Ungewöhnliche Besetzungen, erweiterte Klangspektren

Fünf Jahre Progressive Chamber Music Festival 


(nmz) -
Eigentlich, meinte der Geiger Gustavo Strauß, sei es genau das, was sie machen wollten. Progressive Kammermusik, die insofern aus dem Rahmen fällt, als sie sich erweiterter klanglicher Ideen und Umsetzungsformen bedient. Und dann spielte das Paranormal String Quartet ein Stück, das sich auf südamerikanische Rhythmen bezog, ließ das Publikum ein anhaltendes Bordun-D als Basis einer Komposition singen und verteilte sich schon mal von der Bühne weg über den Raum, um das Sound-Erleben und das Zusammenwirken der Saiten anders zu gestalten.
Ein Artikel von Ralf Dombrowski

Es machte seine Musik in klassischer Instrumentierung, aber mit anderer Haltung, einer Mischung aus Grundleidenschaft für die Errungenschaften des Streichquartetts und dem von Klangneugier getriebenen Bedürfnis, die Gewohnheiten des Repertoires aus der Perspektive stilpluraler eigener Hörerfahrung fröhlich experimentierend zu erweitern. Es passte damit gut in das Programm des fünften Progressive Chamber Music Festivals, das der zwischen seinen zwei Heimaten München und New York pendelnde Geiger Gregor Hübner zusammen mit Gleichgesinnten wie dem Komponisten, Gitarristen und Clubmitbetreiber Gerd Baumann ins Leben gerufen hat. Selbst Teil des gerne klangforschenden Sirius Quartets startete er ein ähnliches Konzept bereits zwei Jahre zuvor in den USA und brachte Musiker:innen unterschiedlicher Stilprovenienzen mit Fokus auf klassisch zeitgenössischer Basis in einem Club zusammen. Die Nähe zum Jazz und experimentellen Pop, aber auch die Veränderungen des Konzertumfelds weg vom Smoking-Ambiente der Hochkultur ins Casual des Informellen bewährte sich und führte nun auch im Münchner Milla Club zum ersten kleinen Jubiläum des Festivals.

Trompete und Geige

Während der zwei Tage mit sechs unterschiedlichen Formationen griff Hübner selbst zweimal zum Instrument. Hinreißend kommunikativ und strukturell aus dem Moment heraus gestaltet etwa war sein Duo mit dem Trompeter Joo Kraus. Denn beiden bekam die Mischung des reduzierten Formats zweier Melodieinstrumente gut, die sie behutsam über Looper, Delays und weitere multiplizierende Technik erweiterten.

Der Raum zur Gestaltung bleibt weit und so konnten die beiden jazzversierten Improvisatoren sich mit viel flirrend ornamentierender Spielbegeisterung gegenseitig umgarnen. Im Munich Composers Collective hingegen, einer aus der ersten Liga junger Münchner Jazzmusiker:innen bestehenden 17-köpfigen Großformation zwischen Big Band und Kammerorchester, beschränkte Hübner sich weitgehend auf die Funktion des Impulsgebers und Komponisten, und stellte beispielsweise vier Stücke des Pianisten Sam Hylton aus dessen Ark-Noir-Repertoire an den Anfang des Konzertes, die mit viel musikalischem Zwischenweltpotential rhythmisch fließende und klangfarblich schweifende Elemente verknüpften.

Kontra-Altklarinette und Klavier

Und mit dieser Idee von Offenheit innerhalb eines konstruktiven Klangrahmens korrespondierten auch die übrigen drei Formationen des Festivals. Das Quintett Prisma Ambit der Pianistin Marina Schlagintweit etwa stellte sich in die Tradition des Modern Fusion und kombinierte zahlreiche elektronische Blubbersounds mit der Hörgestalt einer kompositorisch komplex agierenden Jazzband.

Das Bläserquartett Tetra Brass lud sich Joo Kraus für einen Oldtime-Standards in die Band, widmete sich aber darüber hinaus einer unterhaltsam weiten Fächerung von eigens für sie geschriebenen Lautkompositionen etwa des Australiers Alex Vaughan bis zu Bearbeitungen von Renaissance-Miniaturen John Dowlands.

Lightville schließlich stellte die romantisch charmante Duo-Kooperation der Pianistin Shuteen Erdenebaatar mit Nils Kugelmann in den Mittelpunkt, der anstatt seines üblichen Kontrabasses zur Kontra-Altklarinette griff und im Zusammenspiel die melodische Empathie feierte. Damit waren die Grenzen der zwei Festivaltage weit geöffnet und dokumentierten, mit welcher Leichtigkeit sich Musiker:innen, ihr Sujet und auch ein aufmerksames Publikum längst von der Enge der Vergangenheit verabschiedet haben.

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