Stradivaris sind Primadonnen

Der Streichinstrumenten-Auktionator Georg P. Bongartz im Gespräch


(nmz) -
Die Liebe zur Violine liegt offensichtlich in der Familie: Georg P. Bongartz (63) ist nicht nur der Vater von Star-Geiger David Garrett, er betreibt in seiner Heimatstadt Aachen auch das europaweit einzige Auktions-Spezialhaus für Streichinstrumente. Der gelernte Jurist hat in seinen 35 Jahren als Auktionator schon viele Holzjuwelen in der Hand gehalten und weiß: Eine Stradivari kann launisch sein wie eine Diva.
Ein Artikel von Burkhard Schäfer, Georg P. Bongartz, Sibylle Schäfer

Man darf sich ihr nicht blindlings nähern…

neue musikzeitung: Herr Bongartz, in einem kürzlich durchgeführten Blindtest mit mehreren Geigentypen haben die Stradivaris unerwartet schlecht abgeschnitten. War das für Sie eine Überraschung? 

Georg P. Bongartz: Es gibt so viele Bedingungen zu beachten, unter denen die Stradivari ihren Ton überhaupt in aller Vollkommenheit entfaltet, dass ich bezweifle, ob diese alle genügend berücksichtig wurden. Da ist zuerst der Geiger selbst: Kann er eine Stradivari richtig behandeln, um aus dem Instrument die entsprechenden Töne hervorzulocken? Ist das auch die Stimme des Geigers? Wenn das nicht der Fall ist, wie soll der Zuhörer beurteilen, welche Qualität diese Geige hat? Man muss auf jeden Fall einen versierten Spieler fragen, der sein Instrument ganz genau kennt, und ich glaube, dann wird man feststellen, dass eine Stradivari, auch wenn es nicht die allerbeste ist, immer noch so viel Restqualität hat, dass sie einem modernen Instrument deutlich überlegen ist.

nmz: Welche Faktoren sind es, die ausschlaggebend sind für den Ton einer Stradivari? 

Bongartz: Bei der Stradivari fordert quasi jeder Ton eine spezielle Formung. Der Geiger muss sein Instrument völlig im Griff haben und absolut mit ihm vertraut sein, etwa so, wie ein Formel-Eins-Pilot seinen Rennwagen kennen und beherrschen muss. Er muss wissen: Wie reagiert der Wagen im Extrembereich? Hier entscheiden winzige Details, genau wie bei dem Stradivari-Spieler: Setzt der Geiger den Finger oder Bogen nicht genau an der richtigen Kontaktstelle auf, wehrt sich das Instrument sofort. 

nmz: Wie hat Antonio Stradivari seine berühmten Instrumente konzipiert?

Bongartz: Stradivari hat sein eigenes Modell aus der Schule der Amati kommend weiterentwickelt. Jedes Detail seiner Instrumente ist perfekt ausgearbeitet, und das ist Stradivaris Verdienst. Kein anderer Geigenbauer hat diese Vollkommenheit erreicht, alle Nachfolger haben sich an ihm orientiert. Seine berühmtesten Instrumente stammen aus der sogenannten Goldenen Periode zwischen 1700 und 1720. Alle Geigen aus dieser Zeit entsprechen dem Goldenen Schnitt. Gewissermaßen einen Kontrapunkt dazu bilden die Violinen von Giuseppe Guarneri. Man kann das Verhältnis der beiden Instrumente vielleicht mit den beiden Tenören Plácido Domingo und Luciano Pavarotti vergleichen: Die eher weibliche Stimme von Domingo entspricht dem süßen, femininen Klang einer Stradivari, und die eher maskuline, herbe und erotisierende Stimme von Pavarotti passt zum Ton der Guarneri. 

nmz: Was hat Guarneri beim Geigenbau anders gemacht?

Bongartz: Guarneri hat jedes Instrument sehr individuell, fast schon nach Lust und Laune, gebaut. Auch jede Schnecke ist anders. Das ist wie ein Picasso-Strich, der jedes Mal individuell und neu, aber immer genial ist. Guarneri ist gewissermaßen der Antipode von Stradivari. Niccolò Paganini war der erste große Geiger, der den Stellenwert von Guarneri erkannt und dann das Interesse anderer Geiger an diesen Instrumenten nach sich gezogen hat. Heute übertrifft eine Spitzen-Guarneri manchmal sogar den Preis einer Stradivari. Was den Klang angeht, ist es eine Geschmackssache. Um es noch einmal mit den Tenören zu sagen: Der eine mag lieber Pavarotti, der andere Domingo.

nmz: Woran liegt es, dass einige Stradivaris so schwer zu spielen sind? 

