Über die Unsicherheit menschlicher Existenz

Das Metamorphosen Musiktheater deutete in Bremen „The Waste Land“ von T.S. Eliot


(nmz) -
Vergeblich warten die Menschen im 20. Jahrhundert, in ihrer Existenz vereinzelt und seelisch leer, auf Erlösung aus ihrer Misere. Das ist die beunruhigende Quintessenz im Poem „The Was­te Land“ (Das wüste Land) des anglosächsischen Dichters und Dramatikers T.S. Eliot (Literaturnobelpreis 1948), seine skeptische Erkenntnis der condition humaine zu Beginn der Moderne. Diesem Sujet hat das Metamorphosen Musiktheater bei einem Konzert im Oktober 2016 im Sendessal Bremen klangästhetische Konturen historischer und eigener Provenienz hinzugefügt.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Wobei die Musik die fünf Kapitel des poetischen Diskurses je nachdem Themen eröffnete, kommentierte oder wie eine Antiphon wirkte. Naheliegend, dass die unstillbare Sehnsucht des immer noch enigmatischen Tristan-Akkords von Richard Wagner, den June Telletxea am Klavier intonierte, in dieser Klangcollage zur umgestalteten Referenz wird, während sie als Sopranistin die bedrückende Melancholie des Textes durch Renaissance-Lieder von William Byrd und John Dowland verstärkte. Das Epos selbst rezitierte Niklas Trüstedt: seine sonore Bariton-Stimme, seine deutlich-einprägsame Artikulation und seine tadellose Lesefähigkeit hielten die Aufmerksamkeit der Zuhörenden wach, ja bannten sie. Doch dieser kontinuierliche Sprachsog war nicht beabsichtigt, vielmehr sollten gerade die Unwägbarkeiten auf dem Weg zur mythisch und literarisch aufgeladenen Sinnsuche als dominantes Sujet in „The Waste Land“ auch ein musikalisches Pendant bekommen.

Auf dieser Ebene übernahm Andreas Arend mit Eigenkompositionen, quasi als Intermezzi, die Rolle des lyrischen Klanginterpreten, indem sein fragiles „Rondeau für Theorbe“ schwebende Mikrointervalle hatte, die „Sonata für Chitarrone“ zwischen sperrigen Akkorden und zarten Motiven sowie „The Seafarer“ (nach einem altenglischen Gedicht) die Aktualität der Vergangenheit evozierte. So korrespondierten diese mehrdimensionalen Variationen über die menschliche Existenz, bei der sich das komplexe Poem von T.S. Eliot, Lied-Echos und Instrumente der Vergangenheit in einem ambitionierten Konzept mit Mikrotonalität kreativ begegneten, an diesem von Radio Bremen produzierten Konzertabend in einer perfekten Aufführung.

  • Der Mitschnitt wird am 11. Februar 2017 um 20.05 Uhr im Nordwestradio gesendet.

Das könnte Sie auch interessieren: