Stimulation und Veränderung durch Musik

Therapeutische Zugänge in der Altenarbeit und Gruppentherapie


(nmz) -
Klaus Leidecker: Das Leben klingen lassen. Musikintervention in der Sozialpädagogik. Essen, Die Blaue Eule, 2004, ISBN 978-3-899240-81-8, 14,00 Euro
Ein Artikel von Michael Dartsch

Unter dem im Untertitel erscheinenden Terminus „Musikintervention“ werden hier therapeutische Zugänge in der Altenarbeit und der Gruppentherapie, elementar-pädagogische Grundlagen sowie Gedanken zu einer „Akustischen Ökologie“ und zur Musik im Märchen präsentiert. Während die therapeutisch orientierten Abschnitte eine stärkere inhaltliche Einheit bilden, könnten die anderen Teile auch für sich stehen und komplettieren sozusagen das Mosaik der Beschäftigungsfelder des Autors. Klaus Leidecker, Professor für Musikpädagogik an der Fachhochschule Darmstadt, geht es weniger um die stringente Entwicklung eines logischen Konzeptes; das Buch wirkt eher skizzenhaft und lässt häufig assoziativ erzählend Erfahrenes aus der praktischen Arbeit einfließen. Der Autor verwendet keine trockene Wissenschaftssprache, sondern sucht die Tiefen der Musik und des Seelischen auszuloten und lässt Raum für den Sinn zwischen den Zeilen.

Als „schöpferische Handlungsformen“ für die Altenarbeit nennt Leidecker das Lied, die symbolisch aufgeladene Instrumentalimprovisation sowie meditative, sitzend ausgeführte „Gebärdentänze“. Die Planung der Musikstunden orientiert sich an den Erfahrungen der vergangenen Stunde und an den Bedürfnissen und der Tagesverfassung der Teilnehmenden. Den Beginn bilden die „Grundgebärden des Lebens“: Empfangen, Danken und Loslassen, die zu kreisender Musik ausgeführt werden. Im „inneren Entwicklungsgang“ der Stunde sind sodann Elemente der Improvisation, Volkslieder, Raum für Gespräch und Spürübungen wichtig. Berührend sind die Episoden aus der Einzelarbeit des Autors mit der 97-jährigen Frau K., die schon bereit war „hinüber“ zu gehen, dösend „drüben“ zu schnuppern schien und sich gleichwohl auf intensive musikalische Dialoge einließ. Niemals geht es um Unterhaltung, die am „eigentlichen Leben“ hindert; immer steht das „Eigentliche“ im Zentrum, das Leidecker in der Transzendenz und individuellen Besonderheit des jeweiligen Lebens sieht, die sich im Eigenschöpferischen verwirklicht und in der Musik Resonanz finden kann.

Im Folgekapitel macht der Autor den Ansatz „Guided Imagery and Music“ von Helen Bonny, den er in einem Weiterbildungszentrum kennen lernte, für die Gruppentherapie fruchtbar. Innere „Reisen“ mit Musik unterschiedlicher Qualitäten führen dabei vom anfänglichen Schutzbedürfnis über Öffnung und Aufbruch zu Selbst-Begegnungen und schließlich zu Ruhe, Dankbarkeit und der Wiederhinwendung zum Alltag. Darüber hinaus reflektiert Leidecker ausgewählte Grundmerkmale von Musik und gibt Hinweise zur Professionalisierung der „Begleiter“, sprich: Therapeuten, etwa zur intuitiven und morphologischen Analyse von Musikstücken für die Therapie. Psychologische Hintergründe (Strobel, Grof) werden hier nur angedeutet oder erwähnt, nicht aber weiter entfaltet. Der eher knappe Umfang der Schrift hätte hier sicher noch Raum für Vertiefungen geboten.

Im Kapitel zur „Akustischen Ökologie“ wird in Anlehnung an Murray Schafer die Welt als Komposition und die menschliche Gemeinschaft als akustische Gemeinschaft verstanden. Leidecker beklagt die akustische Isolation des modernen Menschen und sieht die Wiederermöglichung des Hörens in einer intakten Lautsphäre als Aufgabe der Musikpädagogik an. In seiner eigenen Arbeit verfolgt er dieses Ziel mittels der Gruppenimprovisation, kreativer Entspannungstechniken und der Beschäftigung mit musikanthropologischen Fragen.

Das folgende, aus einem Vortrag erwachsene Kapitel bringt Thesen zur Elementaren Musik, die diese im Sinne einer Selbstaktualisierung und Selbstverwirklichung des Menschen beschreiben. Anschließend skizziert Leidecker resümierend Arbeitsbegriffe einer „personalen Musikpädagogik“. Im letzten Teil finden sich schließlich 40 Thesen zur Musik im Märchen aus Leideckers gut 20 Jahre zurückliegender Dissertation. Zum Ausklang bietet der Autor ein Gedicht über das Kettenkarussell an, das als Bild einer Stimulation und Veränderung durch Musik interpretiert werden kann. Wie diese Zeilen, so will das ganze Büchlein nicht nur rational begriffen, sondern auch als Einladung zum Nachspüren verstanden werden.

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