Utopie einer besseren Welt

Notizen zur Lage von Musikschullehrern, Freiberuflichen Musikpädagogen und Lehrbeauftragten


(nmz) -
Es war einmal ein Land mit etwa acht Millionen Einwohnern, das leistete sich 430 Musikschulen mit 7.000 festangestellten Lehrkräften. Dort existierte nicht nur ein Gesellschaftsvertrag darüber, dass jeder Bürger ein Instrument erlernen oder seine Stimme ausbilden solle, weil dies als Bestandteil einer ganzheitlichen Persönlichkeit angesehen wurde – nein, es gab darüber hinaus ein Musikschulgesetz, welches vorschrieb, dass musikalische Bildung außerhalb der allgemeinbildenden Schulen in kommunalen Musikschulen oder Landesmusikschulen erteilt werden solle. Alle Lehrerinnen und Lehrer dieses musiksinnigen Landes waren nicht nur ausgebildete Künstler, sondern auch angestellte Musikpädagogen mit Gehalt, Rente, Krankenversicherung und Arbeitslosengeld.
Ein Artikel von Andreas Kolb

Es war kein Zufall, dass dieses Land schon seit vielen Jahrhunderten große Musiker hervorgebracht hatte, seine gesamte kulturelle Bildung stand in dieser Tradition. Es konnte sogar passieren, dass in den Fernsehabendnachrichten anstelle der Börsenkurse ein Feature über einen verstorbenen Künstler oder eine herausragende Premiere – nicht nur in der Hauptstadt – ausgestrahlt wurde. Freiberufliche Musikschullehrer gab es praktisch nicht in diesem Land, da es wesentlich einfacher war, seinen Lebensunterhalt an einer öffentlichen Musikschule zu verdienen.

Nein, liebe Leser, gemeint war nicht die DDR, obwohl es dort bis zur Wende ein flächendeckendes und effizientes Musikschulsystem gab, das mit festangestellten Lehrpersonen arbeitete und – bei allen ideologischen Implikationen – vor allem auf exzellente Spitzenförderung ausgerichtet war. Dieses Land, in dem für den Instrumentalpädagogen Milch und Honig fließen, ist weder Geschichte, noch ein Produkt der übersteigerten Fantasie eines Musikjournalisten. Will man es erleben, muss man nur über die Grenze in unser Nachbarland Österreich fahren, in dem seit sechs Jahrzehnten ein völlig anderes Musikschulsystem entstanden ist als in Deutschland.

Märchen als Utopie

Seit wann stehen in der neuen musikzeitung Märchen, wo wir doch belastbare Fakten erwarten? Warum kommt der Autor hier nicht schneller auf den Punkt? Ganz einfach: Märchen kann man als Utopie einer besseren Welt auffassen, als ein Versprechen zukünftigen Glücks. Und geht es den Akteuren der kulturellen Bildung nicht auch um das Verfolgen von Glück im Sinne des Ermöglichens einer gelingenden Lebensführung? Zurück zum märchenhaften Musikschulmodell Österreich, wo man beim zweiten Hinsehen feststellt, dass dort auch nicht alles Gold ist.

Derzeit existieren in unserem Nachbarland – wie oben schon gesagt – über 430 Musikschulen an 1.452 Unterrichtsorten. Es unterrichten etwa 7.000 Lehrkräfte 206.000 Schüler. Umgerechnet auf Deutschland hieße das 4.300 öffentliche Musikschulen mit 70.000 hauptamtlichen Lehrern.Die österreichischen Musikschulen kann man in drei Typen aufteilen. In den Bundesländern Tirol, Kärnten, Oberösterreich und Wien herrscht der Typus „Zentrales Landesmusiksystem“ vor. In Salzburg und dem Burgenland der Typus „Zentrale Vereinssysteme“, und in den restlichen drei Bundesländern Vorarlberg, Steiermark und Niederösterreich das System „Kommunaler Musikschulen“. Private Musikpädagogen spielen, so Walter Rehorska, Präsident der AGMÖ, der Arbeitsgruppe Musikpädagogik Österreich, auf der D-A-CH-Tagung des Deutschen Tonkünstlerverbands (DTKV) Anfang November in Würzburg, nur in Graz und Wien eine Rolle, wo zahlreiche Musikstudenten aus der ganzen Welt als Nebenverdienst Instrumentalunterricht erteilen.

