Spektrum ausbreiten und Horizonte erweitern

Zum Musikfest 2013 der Münchner Gesellschaft für Neue Musik


(nmz) -
Die Beobachtung, dass sich Neue Musik häufig in Einzelaktivitäten zersplittert und ihre Verfechter synergetische Prozesse kaum zu nutzen verstehen, war ein wesentlicher Beweggrund für die Vereinsgründung der Münchner Gesellschaft für Neue Musik (MGNM) vor nunmehr 17 Jahren. Seither arbeitet die MGNM in verschiedenen Bereichen am Gedeihen der zeitgenössischen musikalischen Ansätze in ihrer Stadt.
Ein Artikel von Anke Kies

Um die jeweils neuen Aktivitäten bündeln zu können, wurde ein Feld gesucht, in dem diese in Streiflichtern präsentiert werden können. Reinhard Schulz, Gründungsmitglied und Vorsitzender der MGNM bis zu seinem Tod 2009, beschrieb die Situation so: „Freilich gab und gibt es Barrieren vor allem ästhetischer Natur, aber die Auseinandersetzungen darüber gingen mehr und mehr am Publikum vorbei, das zunächst einmal schlichte Information, das Ausbreiten des Spektrums wünschte, um selbst zu urteilen, um selbst zu neuen Horizonten zu gelangen. Auf dieser Basis entstand die Idee zu unserem Musikfest.“ Die Initiatoren rückten den Festcharakter an vorderste Stelle und wagten mehrere Konzertblöcke, die zwölf Stunden andauerten. Das Projekt fand Zustimmung, so dass man sich zum Weitermachen entschloss. Aber auch so ein Fest will organisiert und finanziert werden, auch wenn die Interpreten ohne Honorar spielen und die Organisatoren ehrenamtlich arbeiten. Das Kulturreferat der Landeshauptstadt kümmert sich um den finanziellen Rahmen, die Programmgestaltung obliegt einem Gremium, das aus eingereichten Vorschlägen auswählt. Zum Einreichen animiert werden Interpreten, auch Komponisten, die mit ihrem Beitrag den gegenwärtigen Stand der eigenen Aktivitäten dokumentieren wollen. Bisher befand sich die MGNM immer in der glücklichen Lage, auf viele Vorschläge zurückgreifen zu können. Die so entstandenen Konzertprogramme legen hörbar Zeugnis davon ab.

Ein markanter Höhepunkt war das zweitägige Jubiläums-Musikfest zum zehnjährigen Bestehen der MGNM im Jahre 2005. Dank der Unterstützung durch die Siemens-Musikstiftung und das Kulturreferat München kam es zur Vergabe von sechs Kompositionsaufträgen. Die Verlagerung der Aufführungen in einen Kirchenraum als zweiten Konzertsaal bedeutete zu dieser Zeit kluge Voraussicht. Mehr als 17 Stunden Neue Musik erreichte eine interessierte Hörerschaft.

In der Folge entwickelte die MGNM andere Formate. Für das Musikfest gab es eine Zäsur. Der dadurch entstandene Freiraum bot Platz für die Gesprächskonzert-Reihe „verhört“. Seit 2006 kamen auf dem Podium mehr als 25 Komponisten zu Wort, die zudem in einem konkreten Kontext auf ihr künstlerisches Schaffen aufmerksam machen konnten. Das auf der Haut Brennende kann zur Sprache kommen und nachgehört werden.

