Unterrichten in Zeiten von Corona (2)

Absolute Beginners 2020/06


(nmz) -
Im Sport spricht man gerne von „Motivation“ – das scheint so wichtig zu sein, dass es dafür extra Coaches gibt. Ich weiß nicht, wie es den Fußballern geht, die jetzt gerade mit der Geisterbundesliga beginnen, aber wenn ich meine eigenen Student*innen anschaue, so würde ich sagen, dass bei vielen von ihnen die Motivation gerade gen Null geht. Sie bräuchten dringend einen Coach, aber auf Grund der momentanen Lage kann ich diese Aufgabe nicht mehr so gut erledigen wie früher, da ich als Videobild nicht dieselbe Eindringlichkeit entwickeln kann.
Ein Artikel von Moritz Eggert

Das komplexe Gefüge aus Belohnungen (Konzerte) und Anforderungen (Deadlines für Konzerte), das bei den meisten dafür sorgt, dass sie beim Komponieren am Ball bleiben, ist komplett zusammengebrochen. Es gibt einfach keine Anreize mehr, etwas zu tun, daher tut man wenig. Und wenn ich mir die vielen Facebook-Posts meiner Kollegen anschaue, scheint es nicht nur Student*innen so zu gehen, auch Profis sind durch das große Nichtstun teilweise wie gelähmt. Nun bestünde ja die Hoffnung, dass man – auf sich selbst zurückgeworfen – wieder zu den wahren und hehren Gründen der Kunstproduktion findet, der vielbeschworenen „Kunst um der Kunst willen“, aber das ist natürlich in der Realität eher Wunschdenken.

Ich selbst kann mich an lange tatenlose Monate im Studium erinnern. Wenn gerade nichts dringendes anstand, nahm man sich zwar alles Mögliche vor, brachte aber weniges auf den Weg. Und man war Meister im Verschieben, dem Erstellen von nichteingehaltenen Arbeitsplänen und unerfüllten guten Vorsätzen. Mit der Zunahme von externen Verpflichtungen beim Übergang ins musikalische Berufsleben wurde man aber langsam besser, eine gewisse Routine der Selbstdisziplin zu entwickeln. Und schneller als man ahnte verwandelte man sich in eine effiziente Kreativitätsmaschine, die jede freie Minute kreativ nutzt.

Aber was ist überhaupt „Nichtstun“? Das Lieblingsbuch meines (sehr fleißigen) Vaters war der russische Roman „Oblomow“, dessen Hauptfigur nichts gelingt, weil Oblomow unendlich faul und träge ist. Die Menschen um Oblomow mühen sich ab in ihren Leidenschaften, während Oblomow kaum das Bett verlässt. Am Ende hat man aber das Gefühl, dass Oblomow selbst im Tod eine Weisheit erkennt, die die der anderen weit überragt, sein Lebensentwurf ist auch ein anarchischer in seiner milden Verweigerung.

Im Moment sind wir alle irgendwie Oblomows, ob wir es wollen oder nicht. Und wir gehen unterschiedlich damit um. Einer meiner fleißigsten Studenten – sonst ein schneller Vielschreiber – hat schon seit Monaten keinen Ton geschrieben. Er ist aber keineswegs unzufrieden oder frustriert, ganz im Gegenteil. Er genießt es, endlich Zeit zum Nachdenken zu haben, zum Bücherlesen, zum Phantasieren und in den Tag hineinträumen. Ich habe ihn sehr in dieser Haltung bestärkt. Zuerst einmal bin ich sicher, dass er keinerlei Probleme haben wird, wieder in die „Produktion“ einzusteigen, sobald das wieder möglich ist. Ich weiß, dass er an seinem Garten von Ideen arbeitet, der seinen zukünftigen Kompositionen Flügel verleihen wird.

Wir Komponisten sind nicht nur Akkordarbeiter, die Minute um Minute mit Musik füllen müssen. Wir müssen auch etwas erzählen können. Und dabei ist auch das Schweigen wichtig, das Zuhören, das In-sich-Gehen. Was ist schon Faulheit? Etwas, das im Auge der anderen entsteht. Solange wir nachdenken, uns nicht ablenken und benebeln, solange wir dem Nichtstun dieselbe Ernsthaftigkeit entgegenbringen wie dem „Schaffen“, solange wird auch etwas Interessantes daraus resultieren.

Ich bin schon sehr gespannt auf die Stimmen der wiedererwachten Welt. Was werden sie wohl geträumt haben in all der Zeit?

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