Bongartz: Stradivaris sind Primadonnen, man kann sie vergleichen mit vornehmen, gebildeten Frauen. Sie wollen umworben und umschmeichelt werden. Ich erinnere mich da an ein Erlebnis: Der berühmte Geiger Arthur Grumiaux kam einst zu Besuch, um ein altes Instrument auszuprobieren. Er hat es wie eine Pochette an der Schulter gehalten und dann sozusagen erst einmal zehn Minuten lang darauf herumgespielt, um sich mit dem Instrument anzufreunden. Genau das muss man bei einer Stradivari auch machen. Wenn Sie in ein Konzert gehen und wissen, der Künstler spielt eine Stradivari, werden Sie merken, dass sich die Geige in den ersten zehn Minuten nicht öffnet. Sie muss sich erst an das Raumklima gewöhnen. Erst dann wird der Ton weicher, und die Stradivari freundet sich mehr mit dem Geiger an. Es ist ein fragiles, sehr prekäres und auf Gegenseitigkeit beruhendes Abhängigkeitsverhältnis, das die Stradivari und ihr Spieler miteinander eingehen. Eine Guarneri ist da viel leichter zu spielen… 

nmz: Wie kommt es, dass eine Guarneri leichter zu spielen ist als eine Stradivari?  

Bongartz: Zunächst einmal „spricht“ eine Guarneri viel schneller „an“ als eine Stradivari, die launisch ist wie eine Diva. Die Zugänglichkeit der Guarneris ist diesem Geigenbauer zu verdanken, der auch das Holz, die Holzstärken, die Zusammenstellung des Materials zu verantworten hat. Viele Geiger spielen deshalb heutzutage lieber eine Guarneri, weil sie nicht so umworben werden muss wie ihre anspruchsvolle Konkurrentin. Bei einer Stradivari muss der Spieler jeden Tag wie ein Balletttänzer an der Stange mit seinen Übungen von vorn beginnen. Mit einer Guarneri können Sie sozusagen sofort „loslegen“. 

nmz: Wie viele echte Stradivaris gibt es überhaupt noch weltweit?

Bongartz: Von den etwa 1.200 Instrumenten, die Antonio Stradivari insgesamt geschaffen hat, existieren noch rund 600, aber das sind bei weitem nicht alles Topinstrumente, wie man sie sich wünscht und wie der Laie glaubt, dass sie auch zu klingen haben. Die gut erhaltenen, wenig restaurierten Instrumente mit viel Originalholz aus der so genannten Goldenen Periode kann man an vier, fünf Händen abzählen. 

nmz: Warum sind Stradivaris mehr als „nur“ hervorragende Instrumente? Im öffentlichen Bewusstsein sind diese Geigen ja ein regelrechter Mythos … 

Bongartz: Das liegt mithin daran, dass sie Klanginstrumente und Kunstwerke gleichzeitig sind. Neben der Einordnung in die entsprechende Periode spielt der Zustand des Instruments deshalb eine maßgebliche Rolle: Wie viele Risse hat die Geige? Wie sind diese unterlegt? Mit wie vielen Klötzchen? Hat die Geige einen Bodenriss? Solche Faktoren bedeuten eine erhebliche Wertminderung. Wie gesagt, als Kunstwerk bleibt eine Stradivari eine Stradivari, genauso, wie ein Picasso ein Picasso bleibt. 

nmz: Was hat es mit den so genannten „deutschen Stradivaris“ auf sich?

Bongartz: Das sind Instrumente des Tiroler Geigenbauers Jakobus Stainer, der im 17. Jahrhundert, also vor Antonio Stradivari, gelebt hat. Stainer hat ganz eigene Modelle geschaffen, die sich dadurch auszeichnen, dass die Wölbung insbesondere der Decke etwas steiler ist als bei den flacheren Stradivari- und Guarneri-Geigen. Damals im 17. Jahrhundert waren die Konzertsäle noch nicht so groß, man spielte auf kleineren Tasteninstrumenten wie Cembali, die natürlich nicht den Tonumfang unserer heutigen modernen Konzertflügel haben. Die Geigen haben sich nicht so schnell weiterentwickelt wie die Tasteninstrumente. Erst im 19. Jahrhundert wurde der Bassbalken vergrößert und der Hals verlängert, teilweise auch der Saitendruck erhöht, so dass die Violinen für einen großen Konzertsaal geeigneter wurden. Dennoch muss man sagen, es ist für Geiger sehr schwer geworden, in Bezug auf die Tragfähigkeit des Tons mit einem offenen Flügel mitzuhalten. Nur die wenigsten Violinisten, aber auch Geigen, sind dazu in der Lage. 

nmz: Was war für Sie das kurioseste Ereignis bei einer Auktion? 

Bongartz: Ein Orchestermusiker lieferte vor Jahren ein schönes französisches Cello zur Auktion ein, mit dem er nicht zurechtkam. Er wollte miterleben, wie hoch das Cello preislich geht und bemerkt plötzlich drei Meter neben ihm seinen Pultkollegen vom Orchester, der auf das Instrument steigert. Da gingen so mit ihm die Nerven durch, dass er dagegen geboten und das Cello schließlich zurückersteigert hat. Natürlich habe ich ihn hinterher darauf angesprochen und gefragt, wieso er das gemacht habe. Und da sagte er mir, er könnte es nicht über sein Herz bringen, seinem Pultkollegen dieses Cello zu überlassen. 

Interview: Burkhard und Sibylle Schäfer

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