Mit dem Gedenkkonzert zum 60. Geburtstag von Reinhard Schulz 2010 wurde die Musikfest-Idee wiederbelebt, nun im biennalen Rhythmus ausgerichtet und jeweils durch ein themengebundenes Festival interpunktiert, zu dem auch auswärtige Künstler eingeladen werden. Das erste Projekt dieser Art im Herbst 2012 – „Verspielte Maschinen“ – war dann auch im Deutschen Museum bestens aufgehoben. In einer zweitägigen Veranstaltung wurden Kompositionen und Performances für Musik-Maschinen und -Automaten aller Art zur Aufführung gebracht. So ein Event trifft nicht nur hellhörig auf die Ohren, es vermittelt durchaus auch spannende visuelle Eindrücke. Die Arbeiten von Iannis Xenakis rückten in den Mittelpunkt und waren Inhalt eines kleinen Symposions. Der Vorsitzende der MGNM, Nikolaus Brass, definiert die Strukturen wie folgt: „Während die themengebundenen Festivals auch theoretisch durch Vorträge oder Symposien flankiert werden, steht beim Musikfest die Idee des pluralen Miteinander – ja und vielleicht auch des pluralen Füreinander im Vordergrund.“

Dass die so entstandene Musikfest-Idee lebt, zeigt die Vorbereitung zum diesjährigen Musikfest der MGNM, das am 16. März von 14 bis 24 Uhr stattfinden wird. Die Veranstalter konnten 36 Einreichungen zählen und mehr als 64 Musiker „verpflichten“ – eine enorme Koordinationsaufgabe für das Organisationsteam um Walter Mischo, das ja auch noch die Technik und Elektronik in ihre Überlegungen mit einbeziehen muss. Mit dem Spielort „Schwere Reiter“ steht eine Plattform zur Verfügung, die nicht nur dem Muff etablierter Räume musikalischer Präsentation zu entkommen versucht, sondern für alle nur denkbaren kammermusikalischen Besetzungen und Formationen Platz bereithält. Im vorläufigen Ablaufplan des Musikfests sticht die Vielfalt der Gruppierungen sogleich ins Auge. Kaum ein Instrument, das fehlt. Die Struktur der Musikfeste lässt eine Fokussierung auch gar nicht zu. Ein Programm, das noch nicht gehört werden kann, liest sich erst einmal als pure Information. Mehrere Konzertblöcke mit jeweils cirka. sechs Darbietungen verleihen dem Programm Kontur. „Klassische“ Konstellationen wie Klavier vierhändig, Stimme oder Solo-Instrument und Klavier kooperieren mit außergewöhnlichen Besetzungen: Klarinette/Marimbaphon, Klavier/Laptop, Saxophon/Klavier, Viola/Akkordeon, Flöte/Bassflöte/Klavier, Klavier/Kartenspieler, E-Gitarre/Kontrabass/Schlagzeug/Live-Elektronik – um einige Beispiele zu nennen. Aber auch Kompositionen für Hackbrett, Bass-Flöte und Cembalo, die in einem der Neuen Musik zugewandten Programm nicht unbedingt vermutet werden, kommen zu Gehör. Die Verwendung von Elektronik dagegen ist signifikant. Es fällt auf, dass im Sog der (unzensierten) Einreichungen Stücke ins Programm gespült werden, die wohl anderswo im Gestrüpp wie auch immer gearteter Vorgaben hängen bleiben würden. Das ist ein erfreulicher Effekt, der sicher der Akzeptanz des Konzepts geschuldet ist. Die Vielzahl der Komponisten und Interpreten, die am Musikfest teilnehmen, verbietet eine Namennennung – Interessierte können sich vorab über die unten genannten Informationsquellen informieren. Der Kreis der Akteure grenzt zwar einen festen Kern ein, lässt aber auch einen Trend zur (ausdrücklich gewünschten) Öffnung erkennen.

MGNM Musikfest 2013
16. März 2013, 14.00–24.00 Uhr
Schwere Reiter, Dachauer Straße 11, München, www.schwere-reiter.de
Eintritt € 10,-/ ermäßigt € 7,-
Karten nur an der Abendkasse
Info unter www.mgnm.de

Die Festidee wird 2013 auch unterstrichen durch ein „Pausenprogramm“ mit Noten- und CD-Ausstellung und einen DJ-Auftritt.

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