„Was die Festanstellung an Musikschulen angeht, ist uns Österreich einen großen Schritt voraus“, sagt der Präsident des Deutschen Tonkünstlerverbands Dirk Hewig in einem Interview zur jüngsten D-A-CH-Tagung „Der Freiberufliche Musikpädagoge – ein Beruf mit Zukunft?“ (Seite 50). In Österreich, so Rehorska, hat der Freiberufliche Musikpädagoge keine Zukunft. Das heißt aber nicht, dass im gelobten Land der festangestellten Musikpädagogen alles gut ist. Im Gegenteil: Der Trend zur Ganztagsschule beschleunigt – analog zur Situation in Deutschland – den Strukturwandel im Bereich der musikalischen Bildung.

Noch stärker als im deutschen System prallen in Österreich die festen Strukturen Ganztagsschule und Musikschule aufeinander. Rehorska wies darauf hin, dass das Ganztagsschulsys­tem in seiner jetzigen Form gar keine andere Wahl ließe, als die musische Bildung an den Tagesrand und damit in das kindliche Leistungstief zu verlagern. Dabei gebe es schon einige Pilotprojekte, die bewiesen hätten, dass eine gemeinsame Ausbildung im Alltag funktioniere und sogar Vorteile bringen könnte. In Österreich kommt es also in Zukunft darauf an, die Musik- und die Regelschule zu verschränken: das beginnt bei den Stundenplänen, der räumlichen Ausstattung und reicht bis zu Tariffragen. 

Ganztagsschule, acht- und neunjähriges Gymnasium, auch in Deutschland stellt dieser Strukturwandel die außerschulischen Bildungsträger vor neue Herausforderungen. Im Wettbewerb mit Sportverbänden und Kirchen suchen die Musikschulen ihren Platz im System. Wer nicht aktiv wird, bleibt außen vor: Die Würzburger Tagung von DTKV, AGMÖ und SMPV (Schweizerischer Musikpädagogischer Verband) hatte in Bezug auf diese Veränderungen hauptsächlich die sich wandelnde Rolle des freiberuflich tätigen Instrumentallehrers im Blick.

Situation in Deutschland

In Deutschland ist das Bild wesentlich uneinheitlicher als in Öster­reich. Freiberuflicher Musikpädagoge, freier Musikpädagoge, Privatmusik­erzieher, Privatmusiklehrer, Lehrbeauftragter, freiberuflicher Musiker: Schon diese Namensvielfalt deutet die verworrene Lage an und zeigt die Vielfalt möglicher  Berufsbilder (dazu auch die Resolution des DTKV auf Seite 49). Die jüngste ver.di-Umfrage zur „Situation der Musikschul- und Privatmusiklehrkräfte“ schreckte auf. Die wirtschaftliche Lage hat sich seit der letzten ver.di-Umfrage im Jahr 2008 dramatisch verschlechtert. Zitat ver.di: „Eine feste Beschäftigung mit einer Vollzeitstelle ist die absolute Ausnahme: Nur noch 8,5 Prozent der Befragten arbeiten in einer solchen, 58 Prozent der Lehrkräfte werden als freie Mitarbeiter beschäftigt – 2008 waren es 45 Prozent. Mit 1.030 Euro monatlichem Brutto­einnahmen gehören die hoch qualifizierten Lehrkräfte der deutschen Musikschulen zum Prekariat.“ (Mehr auf Seite 35).

