Spaß statt üben


(nmz) -
Liebgewonnene Konventionen des Übens aufgeben, stattdessen Spaß haben mit dem Material und spiel- wie experimentierfreudig das Stück erkunden, es wie beiläufig aufnehmen. So lockte die Fortbildung „Üben im Flow“ des Violinisten und Psychologen Andreas Burzik, die der Tonkünstlerverband Bayern e.V. am 26. März 2022 im Münchner Rubinsteinsaal veranstaltete.
Ein Artikel von Oliver Fraenzke

„Flow“, also „Fluss“, das ist dieses eine Gefühl, das wir als Musiker*innen natürlich besonders bewusst auf der Konzertbühne erleben, wenn Zeit und Raum verschwimmen, wir nur in den Tönen und deren Entstehen aufgehen. Auch Sportler berichten von dieser Erfahrung. Als „Microflow“ ohne die Tiefe solch fundamentaler Ereignisse kennen wir es auch von routinierten Hausarbeiten, vom Spazierengehen oder von anregenden Gesprächen, in denen man förmlich versinkt. Andreas Burzik erklärte, dass dieser Zustand höchste Kreativität und Anregung mit sich bringt, als Idealzustand für Lernprozesse gilt, denn nur hier seien die ansonsten im Ausschlussverfahren arbeitenden Areale im Gehirn für das Aufnehmen und für das Verarbeiten parallel aktiv. Bedauerlicherweise vermögen wir nicht, uns aktiv in Flow zu versetzen: Dafür stellte Burzik eine Reihe von Herangehensweisen vor, die den Eintritt in diese Sphäre fördern.

Seine Methode hat Andreas Burzik nicht im Kopf erdacht und mit klar definierten Regeln versehen (was dem Flow-Gefühl ohnedies nicht zuträglich wäre), sondern er entdeckte Ansätze dessen durch Zufall in vorerst scheinbar unproduktiven Momenten des Übens, die überraschenderweise noch schneller zum Ziel führten als der routinierte Arbeitsmechanismus. Durch sein Studium zum Psychologen konnte Burzik sich das Phänomen erklären und brachte seine im Laufe der Jahre immer weiter verfeinerten Erkenntnisse im Rahmen der Fortbildung den Teilnehmer*innen eindrücklich nahe.

Mit Witz und Sympathie machte er den Prozess schmackhaft, legte dabei mit ausgesprochenem Scharfsinn übliche Fehler der musikalischen Ausbildung offen, konnte diese anhand der aktiven Teilnehmer*innen für jede*n nachvollziehbar auf der Bühne aushebeln. Burziks Methode, das „Üben im Flow“ schafft sich eine Komfortzone, die zunächst denkbar distanziert erscheint vom Übestück, sich im Laufe wie von selbst und spielerisch der Konzertversion immer weiter annähert, indem sie den Komfort dorthin ausstrahlen lässt. Durch Sinneswahrnehmung, besonders Tastsinn und Hörsinn, ließ er die Teilnehmer*innen mit wenigen Tönen experimentieren, bis sie den eigenen Idealvorstellungen von Klang und Fingergefühl möglichst nah waren. Er aktivierte den Körper und ließ sie mit der Musik mitschwingen. Dies, so Burzik, stelle den inneren „Kontrolletti“ still, der nur an Richtig und Falsch denke, somit einem Lernprozess eher hemmend entgegenstehe. Wie durchschlagend sich der Unterschied gestaltet, demonstrierte seine schlichte Aufforderung „Und jetzt ohne Körper, so wie gelernt“, durch die von einer Sekunde auf die andere die Wirkung der Musik kippte, die gleichen Töne und Rhythmen träge erschienen – zumindest bis zu dem Moment, wo Bewegung, Tast- und Hörsinn reaktiviert wurden. Statt zu üben sollten Musiker*innen lieber wie ein Kind erspielen, ertasten und erleben, das Material ruhig vollständig dekonstruieren, um es auf andere Weise zu erleben. Dass sich dies als zielführend erweist, konnten die übrigens ständig involvierten, in offenem Miteinander kommunizierenden Teilnehmer*innen hautnah erleben.

 

 

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