller gelegentlich schwer taten. Ist eben nicht ihre Kernkompetenz. Ihre Regisseurin hatte zum pädagogischen Geschehen aber viele nette Ideen beizutragen: Was Improvisation ist, verdeutlichte der Pianist, der ordentlich geübt und Noten dabei hatte. Als die ihm lis­tig entführt wurden, musste er sich etwas einfallen lassen und – improvisierte bis man ihm die Noten wieder aufs Klavier legte. Bei einer unwiderstehlich  groovenden Funknummer präsentierte man zum Break passend jedesmal kurz ein Schild „Pause“. „St. Thomas“ von Sonny Rollins verführte zum Mitklatschen (auch so ein Klassiker bei Kinderkonzerten), beim „Free Jazz“ hielten sich die Kinder vergnügt die Ohren zu.

Als anschließend die Musiker für Fragen der Tagungsteilnehmer zur Verfügung standen, bestätigten sich die Erfahrungen von Sascha Wild, Leiter des Frankfurter Projekts „Jazz und Improvisierte Musik in die Schule!“: „Musiker, die sich nicht mit Vermittlung und Pädagogik befassen, unterschätzen häufig, dass man an die besondere Rolle auf der Bühne kompetent rangehen muss. Das kann über Learning by Doing laufen oder auch mal über eine ganz besondere Präsenz von Musikern, aber Beratung tut oft gut. Guter Wille allein reicht nicht aus.“ Wild ist selbst Moderator bei zahlreichen Kinderkonzerten, die mehr als 10.000 Schüler mit Jazz in Kontakt gebracht haben.

Zur Frage, wie nachhaltig denn ein, zwei Konzerte pro Jahr an einer Schule sein können, meinte er: „Ein positives Erlebnis kann – wenn der Funke bei manchen wirklich übergesprungen ist – schon lange tragen. Aber grundsätzlich funktioniert Nachhaltigkeit natürlich nur, wenn Jazz wirklich in den Regelunterricht integriert wird. Die Lehrpläne sind ja sehr offen formuliert. Beim Jazz gibt es allerdings weniger Unterrichtsmaterialien, als bei Pop oder Rockmusik. Und manche Lehrer haben wenig Erfahrung mit Jazz und deshalb Berührungsängste.“

Wenn die Schulen den Wert von Jazz und Improvisation als Musterbeispiel für Austausch und Zusammenarbeit erkennen, kann für Jazzmusiker durchaus ein relevanter neuer Markt entstehen. Bleibt die Frage, wie das finanziell funktionieren soll. „Da braucht’s schon Unterstützung“, räumt Wild ein. „Aber es gibt ja Fördervereine an den Schulen und Mäzene. Geld ist eigentlich durchaus da. An die 300 Euro sollten für einen Musiker schon drin sein. Dafür muss er allerdings Anträge stellen, Überzeugungsarbeit leisten, das Thema Förderung in die Hand nehmen.“ Geld gibt’s zum Glück offenbar auch für eine vierte Fachtagung auf der jazzahead! 2020. Und hoffentlich für noch mehr Showcase-Konzerte – als Anschauungsmaterial und Angebote, die zum Buchen von „Jazz for kids“ animieren.

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