Zu den so genannten Freiberuflichen Musikpädagogen muss man auch die Lehrbeauftragten an Musikhochschulen zählen: Auf der dritten Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten in Köln stellte die Sprechergruppe des Verbands die Ergebnisse einer Umfrage vor, die sie in den vergangenen Monaten unter den Kollegen an den 24 deutschen Musikhochschulen durchgeführt hatte. Auch hier ein ernüchterndes Bild: Nur 13 Prozent der dort befragten Lehrbeauftragten haben noch eine feste Stelle in einem Orchester und üben ihren Lehrauftrag als Ergänzungsbeschäftigung aus. Rund 63 Prozent bezeichnen ihren Lehrauftrag als wesentlichen Teil ihres Einkommens. 

Bei durchschnittlichen Honoraren zwischen 16,46 Euro bis 29,05 Euro – nur habilitierte werden besser bezahlt – eine unbefriedigende Situation (siehe hierzu auch das beiliegende Hochschulmagazin sowie den Kommentar auf Seite 1 dieser Ausgabe). Wie bei den Tonkünstlern in Würzburg wurde auch auf der Tagung der Lehrbeauftragten in Köln über die deutsche Grenze ins vermeintliche Nirwana geschaut, in diesem Fall jedoch auf das vermeintlich bessere „Schweizer Modell“: In der Confoederatio Helvetica werden Professoren längst nicht mehr auf unbefris­tete Zeit ernannt, sondern leistungsorientiert angestellt. Tendenzen wie diese zeigen die herrschende Verzweiflung darüber, dass der Kuchen gleich bleibt, oder gar kleiner wird, aber die Mitesser immer besser qualifiziert sind und immer zahlreicher werden – unter anderem auch deshalb, weil gute Instrumentalisten weltweit tätig sind und nach wie vor auf den attraktiven deutschen Markt strömen.

Was tun? 

Der Blick über die Grenzen kann Anregungen zu Veränderungen im eigenen Land geben, auch wenn man meistens ernüchtert feststellen wird, dass das deutsche System des öffentlich geförderten Musikbetriebs und das System der musikalischen Bildung weltweit gesehen immer noch Modellcharakter besitzen. Die Frage „Wie machen es die anderen?“ macht auch sehr deutlich, was es hierzulande zu erhalten gilt. Ohne Strukturwandel wird aber weder das deutsche, noch das österreichische Musikschul-Modell eine Zukunft haben. Für die freien Musikpädagogen ist die Frage, inwieweit sie sich künftig ins neue System der Ganztagsschule integrieren können, eine existenzielle. 

Ohne aussagekräftige Fakten können weder die Betroffenen noch die zuständigen Politiker Entscheidungen treffen: Wer sich weiter in die Materie einarbeiten will, kommt neben den erwähnten Umfragen und dem statistischen Jahrbuch des VdM auch an dem Buch „Musikschullehrer – ‚und was machen Sie beruflich?‘“ von Reimund Popp (2011, Darmstadt/Ober-Ramstadt) nicht vorbei. Der Autor bietet nicht nur eine Fülle von Fakten und Daten, sondern stellt diese auch in Zusammenhänge. Ein streitbares Buch, zu dessen interessanten Ergebnissen auch zählt, dass, trotz aller Kritik an den Zuständen, unter den heute aktiv tätigen Musikschullehrern eine hohe Zufriedenheit mit ihrem Beruf messbar ist. 

Revolutionen wurden noch nie aus Zufriedenheit angezettelt – vielleicht steckt in diesem Widerspruch zwischen prekärer wirtschaftlicher Situation und selbstbestimmter künstlerisch-pädagogischer Tätigkeit der Grund dafür, dass sich Allianzen aus DTKV, Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten, DOV, ver.di, VdM und privaten Musikschulen viel zu langsam bilden, und deshalb bisher auch nicht genügend politische Wirkung entfalten konnten. Dies scheint aber nur eine Frage der Zeit zu sein, denn im Bereich der musikalischen Bildung sind Musikschullehrer, freiberufliche Musikpädagogen und Lehrbeauftragte absolut systemrelevant. Sie haben es nur noch nicht bemerkt.

 

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