Ukulele, Hardrock, Termin beim Schlachter

Veröffentlichungen der Popindustrie im Juli


(nmz) -
Eddie Vedder – Ukulele Songs +++ R.E.M. – Lifes Rich Pageant – 25th Anniversary Edition +++ Def Leppard – Mirrorball +++ Mana – Drama Y Luz +++ Condense – Blue Sky +++ A Pale Horse Named Death – And Hell Will Follow Me
Ein Artikel von Sven Ferchow

An dieser Stelle wurden häufig Veröffentlichungen aus dem Hause Pearl Jam gelobt. Subjektiv zu Recht. Da macht das Soloprojekt des Pearl-Jam-Sängers Eddie Vedder keine Ausnahme. So befremdlich der Titel „Ukulele Songs“ klingt, so attraktiv wird das Album nach vier oder fünf Hördurchgängen. Es treffen sich: Vedder und eine Ukulele. Kitschig? Selten. Denn Vedders Stimme, seine Melodien und seine informelle Unaufgeregtheit lassen jeden Song am Hawaii-Klischee der umgehängten Flughafen-Blumen vorbeischrammen. Und zwischen der fadenscheinigen Melancholie der Ukulele schwimmt sich stets ein Happen Heiterkeit frei. Fest steht: Ein solches Album kann sich nur erlauben, wer über der Kritik steht. Diese Perspektive hat sich Vedder mit Pearl Jam erarbeitet. Kein mitreißendes, aber nahe gehendes Album. Hörhinweis: Broken Heart, Sleepless Nights.

Das neue R.E.M.-Album „Collapse Into Now“ wird nicht verdächtigt, ein Straßenfeger zu sein. Gut, wer da auf eine Karriere mit mehreren Höhepunkten zurückgreifen kann. Das vierte Studioalbum „Lifes Rich Pageant“ wird ebenso wie „Fables of the Reconstruction“ als 25th Anniversary Edition veröffentlicht. Das bedeutet zunächst eine Erinnerung an bessere R.E.M.-Songs. Aber auch remasterte Versionen. Eine zweite CD enthält neunzehn unveröffentlichte Songs und Versionen, die den Fan entzücken. Konstatieren darf man, dass „Lifes Rich Pageant“ 25 Jahre nach der Veröffentlichung für eine Band steht, die sich immer weiter von dieser musikalischen Auffassung entfernt hat. Schade. Oder Gott sei Dank? Hörhinweis: alles.

Die britische Hardrockband Def Leppard hat die Höhen und Tiefen ihrer Karriere genossen oder betrauert. Seit 1977/78 spielen sie im Kern zusammen und haben es geschafft, eine klare Grenze zum Haarschneiderinnen-Rock zu ziehen. Versuche, wie Bon Jovi zu klingen, mag es gegeben haben, doch die Wurzeln des Heimatortes Sheffield haben die Band geerdet. Was in über 30 Jahren Rockmusik unter dem Strich bleibt, zeigen Def Leppard auf „Mirror­ball“, einer kleinen Werkschau mit Hits, Gassenhauern und Mitstampfern. Die Treue der Fans belohnen sie mit drei neuen Studiosongs. Soll da etwa bald noch mehr kommen? Ein ganzes Album? Nun, Hardrock ist nicht verschwunden, er lebt nur auf einer anderen Insel. Hörhinweis: alles.

Dass erzkatholische Popmusik nichts Schlimmes ist, beweisen Mana mit jedem Album. Die mexikanische Band, die italienisch klingt, veröffentlicht mit „Drama Y Luz“ nach fünf Jahren wieder ein Studioalbum. Begleitet von 20 Millionen verkauften Alben und drei Grammys. „Drama Y Luz“ reiht sich tapfer in die Vorgängeralben ein. Popmusik, die glatt toupiert wurde, dennoch dieses Quäntchen Seriosität aufbringt, um die Mexikaner aus der trivialen Kommerz­ecke zu bugsieren. Schuld daran ist eine latente Traurigkeit, die als roter Faden fungiert. Weil diese nicht in Schmalzigkeit kollabiert, gefällt das Album durchgängig. Hörhinweis: El Dragon, Sor Maria.

Es dauert, bis man sich mit Condense­ und ihrem Album „Blue Sky“ anfreundet. Die Israelis zaudern zwischen Pop und Indierock. Der jedoch gewinnt die Oberhand und ermöglicht es, schöne Melodien zu entdecken und gute Zeiten mit dem Album zu verbringen. Allerdings: Es dürften gerne mehr Kanten sein. Hörhinweis: Hurting You, Annie.

Sollten Sie je einen Termin im Schlachthof wahrnehmen müssen, A Pale Horse Named Death und ihr Album „And Hell Will Follow Me“ weisen Ihnen den Weg. Selten war alternative Musik so spannend, dicht und intensiv. Nuancen erinnern an die alten, bösen Alice in Chains, dennoch ist APHND ein selbständiges Album gelungen, das man jedem Rockfan in allen Belangen ans Herz legen muss. Hörhinweis: alles.

Diskografie
Eddie Vedder – Ukulele Songs (Island, 27.05.2011)
R.E.M.– Lifes Rich Pageant – 25th Anniversary Edition (Capitol, 08.07.2011)
Def Leppard – Mirrorball (Basho Music, 20.06.2011)
Mana – Drama Y Luz (Warner, 27.05.2011)
Condense – Blue Sky (Rough Trade, 29.07.2011)
A Pale Horse Named Death – And Hell Will Follow Me (Steamhammer, 17.06.2011)

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