Tiefe Einblicke in die Figaro-Welt

Überragender Werkführer: ein Sammelband zu Beaumarchais’ berühmter Trilogie


(nmz) -
Der Autor: Uhrmacher, Journalist, Handelsmann, Spion, Gefängnisinsasse, Pamphletist, Finanzjongleur – ah ja: auch Dramatiker. Seine Hauptfigur Figaro: in vergleichbar kunterbunter Vielfalt tätig. All dem versuchte 2013 ein Beaumarchais-Symposium der Wiener Musiktheaterakademie beizukommen. Denn „Der Barbier von Sevilla“, „Der tolle Tag“ und „La Mère coupable“ haben über die Schauspiel- auch die Opernbühne mehrfach er­obert und sind über heutige Zeitungsnamen nicht nur mit Zitaten in den Sprachgebrauch, sondern auch mit Melodien in die Allgemeinbildung eingegangen.
Ein Artikel von Wolf-Dieter Peter

Gefährliche Waffen: Spott und Lächerlichkeit

Nach der Einführung durch Wiens Operndirektor Dominique Meyer beginnt der Band geradezu klassisch: mit einem Beitrag von Jean-Pierre de Beaumarchais, einem entfernten Nachkommen, der sich mit Büchern befasst und die wohl – bis heute – gefährlichste Waffe seines Ahnen benennt: „Wit alone a change may bring“ – Spott und Lächerlichkeit sind das, was Mächtige am meisten fürchten. Über beides verfügte der Dramen-Autor und zog so Komponisten an, die das aufklärerische und „systemkritische“ Potenzial hinter Wortwitz und Situationskomik schätzten – und auch via Opernbühne populär machen wollten. Hier ist dem Wiener Universitätsprofessor Michele Callela zu widersprechen: Er stellt zwar fest, dass die Musikwissenschaft bis in die 1990er Jahre Werke kaum sozial- oder politikgeschichtlich betrachtet und eingeordnet hat; dennoch versucht er dann herausragende Autoren, ihre Ergebnisse und daraus gefolgerte Interpretationen als nachholende Zugeständnisse an den – wohl „linken“ – Zeitgeist abzutun, statt die heute unverzichtbaren Zugewinne etwa der Arbeiten von Udo Bermbach einfach in den aktuellen Stand zu integrieren: also etwa die Wahl da Pontes und Mozarts, Zensurgrenzen zu akzeptieren, gekonnt zu umgehen und eben dennoch Beaumarchais’ „Tollen Tag“ als Oper „Die Hochzeit des Figaro“ zu komponieren, in der 1786 eben ein Diener seinem adeligen Herren entlarvend „aufspielen“ will, dieser Adelige am Ende vor seiner ehemals kleinadeligen Angebeteten Rosina niederkniet und um Verzeihung bittet … Wer sich wie Callela mit dem 18.Jahrhundert und seinen aristokratischen Strukturen befasst, sollte doch von adeliger „Ambition-Distinction-Arkanhaltung“ genug wissen, um diese Attacken und Entlarvungen doch als „prä-revolutio­när“ zu bewerten.

Die übrigen neun Aufsätze bringen Gewinn: Figaro als hilfreicher Barbier, als Kammerdiener und Intrigenentlarver wird in allen drei Werken durchleuchtet; verschiedene Vertonungen zwischen Paisiello und Milhaud werden analysiert; eine Fülle von Querverweisen öffnet selbst Werkfreunden bislang unbekannte Aspekte und Verzweigungen von Themen und den übrigen Figuren.

Lohnende Horizonterweiterungen

Den Horizont erweitert etwa David Cranmers Essay zu Marcos Antonio Portugals portugiesischer „Hochzeit des Figaro“, die zum venezianischen Karneval 1799/1800 siebenmal aufgeführt wurde. Zu bedauern ist, dass die weiterführenden Vertonungen von Giselher Klebe („Figaro lässt sich scheiden“, Hamburg 1963) und Inger Wikström („Den brottsliga modern“, Solna 1992) nicht ebenso eingehend untersucht werden. Lediglich Komponist Thierry Pécou („L’amour coupable“, Rouen 2010) referiert Leitlinien seiner Vertonung, der über die Koproduktion mit der Genfer Oper aber bislang kein weiteres Bühnenleben zu attestieren ist. Mit großem Gewinn liest sich Hilde Haiders „Geschichte der Familie Almaviva“. Beaumarchais träumte ja selbst von einer Aufführung der Figaro-Almaviva-Werke an drei aufeinander folgenden Abenden. Haiders durchgängige Entwicklungslinien beleben diesen Wunsch; ihre Parallelentdeckungen in den südamerikanischen Telenovelas bis zur deutschen TV-Serie „Sturm der Liebe“ frappieren.

Einen weiteren Höhepunkt bildet Sieghart Döhrings Essay über John Coriglianos „The Ghosts of Versailles“, die 1991 an der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführt wurde: Beau­marchais, Marie Antoinette und fast alle übrigen Figuren begegnen sich als lebende Tote nachts in Versailles, durchleben einen Teil der Bühnenverwicklungen, aber auch die „Halsband-Affäre“ und die Guillotine (Pentagone-CDs aus der Los Angeles Opera). Döhring beeindruckt durch klare Sprache, verständliche Analyse der komplexen, weil oft filmischen Dramaturgie und Kompositionsweise sowie durch bestechende dramaturgische Einordnung.

Auch wenn nicht alle Werke behandelt sind: der Band lässt mit Personen-, Werke- und Rollenverzeichnis tief in die Beaumarchai’sche Figaro-Welt blicken und ist somit ein überragender Werkführer für den Theater- und Opernfreund.

  • Zwischen Revolution und Bürgerlichkeit. Beaumachais’ Figaro-Trilogie als Opernstoff, hrsg. v. Isolde Schmid-Reiter (Schriften der Europäischen Musiktheater-Akademie, Bd. 12), ConBrio, Regensburg 2019, 264 S., € 28,00, ISBN 978-3-940768-79-7

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